Mehr Chance als Problem

Das bringen uns die rumänischen Zuwanderer

Frankfurt/Nürnberg. Die Schicht war lang, Cristina Pele ist platt. Mit einem Pott Kaffee sitzt die Krankenschwester in einem Besprechungsraum des Markus-Krankenhauses in Frankfurt. Es ist Schichtübergabe, und sie informiert die Spätdienst-Kollegen über Wohl und Wehe der 20 Patienten auf der Station. Routiniert macht sie das, souverän, nur mit der Sprache hapert’s manchmal noch etwas.

Pele ist Rumänin und erst kurze Zeit in Deutschland. „Die Klinik hat in meiner Heimat Krankenschwestern gesucht, ich hab mich beworben, jetzt bin ich hier.“ Ihre Stationsleiterin nickt: „Cristina, wir sind froh, dass wir dich haben.“

Ortswechsel. Eine Industriebra­che im Gutleutviertel, nur ein paar Kilometer von der Markus-Klinik entfernt. Seit Monaten kampiert hier ein Dutzend Obdachlose in den düsteren und nasskalten Höhlen eines alten Betonfundaments. Ohne fließend Wasser, ohne Heizung, ohne Strom.

Auch sie kommen aus Rumänien. Der Unterschied: Keiner ist froh, dass sie da sind. Und deshalb ist es ein Reizthema. Mit einem „Wanderungssaldo“ (also Abwanderer schon gegengerechnet) von überschlägig 100.000 stellen die Rumänen dieses Jahr die größte Gruppe der Zuwanderer, erwartet das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg.

Seit Jahresbeginn, sieben Jahre nach dem EU-Beitritt ihres Landes, haben sie vollen Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt. Und jetzt streiten Politiker und Stammtische: Kommen da Fachkräfte, von denen unsere Wirtschaft profitiert? Oder Armutszuwanderer?

Die Krankenschwester Cristina Pele und ihre obdachlosen Landsleute in Frankfurt zeigen: Beides stimmt. Die große Frage also ist: Was stimmt mehr?

Sie kommen nicht aus blanker Not: Die Arbeitslosenquote in Rumänien ist kaum höher als bei uns

Für Professor Herbert Brücker, Migrationsexperte am IAB, ist der Fall klar. „Die Rumänen“, sagt er, „sind keine Gefahr für den deutschen Sozialstaat.“ Und für dieses Urteil hat der Mann ganz genau hingeschaut. Mit einer Studie hat er belegt: In Deutschland lebende Rumänen sind sogar seltener arbeitslos gemeldet als der Bevölkerungsschnitt, und sie beziehen auch seltener Sozialleistungen (Grafik rechts oben).

Laut Brücker dürfte sich das auch zukünftig nicht ändern. Zwar gebe es, wenn mehr Rumänen kommen, natürlich auch mehr rumänische Hartz-IV-Empfänger. Doch die neue Arbeitnehmer-Freizügigkeit eröffne vor allem neue Beschäftigungsmöglichkeiten. „Für Leute mit abgeschlossener Berufsausbildung ist es jetzt attraktiver, sich hier in Deutschland einen Job zu suchen“, sagt der Experte.

Was viele nicht wissen: Zwar liegt das Pro-Kopf-Einkommen in Rumänien nur bei einem Fünftel des deutschen Niveaus – aber die Arbeitslosenquote ist mit 7 Prozent kaum höher als bei uns und nur ein Viertel so hoch wie etwa in Spanien. Die Rumänen kommen meist nicht aus blanker Not, sondern aus Ehrgeiz.

Schon heute, sagt Heinrich Alt, Vorstand der Nürnberger Bundesagentur für Arbeit, seien sie in Deutschland oft in Mangelberufen tätig – etwa als IT-Experten, als Ärzte oder Krankenschwestern. „Und wir rechnen damit, dass unter den Neuzuwanderern jeder zweite eine gute Ausbildung mitbringt.“ Bernd Tews, Geschäftsführer des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste, sieht die Zuwanderung aus Rumänien gar als Glücksfall im Kampf gegen den Pflegenotstand. Man sollte dort noch stärker Fachkräfte anwerben. Die Rumänen kämen, „um zu arbeiten und ein besseres Leben zu führen“.

So wie Cristina Pele, die Krankenschwester. Es ist kurz nach 14 Uhr in der Markus-Klinik in Frankfurt, Pele hat Feierabend. In der nur drei Busstationen entfernten, frisch bezogenen Zweizimmerwohnung wartet schon der neunjährige Sohn Rázvan. In ihren lila Plastik-Latschen eilt Pele über den Krankenhausflur, nickt Patienten noch freundlich durch offene Zimmertüren zu, „bis morgen“, ruft sie.

Elf Jahre Erfahrung in einer Klinik in der Industriestadt Arad in Transsilvanien hatte sie bereits gesammelt, als sie im Internet das Stellenangebot des Markus-Krankenhauses sah. „Erst hab ich gezögert, ich hatte etwas Angst, konnte ja auch die Sprache nicht“, sagt sie auf dem Weg zum Lift. Zugegeben: Die ersten sechs Monate seien hart gewesen. Der Sohn in der Heimat bei seinen Großeltern, sie selbst allein im fremden Deutschland, „schön war das nicht“. Nach Intensiv-Sprachkurs dann erste Gehversuche auf Station. „Jetzt werde ich immer sicherer, habe mich eingelebt. Und ich will nie wieder zurück.“

Schwierigkeiten bei der Integration gibt es in einigen größeren Städten – und dort in wenigen Stadtteilen

Was aber ist mit der anderen Seite der Medaille? Was ist mit den Obdachlosen im Frankfurter Gutleutviertel? Oder Problemvierteln wie dem Duisburger Stadtteil Hochfeld? Dort verdächtigte die Polizei zuletzt binnen Jahresfrist nicht weniger als 997 Rumänen einer Straftat – jeden Zehnten. Solche Zahlen machen Schlagzeilen.

Aber Ulrich Maly, Präsident des Deutschen Städtetags, relativiert: „Wir haben es hier nicht mit einer flächendeckenden Herausforderung zu tun.“ Die Probleme ballten sich in einigen größeren Städten „und dort in wenigen Stadtteilen“.

Cristina Pele ist von der Debatte genervt. „Ich weiß, dass es Landsleute gibt, die sich hier nicht gut benehmen.“Aber alle in einen Topf werfen? „Die allermeisten“, sagt sie, ein bisschen weniger freundlich als zuvor, „sind aus demselben Grund hier wie ich: Wir wollen arbeiten.“


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