Dänemark

Das frøhliche Vølkchen


Warum unsere nördlichen Nachbarn so glücklich sind

Wer in Kopenhagen dieser Tage sein Geld zum Fenster rausschmeißen will, dem sei das altehrwürdige Palace Hotel am Rathausplatz empfohlen. Weil der angejahrte Jugendstil-Bau gerade gründlich saniert wird, wohnt man dort auf einer lärmenden Großbaustelle. Für 400 Euro die Nacht!

Dass es allein deutsche Handwerker sind, die hier gerade Teppiche rausreißen, Türen streichen und Kabel verlegen, findet zumindest Rezeptionistin Talida ganz normal: „Euch Deutsche kann man anrufen, einen Tag später fangt ihr an.“ Mit den dänischen Handwerkern dagegen sei das nicht so einfach, gerade jetzt nicht, im Sommer. „Da sind die alle voll beschäftigt und nehmen erst gar keine Aufträge mehr an.“ Oder sie seien „on happy Holidays“: glücklich im Urlaub.

Arbeitsmarkt ist leer gefegt

Vollbeschäftigung und Glück – derzeit wohl die passendsten Schlagworte, um das kleine Dänemark zu beschreiben.

Denn beileibe nicht nur die Handwerker, das ganze 5,5-Millionen-Völkchen ist richtig gut drauf. Eine Studie der Universität Leicester in England kürte die Dänen unlängst zum glücklichsten Volk der Welt. Und wann immer die Statistiker des „EuroBarometer“ die EU-Bürger mal wieder nach ihrem Gemütszustand befragen, landen die Dänen ganz oben: 97 Prozent bezeichnen sich aktuell als „sehr oder ziemlich glücklich“.

Die Ergebnisse für Deutschland muten da fast sauertöpfisch an: Mit 82 Prozent „Glücksquote“ liegen wir noch unter dem EU-Schnitt (85). 

Für ihr seliges Lächeln  haben die Dänen aber auch ganz irdische Gründe. Seit Jahren brummt im kleinen Königreich die mittelständisch geprägte Wirtschaft. Gerade Kleinbetriebe aus dem Servicesektor blühen, der Arbeitsmarkt ist leer gefegt, im April lag die Arbeitslosenquote bei märchenhaften 1,8 Prozent – Vollbeschäftigung eben!

Wie machen die das bloß?

Stellt man Jukka Pertola diese Frage, dann lehnt der sich in seinem Stuhl zurück und klebt seinen Blick für einen Moment an die kieferne Kassettendecke seines Büros im Kopenhagener Vorort Ballerup. Pertola ist Chef der Siemens-Standorte in Dänemark, damit Boss von gut 4.700 Mitarbeitern, seit ein paar Monaten auch noch Präsident der Deutsch-Dänischen Handelskammer (AHK). „Es liegt vor allem an der extremen Flexibilität unseres Arbeitsmarkts“, sagt er schließlich. „Die Unternehmen können die Zahl ihrer Mitarbeiter schnell anpassen, Leute einstellen und auch wieder entlassen. Das fördert die Einstellungsbereitschaft der Betriebe.

Heuern und Feuern, je nach Auftragslage – was bei uns für helle Empörung sorgen würde, gilt im Königreich als Schlüssel zur dänischen Glückseligkeit.

Mit einer Ergänzung: Weil es praktisch keinen Kündigungsschutz gibt, sind dänische Mitarbeiter zwar leicht zu entlassen. Dann aber haben sie Anspruch auf ein üppiges Arbeitslosengeld von bis zu 1.800 Euro, maximal vier Jahre lang. Voraussetzung: Sie bemühen sich aktiv um einen neuen Job. „Flexicurity“ nennen die Dänen ihre Kombination von Flexibilität („Flexibility“) und Sicherheit („Security“).

Vom Fleischer zur Pflegekraft

Das System bewirkt Erstaunliches. So wechselt gut jeder dritte Däne Jahr für Jahr den Arbeitgeber. „Wegen der niedrigen Eingangsbarrieren ist es ein Leichtes, von einer Firma zur nächsten zu wechseln“, erklärt der Aalborger Ökonom Per Madsen. Auch die Angst vor einem Jobverlust ist – anders als in Deutschland – kaum verbreitet. Den Kopenhagener Soziologen Professor Peter Gundelach wundert das nicht: „Man weiß ja, dass man sofort wieder was Neues findet.“

So wie Jonas. Der 34-Jährige, eine Mischung aus Beachboy und Bodybuilder, steht vor dem staatlichen Job-Center in der Kopenhagener Innenstadt und brüllt gegen den Verkehrslärm in sein Handy. In der anderen Pranke hält er einen Flyer: „Asphaltarbeiter gesucht“, steht da drauf. Am anderen Ende der Leitung nennt ihm die Baufirma gerade die Details: 140 Kronen die Stunde, Arbeitszeit von 6 bis 15 Uhr, gern auch mal am Wochenende.

Nach gut zehn Minuten hat er den Job, es ist sein fünfter in zehn Jahren.  „Vorher war ich ein paar Mal Hilfs-Schlosser, dann Fahrer, jetzt baue ich eben Straßen“, sagt er. Obwohl ungelernt, war der Mann zuletzt gerade sieben Tage arbeitslos. Sieben Tage! „Der Mangel an Arbeitskräften ist so akut, dass auch Ungelernte schnell wieder unterkommen“, sagt Sven Fechner, Redakteur der Mitgliederzeitung der dänischen Nahrungsmittelgewerkschaft NNF, während er am Abend in einer Kopenhagener Gartenwirtschaft Spiegeleier spachtelt. „Und wer in seiner alten Branche nichts mehr findet, der wird eben bedarfsgerecht umgeschult.“ Aus bisherigen Fleischern würden so schnell Gefängniswärter, Pfleger oder Kinderbetreuer. „Der Pragmatismus ist hier größer als in Deutschland“, findet Fechner. Das gelte insbesondere für das Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften. „Es gibt hier keine ideologischen Grabenkämpfe, man zieht an einem Strang.“ Manchmal sei das schon „fast wie im Schrebergarten“.

Geborgenheit schafft Glücksgefühl

Der große Konsens hat Tradition: Seit über 100 Jahren schon regeln die Sozialpartner die Arbeitsmarktpolitik des kleinen Landes in Eigenregie, unaufgeregt und ohne lautes Tamtam. „Der Staat hält sich meist raus“, so Fechner.

Allerdings nicht aus den Taschen seiner Bürger: Um das dicht gewobene soziale Netz zu finanzieren, langt der Fiskus mächtig hin. Der Spitzensteuersatz liegt bei gut 63 Prozent, die Mehrwertsteuer beträgt 25 Prozent.

„Aber die Leute akzeptieren das“, sagt Peter Gundelach, der Soziologe. „Für uns ist der Staat wie ein Freund, dem man vertraut. Dieses Geborgenheits-Gefühl ist die Wurzel unseres Glücksgefühls.“

Während er das sagt, ziehen unter seinem Fenster streikende Krankenschwestern vorbei, auf dem Fahrrad, sie singen lachend Volkslieder.

Gundelach grinst. „So sind wir Dänen“, sagt er dann. „Selbst im Streik am liebsten fröhlich.“

Artikelfunktionen


Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren:

'' Zum Anfang