Chemie-Tarifrunde

Das Krisenbündnis steht


Einmalzahlungen, Beschäftigungssicherung, Ausbildung und Übernahme

Würzburg. Zwei Tage hartes Ringen der Tarifpartner in Würzburg. Am Ende besiegelt ein Handschlag den Abschluss: einmalig 550 Euro für jeden der 550.000 Beschäftigten aus 1. 900 Betrieben der chemischen Industrie. Firmen, die von der Wirtschaftskrise weniger betroffen sind, legen nochmal 200 Euro pro Nase drauf. Der Tarifvertrag gilt für 11 Monate.

Positionen lagen weit auseinander

Die Verhandlungsführer sind erleichtert. „Das war eine schwere Geburt“, sagt Peter Hausmann von der Chemiegewerkschaft (IG BCE), während er seine Krawatte festzieht. Für den  Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) stimmt Hans-Carsten Hansen zu: „Wir haben es geschafft.“

Und so sieht das Ergebnis aus: Zu den Einmalbeträgen kommt das Versprechen, weiterhin möglichst auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten. Neben Kurzarbeit und tariflichen Öffnungsklauseln sollen dabei neue regionale Netzwerke helfen.

In diesen Zusammenschlüssen der Tarifparteien soll die zeitweise Vermittlung von Beschäftigen aus nicht ausgelasteten Betrieben in Unternehmen mit besserer Auftragslage gefördert werden.

Top-Thema bleibt die Ausbildung: Die Branche stellt bis 2013 jährlich 9.000 Ausbildungsplätze zur Verfügung. Zudem gibt es einen Nachwuchssicherungsfonds, der Azubis die Übernahme in den Beruf erleichtern soll (siehe unten: „25 Millionen für zusätzliche Übernahmen“).

Rückblick. Zu Beginn der Verhandlungen liegen die Positionen weit auseinander. Knackpunkt  ist die Einschätzung der Wirtschaftslage: Stecken die Unternehmen noch in der Krise, oder geht es wieder aufwärts? Tatsächlich hat es Teile der Branche hart getroffen. Die Produktion brach 2009 um 10 Prozent ein.

Dadurch wurde der letzte Tarifabschluss von 2008 für die Betriebe zu einer schweren Hypothek. 4,4 Prozent plus Einmalzahlung hatte es damals gegeben, sowie eine weitere Erhöhung 2009 um 3,3 Prozent.

Doch diesmal stellt Hansen klar: „Entgeltsteigerungen sind nicht drin!“ Hausmann kontert: „Eine Nullrunde wird es mit der Gewerkschaft nicht geben!“

Keine Dauerbelastung für die Unternehmen

Bei strahlendem Sonnenschein verziehen sich die 170 Teilnehmer in den fensterlosen Verhandlungssaal. Später beraten die Tarifparteien getrennt. Immer wieder sieht man Männer wie Frauen mit angestrengtem Blick und dicken Ordnern durch die Gänge flitzen.

Obwohl die Lager klar getrennt sind, schauen beide Seiten über den Tellerrand. Wie beim gemeinsamen Essen. Die Sitzordnung sieht eine klare  Trennung der Parteien vor. Doch daran hält sich niemand. „Nix da, wir machen gemischte Sauna mit dem Klassenfeind“, ruft einer.

Trotz der Gegensätze wird miteinander geredet. Das ist die Stärke der Sozialpartner. So kommt es zu einer Lösung, die der sehr unterschiedlichen Lage der Unternehmen in der Krise gerecht wird.

„Diese Bandbreite könnte man nicht mitteln“, erklärt IG BCE-Vorsitzender Michael Vassiliadis später, „es kam nur eine Einmalzahlung in Frage.“

Auch Hansen ist froh über die Regelung: „So vermeiden wir eine Dauerbelastung für die Unternehmen.“

Die Zahlungen im Einzelnen

Die Beschäftigten erhalten bis Ende Juni 2010 einmalig 550 Euro. Für Schicht-Arbeiter gibt es 611 Euro (Teilkonti) und 715 Euro (Vollkonti).

Firmen, denen es schlecht geht, können diese Zahlung auf 300 Euro kürzen (Teilkonti 333 Euro, Vollkonti 390 Euro). Der Betriebsrat muss in diesem Fall zustimmen. Azubis bekommen einmalig 150 Euro.

Betriebe, die von der Krise nicht wesentlich betroffen sind, legen nochmal 200 Euro drauf (Teilkonti 222 Euro, Vollkonti 260 Euro).

Sabine Latorre

25 Millionen für zusätzliche Übernahmen

Das Ziel: Arbeitslosigkeit verhindern

Würzburg. Viele Betriebe können es sich aufgrund der Krise finanziell nicht mehr leisten, ihre Ausgebildeten wie geplant zu übernehmen. Jetzt hilft der neue Tarifvertrag „Brücke in Beschäftigung“.

Die 1.900 Chemie-Firmen zahlen 25 Millionen Euro in einen Nachwuchssicherungsfonds ein, um das Modell „1.000 für 1.000“ zu finanzieren.

Das funktioniert so: Ein zusätzlich übernommener Ausgebildeter, der ansonsten arbeitslos geworden wäre, kann mit einem monatlichen Zuschuss von bis zu 1.000 Euro über einen Zeitraum von 12 Monaten unterstützt werden.

Bekommt zum Beispiel ein Chemikant in Nordrhein-Westfalen im ersten Berufsjahr 2.460 Euro (ohne Zuschläge), so deckt der Beitrag gut ein Drittel der Personalkosten ab.

„Das Modell ist freiwillig und ausdrücklich für die Zeit der Krise befristet“, so der Bundesarbeitgeberverband Chemie. Eine generelle Pflicht zur Übernahme gibt es in der Chemie nicht.

Insgesamt wollen die Tarifparteien auf diese Art etwa 1.000 zusätzliche Übernahmen pro Jahr anregen.


Vertrag „Zukunft durch Ausbildung“

Die Arbeitnehmervertreter freuen sich über dieses Engagement der Unternehmer: „Es ist toll, bei dem engen Spielraum der Tarifparteien so etwas hinzukriegen“, lobt zum Beispiel Robert Oswald, Betriebsratsvorsitzender des Chemiekonzerns BASF in Ludwigshafen. „Gerade für die jungen Menschen setzt das Modell ein Zeichen in Richtung Zukunft und Nachhaltigkeit.“

Gut kommt auch die Zusage der Arbeitgeber an, weiterhin eine große Zahl von Ausbildungsplätzen bereitzustellen. Bis zum Jahr 2013 sollen es 27.000 sein, also jährlich 9.000. Damit läuft der ursprünglich bis Ende 2010 bestehende Vertrag „Zukunft durch Ausbildung“ weiter.

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