AKTIV-Reportage: Flutkatastrophe in Deutschland

„Da kommen wir schon durch“


Deggendorf. Das Haus nass wie eine Biberhöhle, die Möbel Schrott, die Küche, die Böden, seine heiß geliebten Bücher, alles hinüber. Aber Gerhard Landinger steht im Vorgarten seines Hauses – und er lacht.

„Hier, der Wahnsinn“, ruft er den schlammverspritzten Helfern zu, die gerade die Trümmer seiner Einrichtung auf einen Lkw wuchten. Und schwenkt ein Fotoalbum. Darin Familienbilder von der Hochzeit, der Taufe von Sohn Markus, gemeinsamen Urlauben. „Das lag im Keller“, stammelt Landinger, „in einer Plastikbox, ist trocken. Nix dran!“

Landinger und sein gerettetes Album, ein kurzer Moment des Glücks – mitten im Chaos.

500 Millionen Euro Schaden allein in Deggendorf

Deggendorf, Niederbayern: Eine knappe Woche, nachdem Dammbrüche Anfang Juni den Stadtteil Fischerdorf buchstäblich in den Fluten der Donau verschwinden ließen, läuft hier gerade das große Aufräumen. Das Wasser ist weg, zum großen Teil zumindest, jetzt wird der Schaden sichtbar. Und der ist gewaltig. Auf „etwa 500 Millionen Euro, grob geschätzt“, beziffert Josef Ehrl, Sprecher des Landkreises Deggendorf, die Schäden allein in diesem kleinen Teil des Notstandsgebiets.

Doch da ist noch was. Es scheint, als fördere die Flut mehr zutage als bloß Wasserstandsmeldungen, Schadensberichte und quälenden Streit über Deichbau-Projekte. Nicht nur in Bayern, auch an der Elbe, in Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein, überall wird klar: Wenn man schon eine Flutkatastrophe erleben muss, dann wenigstens im industriell hochentwickelten Deutschland!

Da mögen wir alle sonst auch noch so sehr über alles schimpfen, den Staat, die Steuerlast, die Bürokratie: Wenn einem das Wasser bis zum Hals steht, ist man ganz froh, wenn das Gemeinwesen alles aufbietet, was es hat (siehe unten „Was der Staat in Bewegung setzte“). Und wenn die Feuerwehr schnell da ist.

In Deggendorf kam sie morgens um sechs. „Da haben sie uns wachgeklopft“, erinnert sich Gerhard Landinger, der Mann mit dem Fotoalbum. Ein Damm drohte zu brechen, das Wasser kam, alle mussten raus aus dem Stadtteil, sofort. „Wir haben ein paar Aktenordner eingepackt, etwas Wäsche“, sagt Landinger, mit Schlammspritzern im schütteren Haar. „Das meiste ist im Eimer jetzt.“

Unklar, wann er wieder einziehen kann – aber immerhin läuft um ihn herum die Materialschlacht. Den ganzen Tag schon husten schwere Räumpanzer der Bundeswehr Abgaswolken in die Luft. Die Bundespolizei spritzt mit Wasserwerfern Schlamm vom Asphalt. Zu Tausenden rücken die Einsatzkräfte dem Chaos zu Leibe, das der wild gewordene Fluss hinterlassen hat.

Überall knattern Pumpen, dicke Schläuche winden sich in Gullischächte. „Wir saugen ab, was wir können“, sagt einer der ausgepowerten Männer vom Technischen Hilfswerk. „Und wenn wir gehen, kannst du hier von der Straße essen“, fügt sein Kollege trocken hinzu. Ziel der Aktion: den Grundwasserspiegel senken, damit auch der Rest der Brühe endlich versickern kann.

16 Stunden Dauerschicht haben die beiden Männer in den Knochen, jetzt schleichen sie auf nassen Socken in Richtung Stadthalle, wo die Einsatzkräfte auf Feldbetten kampieren. Hunderte Soldaten schuften in Deggendorf, dazu Männer vom Roten Kreuz, Feuerwehr, Bergwacht und 3.500 Freiwillige.

Arbeit ist für alle genug da: In den Vorgärten stapeln sich bunte Berge aus aufgeweichtem Hausrat. Sofas und Playmobil-Kartons, Fernseher, Holz-Kommoden. Als hätten die Häuser kollektiv ihr Inneres nach draußen gekotzt. „Was rausgestellt wird, wird so schnell wie möglich abgeholt“, betont Landkreissprecher Ehrl.

Und wie geht es weiter für die Deggendorfer? Mit Hausrat hätten sie sich aus Spenden schon versorgen können, sagt Landinger, auch einen Bautrockner habe man kostenlos gestellt bekommen. Und vom Chef gab’s Sonderurlaub.

„Die Hilfsbereitschaft hier ist einmalig, einfach bewegend“, sagt er. „Da weiß man, dass wir da schon durchkommen.“

Hintergrund

Zupackend: Soldaten in der Schlammschlacht. Foto: dpa

Was der Staat in Bewegung setzte

• Bis zu 20.000 Bundeswehrsoldaten gleichzeitig (Stand: 12. Juni) haben deutschlandweit bei der Bewältigung der Hochwasserlage angepackt. Damit ist die Flutkatastrophe des Jahres 2013 der größte humanitäre Einsatz in der Geschichte der Bundeswehr.

• Außerdem kämpften etwa 70.000 Feuerwehrleute gegen die Wassermassen, über 7.000 Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks und etwa 500 Bundespolizisten. Dazu kommen Zehntausende freiwillige Helfer.

• Auf insgesamt 12 Milliarden Euro bezifferte die Ratingagentur Fitch, die jetzt die Belastung der Versicherungen abschätzen muss, in einer flugs angefertigten Studie den volkswirtschaftlichen Schaden der Flut. Auf die Branche dürfte demnach eine Kostenwelle in Höhe von bis zu 3 Milliarden Euro zurollen. Damit kommt sie das aktuelle Hochwasser noch einmal deutlich teurer zu stehen als die letzte „Jahrhundertflut“ von 2002 (1,8 Milliarden Euro).

• Um die größte finanzielle Not der Flutopfer möglichst schnell zu lindern, hat die Bundesregierung eine Soforthilfe in Höhe von 100 Millionen Euro zugesichert. Dabei aber wird es höchstwahrscheinlich nicht bleiben. Auf den Weg gebracht ist ein zusätzlicher Fluthilfefonds in Höhe von 8 Milliarden Euro, den Bund und Länder füllen werden. Einen vergleichbaren Fonds gab es bereits 2002.

• In den von der Flut betroffenen Bundesländern wird Geschädigten zusätzlich Soforthilfe ausgezahlt. In Bayern beispielsweise 1.500 Euro pro Haushalt.

• Die staatliche Förderbank KfW wird ebenfalls 100 Millionen Euro an Hilfen in Form günstiger Kredite vergeben. Privatleute, Unternehmen und Kommunen können Kredite zu einem Mini-Zins von 1 Prozent beantragen.

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