Arbeiten im Ausland

Das lohnt sich!

Warum Projektarbeit fern der Heimat für viele bayerische Mitarbeiter längst zum Job-Alltag gehört

Hätten Sie das gedacht? 57 Prozent ihres Gesamtumsatzes 2006 hat Bayerns Metall- und Elektro-Industrie im Ausland verdient. Vor zehn Jahren waren es noch 45 Prozent. Für viele Beschäftigte der Branche heißt das: Neue Zeiten sind angebrochen.

Heute Brasilien, nächste Woche Ungarn, dazwischen Rückmeldung in der heimischen Zentrale: Ohne persönlichen Einsatz von Mitarbeitern im Ausland geht es nicht, wenn Betriebe rund um den Globus Geschäfte machen wollen. Beschäftigte müssen ihr Wissen und ihre Erfahrung einbringen – und das direkt vor Ort: an firmeneigenen Fertigungsstandorten im Ausland oder bei Kunden, die Produktionsstätten neu bauen oder erweitern.

Das Ausland sichert heimische Arbeitsplätze Bayerns Metall- und Elektro-Betriebe drehen dabei an mehreren Schrauben: heimische und ausländische Forschung und Entwicklung, Zulieferung und Fertigung, Montage und Vertriebsaktivitäten. Am Ende muss unter der Gesamtrechnung ein Plus stehen. Es kommt auf die richtige Mischung an und auf passende Mitarbeiter.

„Wir schicken nur unsere Besten ins Ausland“, sagt Andreas Dauer vom Elektronikkonzern Semikron. 2006 konnten sich die Nürnberger Halbleiterspezialisten über ein Rekord-Wachstum von 30 Prozent plus freuen. „Wachstumstreiber sind unsere Spitzen-Exportzahlen aus Europa und den asiatischen Märkten“, erklärt der Leiter der Unternehmensentwicklung.

„Weil wir dort vorausschauend investiert haben, wachsen wir auch hier kräftig. Das Ausland zieht die Heimat-Standorte mit.“ In Japan etwa hat sich der Umsatz seit 2002 verfünffacht.

Mit der Verflechtung entstehen auch in der mittelfränkischen Zentrale neue Jobs. Knapp 1.000 Beschäftigte gab es dort noch fünf Jahre zuvor, heute sind es 400 mehr.

Gründe für Unternehmen, im Ausland aktiv zu werden, gibt es viele: niedrigere Personalkosten, ein besseres Verhältnis von Kosten zu Produktivität und die Erschließung neuer Absatzmärkte oder günstigerer Einkaufsmöglichkeiten. Dabei täuscht der Eindruck, dass hauptsächlich im Ausland gefertigt wird. So produzieren nur knapp ein Fünftel der heimischen Maschinen- und Anlagenbauer auch dort. Aber drei Viertel von ihnen verkaufen ihre Produkte ins Ausland.

Reisebereitschaft als Einstellungskriterium

Dennoch müssen bayerische Firmen natürlich im weltweiten Wettbewerb ständig am Ball bleiben. Dabei sind mobile und motivierte Mitarbeiter Gold wert. Für sie ist der Blick nach draußen wichtig: In einer modernen Arbeitswelt ist der Wille, sich für internationale Berufserfahrung zu öffnen, mehr gefragt denn je. Und immer öfter auch Einstellungskriterium.

Stefan Liese, Personalleiter beim Münchner Unternehmen Linde Engineering, ist mit seiner Aussage typisch für die Branche: „Reisebereitschaft muss bei einem Großanlagenbauer selbstverständlich sein.“

Beispiel Saudi-Arabien: "Wir sind privilegiert“

München/Yanbu al-Bahr. „Ein Auslandseinsatz passte gerade gut in meine Planung“, erzählt Andreas Neumann. Der Planungsingenieur (34) hat für Linde Engineering von Januar bis Juni in Yanbu al-Bahr (Saudi-Arabien), gearbeitet. Am Roten Meer, etwa 400 Kilometer von Mekka entfernt, entsteht eine riesige Anlage für die Kunststoffproduktion. Linde baut dafür eine Luftzerlegungsanlage.

„Details in der Konstruktion kann ich jetzt besser bewerten“, sagt der Maschinenbauer und Vater von zwei Töchtern. Ein Beispiel: „Komplizierte Komponenten lassen wir in Europa vormontieren“, sagt er. „Denn spezialisierte Monteure sind vor Ort schwer zu bekommen – wie ich jetzt weiß.“

Zudem öffnet sich der Blick auf Dinge jenseits der Arbeit. Neumann ist klar geworden: „Wir Europäer genießen eine sehr privilegierte Lebens- und Bildungssituation.“

Beispiel Ukraine: „Lieber mehr Verantwortung“

Kitzingen/Stryj. Osteuropa ist ihre zweite Heimat: Marion Beck (40) hat bei Leoni schon 1996 in einem neuen Werk in Polen den Schneideraum für Kabel neu eingerichtet und Mitarbeiter daf ür geschult.

