Konjunktur

"Daran hängen doch ganze Familien"


Die Autobranche steckt in der Krise - wie ein Zulieferer gegensteuert

Lüdenscheid. Holger Pieper schneidet Konturen in dicke Stahlplatten – auf den tausendstel Millimeter genau. Mit einer nagelneuen Maschine. Um die bedienen zu können, war Pieper zwei Wochen auf Lehrgang: „Für mich ist das eine ganz neue Technologie.“ Die alte Anlage schaffte hundertstel Millimeter. Nicht schlecht, aber das Beste ist bekanntlich des Guten Feind.

Pieper arbeitet beim Autozulieferer P.C.Turck in Lüdenscheid – und die Teile, die er zuschneidet, gehen an den firmeneigenen Werkzeugbau.

Überstunden runter, Resturlaub nehmen

Seine Maschine ist Teil eines 750.000 Euro teuren Investitionsprogramms, mit dem sich der Betrieb in den letzten Monaten für die Zukunft gerüstet hat. Das passt gut: Denn gerade jetzt, da die Autobranche in der Krise steckt, muss ein Zulieferer wie Turck gegensteuern. Zum Beispiel mit noch besserer Technik.

Die Firma entwickelt und produziert Komponenten für Kugelgelenke, Lenksysteme Stoßdämpfer sowie die Fensterhebetechnik. Problem: Wenn weniger Autos verkauft werden, trifft das auch die Zulieferer. Allein im Oktober ging der Pkw-Absatz bei uns um 8 Prozent zurück – die Ausfuhr der deutschen Hersteller sank um 10 Prozent. Deshalb drosseln sie die Produktion.

Für Holger Pieper heißt das: bis auf weiteres keine Überstunden, das Guthaben auf dem Arbeitszeitkonto verbrauchen und Resturlaub nehmen. Wie sich das auf sein Einkommen auswirkt, weiß er noch nicht: „Hauptsache, der Arbeitsplatz bleibt erhalten.“

Geschäftsführer Holger Schulte hat vor einigen Tagen die ganze Mannschaft – rund 100 Leute – versammelt, um die Lage zu besprechen. „Wir wollen jedem solange wie möglich sein Gehalt sichern.“ Auch ans Weihnachtsgeld möchte er nicht ran: „Was nützt das schönste Konjunkturprogramm, wenn die Leute nichts kaufen können? Daran hängen doch ganze Familien!“

„Alle müssen zusammenrücken“

„Die Worte sind sehr gut angekommen“, so Betriebsratsvorsitzende Christine Scala. Natürlich seien die Mitarbeiter unzufrieden, weil die bezahlten Überstunden wegfallen. Ihr Ehemann arbeitet bei Turck in der Stanzerei, dort gab es früher die meiste Mehrarbeit. Er wird demnächst 200 bis 400 Euro weniger nach Hause bringen. „Wir wissen noch nicht, wie wir ohne die zurechtkommen“, sagt die Qualitätsprüferin.

Aber nun müssten für den Erhalt der Arbeitsplätze alle zusammenrücken. Das bedeutet: „Nicht mit jedem Schnupfen zum Arzt gehen“. Dass es mal weniger Arbeit gab, hat sie schon erlebt – „aber eine solche Krise noch nicht“.

Firmenchef Schulte, der seit 24 Jahren bei Turck tätig ist, sieht Krisen aber auch als Chance. Bereits Anfang der 90er gab es eine Konjunkturdelle. Als der frühere VW-Chefeinkäufer Lopez Druck auf die Zulieferer ausübte, immer billiger zu werden, suchte die älteste Firma Lüdenscheids nach Einsparmöglichkeiten.

Sie produziert in einem 170 Jahre alten verwinkelten Gebäude. Die Abläufe wurden so verbessert, dass sich die Warenwege nicht mehr kreuzen. „Allein dadurch haben wir eine Menge Geld gespart“, sagt Schulte.

Er gibt sich selbstbewusst: „Auch jetzt werden wir kämpfen.“

Info: P.C. Turck

Das 1791 gegründete Familienunternehmen Turck stellt Komponenten für die Fahrzeugindustrie her. Außerdem verlassen jährlich 15 Millionen Clipse für Hosenträger, Schnullerketten und Namensschilder den Betrieb. Ein weiteres Produkt ist „Rotoclix“, das an medizinischen Geräten Kabel und Schläuche sichert.

Die Firma hat 100 Mitarbeiter und setzte im letzten Jahr 12,1 Millionen Euro um. Der Export steuerte 38 Prozent bei.

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