Musik-Kultur

Das Comeback der schwarzen Scheiben


Haste Töne: Die Schallplatte dreht sich noch - und wie!

Langsam senkt sich der Tonarm, mit einem sanften Knacks versinkt die Nadel in der Rille. Ein kleiner  Moment des Wartens – und dann ist das alte Musik-Feeling aus den Jugendtagen wieder da. Als es so was Neumodisches wie CDs und Musik-  Downloads noch nicht gab.

Und heute? Die Vinyl-Schallplatte – sie lebt immer noch. Und wie! Gut 60 Jahre nach ihrer Erfindung läuft sie so gut wie lange nicht mehr.

Ausgereiftes Speichermedium

Der Umsatz mit Langspielplatten hat sich in Deutschland von 2006 bis 2008 um die Hälfte erhöht. Allein im vergangenen Jahr gingen 900.000 LPs über den Tresen. Da die Erhebungen der Marktforscher viele klei­ne Plattenläden und den Internet-Handel nicht berücksichtigen, dürften die tatsächlichen Zahlen noch höher liegen.

Das Geschäft kam so in Schwung, dass der Bundesverband der deutschen Musikindustrie in seiner jüngsten Bilanz ganz euphorisch das „Comeback des Jahres“ für die LP ausrief. Und das in einem Zeitalter, in dem ein komplettes Plattengeschäft, verpackt im MP3-Format, auf ein paar Festplatten Platz finden würde.

900.000 LPs sind zwar nichts gegen die 145 Millionen CD-Alben, die der Handel im letzten Jahr los wurde. Aber: Der Tonträger Vinyl dreht sich besser als die digitalen Hightech-Medien DVD-Audio und Super-Audio-CD (SACD), von denen insgesamt 400.000 Stück weggingen.

Aber warum ist auf dem Plattenmarkt noch so viel Musik drin? „Die allerbesten HiFi-Klangbilder können nur von der Schallplatte kommen“, sagt Matthias Böde, Chefredakteur des Fachmagazins „Stereo“. Gründe: Die analoge Scheibe ist ein ausgereiftes Speichermedium, die besten Schallplattenspieler wurden erst nach der Erfindung der CD gebaut.

Solche Geräte stehen zum Beispiel im HiFi-Geschäft MSP von Thomas Rösner. „Viele jüngere Menschen haben eine Platten-Sammlung geerbt – und wollen jetzt einen vernünftigen Spieler“, sagt der Kölner. Er verkauft Dreher ab 250 Euro. Doch hochwertige Geräte etwa der Firma Transrotor aus dem nahe gelegenen Bergisch Gladbach sind ‘ne Ecke teurer: „Dafür können Sie am Ende bis zu 150.000 Euro auf den Tisch blättern.“

Die entsprechenden Platten gibt es bei Parallel, dem Laden von Thomas Rhein, ebenfalls Köln. Zu den Kunden gehören längst nicht nur der kauzige Opa mit Lederjacke und Pferdeschwanz, der gegen alles Digitale wettert. „Viele finden Schallplatten und die Cover einfach nur cool“, meint Rhein.

„Schallplatten hören ist doch so ’n kleiner Akt. Was drauflegen, sich zurücklehnen – und ein bisschen den DJ machen.“ In Zeiten, wo man sich fast alles runterladen kann, bleibt die Platte etwas Besonderes.

Sonderschichten sind angesagt

Das gilt auch für die Herstellung: Es pfeift, zischt, rattert und quietscht – in einem der letzten Presswerke Europas. Im niedersächsischen Diepholz produziert Pallas auf Maschinen, die zum Teil schon fast 50 Jahre auf dem Buckel haben. „Ich bin davon überzeugt, dass wir mindestens noch die nächsten sechs bis acht Jahre Vinyl machen werden“, sagt Geschäftsführer Holger Neumann.

Vor zwei Jahrzehnten stand er vor der Frage: Die alten Vinyl-Maschinen verschrotten? „Unser Instinkt sagte, lass sie stehen“, lächelt er. Jetzt sind die Auftragsbücher so gut gefüllt, dass der Betrieb zum Teil in zwei Schichten produziert. Täglich verlassen bis zu 18.000 Scheiben das Werk.

Frage zum Schluss: Wie viele Rillen hat eine Schallplatte? Zwei! Jeweils eine auf der Vorder- und Rückseite.

Wilfried Hennes

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