Viel zu tun in Deutschland

Das Jobwunder geht weiter – bekommt aber Gegenwind von der Politik

Essen. Wird der Mensch in der modernen Arbeitswelt noch gebraucht? Wenn Computer Routinearbeit übernehmen, Maschinen Muskelkraft ersetzen und Billigarbeiter in Asien deutsche Facharbeiter ausstechen? Scheinbar nicht.

Die Wirklichkeit sieht anders aus. 2013 wurde in Deutschland so viel gearbeitet wie seit 20 Jahren nicht: 58,1 Milliarden Stunden. 2015 sollen es sogar 58,7 Milliarden sein. Auch nach Personen gerechnet setzt sich das Jobwunder noch eine Weile fort: „Dieses und nächstes Jahr steigt die Zahl der Erwerbstätigen insgesamt um rund 400.000“, präsentiert Professor Roland Döhrn vom RWI in Essen die jüngste „Gemeinschaftsdiagnose“ von acht Forschungsinstituten.

Kann sich die Regierung also selbstgefällig zurücklehnen? „Den Aufschwung am Arbeitsmarkt kann sie sich nicht auf die Fahnen schreiben“, fügt Döhrn hinzu. „Im Gegenteil: Der Mindestlohn und das Rentenpaket sind beschäftigungsfeindlich – und die Dynamik dürfte im kommenden Jahr auslaufen.“

Das billige Geld der Notenbank heizt auf kurze Sicht das Wachstum an

Das Jobwunder ist Ausdruck der Wettbewerbsfähigkeit deutscher Produkte – aber auch der Politik des billigen Geldes: Der Leitzins der Europäischen Zentralbank, zuletzt nur 0,25 Prozent, „ist für die deutsche Wirtschaft viel zu niedrig“, erklärt Jörg Krämer, der Chefvolkswirt der Commerzbank. Die Wirtschaftsleistung und damit das Arbeitsvolumen lege daher auf kurze Sicht deutlich stärker zu, „als es die stagnierende Erwerbsbevölkerung eigentlich erlaubt“.

Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer steigt sogar kräftiger als die der Erwerbstätigen insgesamt: 2013 waren es im Jahresdurchschnitt 29,4 Millionen, gut 900.000 mehr als noch 2011. Auch hier dürfte es zunächst weiter aufwärtsgehen. Doch bei der Arbeitslosigkeit geht es im Gegenzug kaum noch abwärts: dieses Jahr wahrscheinlich nur um 85.000. „Die neuen Stellen“, so RWI-Forscher Döhrn, „werden aller Voraussicht nach zu einem erheblichen Teil mit Zuwanderern besetzt – sowie mit Personen aus der stillen Reserve, die sich jahrelang nicht beim Arbeitsamt gemeldet haben.“

Auf der Strecke bleiben vor allem die meist schlecht qualifizierten Langzeitarbeitslosen: Immer noch 1,1 Millionen Menschen sind schon ein Jahr und länger als Jobsucher registriert.

Und sie kriegen Gegenwind: „Die Chancen von Geringqualifizierten werden durch den Mindestlohn geschmälert“, urteilt Döhrn. Der werde bis Ende 2015 rund 200.000 Jobs vernichten, erwarten sechs der acht an der Gemeinschaftsdiagnose beteiligten Institute. Die beiden anderen halten das für „keineswegs zwangsläufig“. Der Startschuss für das Experiment ist jedenfalls gefallen.


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