Nun lebt sie in der Ukraine - schon zum zweiten Mal nach 2002 bis 2005. In Stryj, nahe der Grenze zu Polen, montiert Leoni im größten osteuropäischen Werk täglich Tausende Bordnetze.

Die Kfz-Mechanikerin, die etwas Polnisch und Ukrainisch spricht, gibt ihr Wissen und ihre Erfahrung gern weiter. Und: „Ich habe hier mehr Verantwortung als in Deutschland.“ Für sie ist das ein Grund zu bleiben.

Beispiel Kamerun: „Besser als nur im Büro“

Rosenheim/ Douala. Rund um den Globus reist der Hochfrequenzspezialist Manfred Hellstern für die Rosenheimer Firma Kathrein. Er prüft und installiert Sendeanlagen – zuletzt in Douala (Kamerun).

Der 62-jährige Ingenieur ist „froh, immer wieder neue Leute und Länder kennenzulernen“. Auch wenn es zuweilen anstrengt: „Das ist Abwechslung pur und besser als st ändige Büroarbeit.“

Beispiel China: Neugier und Respekt

Schweinfurt/Schanghai. Von Unterfranken nach Fernost: Jürgen Scholl war mit Familie für 2,5 Jahre in Schanghai. Seit 1990 ist der Maschinenbauingenieur beim Wälzlagerhersteller SKF tätig, hat in der Produktentwicklung, technischen Beratung und im Marketing gearbeitet. „Immer mal wieder Dienstreisen – so bin ich ins internationale Geschäft hineingerutscht.“

„Im starken Wettbewerb, vor allem bei der Instandhaltung, müssen wir durch exzellenten Service herausstechen“, sagt Scholl. Das heißt: Rundumbetreuung, auch vor Ort, gehört dazu.

Nach Schanghai wurde er als Mann für Strategie, Verkauf, technische Gesamtberatung und Qualität geschickt. Chinas Stahlindustrie macht bereits ein Drittel der weltweiten Produktion aus. Und das Geschäft mit Umwelttechnik wie Windkraftanlagen boomt. „Da sind Großlager gefragt“, so Scholl. „Und wir wollen früh ganz vorne dabei sein.“

Technische Detailkenntnisse, Wissen um asiatische Besonderheiten, Neugierde und Respekt – das alles hat Scholl in Balance gebracht. Bevor sein Vertrag für China auslief, kam das nächste Angebot: Der 42-Jährige verantwortet seit Juni die SKF-Großlager – weltweit.

Interview: Viele Kulturen in einem Team

Wie sich mehr internationale Kontakte auf unser Arbeitsleben auswirken, erforscht Professor Torsten M. Kühlmann an der Universität Bayreuth.

AKTIV: Was bringen Auslandseinsätze dem Mitarbeiter?

Kühlmann: Fern der Zentrale hat man viel Handlungs- und Entscheidungsspielraum. Das verändert nach der Rückkehr auch oft die Arbeitsabläufe. Man kann und will mehr Verantwortung tragen. Neben der persönlichen Weiterentwicklung verbessert eine Auslandserfahrung auch die eigenen Chancen am Arbeitsmarkt.

AKTIV: Werden Auslandseinsätze bald auf breiter Basis üblich?

Kühlmann: Es werden zwar die klassischen Auslandsentsendungen von drei bis fünf Jahren zurückgehen. Aber dafür kommen mehr Geschäftsreisen und Kurzaufenthalte. Und der Austausch zwischen deutschen Mitarbeitern und Kollegen ausländischer Standorte wird zunehmen.

AKTIV: Heißt das, unsere Jobs werden weltumspannender?

Kühlmann: Ja. Angesichts des Fachkräftemangels werden deutsche Firmen auf Fachkräfte vor Ort setzen und nur ab und zu einen erfahrenen Mitarbeiter dorthin schicken. Für den Bedarf hier müssen ergänzend ausländische Fachleute angeworben werden, auch wegen der zunehmenden Internationalisierung mittelständischer Firmen. Das Ausland kommt zu uns nach Deutschland.

AKTIV: Wie kommen wir mit den verschiedenen Kulturen zurecht ?

Kühlmann: Man sollte diese Unterschiede nicht überschätzen. Manchmal funktioniert die Zusammenarbeit zwischen einem Inder und einem Deutschen gleichen Alters besser als zwischen jüngeren und älteren Deutschen. Das kommt immer auf die Personen und die Situation an.


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