Sehen Sie das Reh?

Cleveres Produkt von Motzener Kunststoff- und Gummiverarbeitung schützt vor Wildunfällen

Mittenwalde. Nur ein paar Schritte, und es kracht: 250.000 Mal im Jahr kommt es in Deutschland zu einem Wildunfall. 560 Millionen Euro Schaden sind es laut Versicherungswirtschaft, 3.000 verletzte Menschen, von denen 20 ihr Leben verlieren. Gut, wenn das Reh von den Schritten abgehalten wird: vom „Multi-Wildschutz-Warner“.

Montiert am Straßenbegrenzungspfahl, reflektiert er auf spezielle Art das Scheinwerferlicht: mit Hunderten kleinen Blitzen vor allem im blauen und grünen, kurzwelligen Spektrum. Wildtiere wie Hase, Wildschwein, Reh und Hirsch sehen besonders das Blau sehr gut. Zumal sie mit ihren seitlich platzierten Augen ein breites Sichtfeld haben.

„Anders als Scheinwerferlicht nehmen sie diese Blitze als Bewegung wahr, geraten nicht in Panik, sondern verharren und prüfen“, erklärt Detlef Roggan. Zwei, drei Sekunden, und das aus der Kurve auftauchende Auto saust vorbei, nichts passiert, alle bleiben heil.

Der 61-jährige Roggan, ein passionierter Jäger und Heger, hat die Wildtierampel über Jahre entwickelt. Das Produkt wird nun von der Firma Motzener Kunststoff- und Gummiverarbeitung in Mittenwalde (Brandenburg) in Serie hergestellt. Und: Wo diese Ampeln blitzen, sinkt die Zahl der Wildunfälle auf ein Fünftel.

Fast jede dritte Nacht war Roggan wegen eines Wildunfalls aus dem Bett geklingelt worden. Was tun? „Ich wusste um die Wirkung von blauem Licht“, berichtet der frühere Handwerksmeister. Er begann zu recherchieren, zu tüfteln, lag Hunderte Nächte bei Wind und Wetter auf der Lauer, um seine Idee auszutesten und zu verbessern.

Die acht Reflektoren sind in ihren Farbtönen auf das für Wildtiere sichtbare Lichtspektrum ausgelegt. Zudem variieren sie in der Anordnung. „So entsteht immer wieder ein neues Lichtbild, an das sich die Tiere nicht gewöhnen können“, so Roggan. Dazu gibt es Extras wie den leicht zugänglichen Schwamm, der die Tiere in der Fortpflanzungszeit mittels Duftstoffen von der Straße fernhält.

Unterstützung für sein Tun fand er anfangs weder in der Wissenschaft noch bei den Behörden. Erst das mittelständische Unternehmen glaubte an Roggans Idee und investierte. „Wir sahen sofort, dass die Wildampel eine Zukunft hat“, sagt Projektleiter Matthias König (40), Ingenieur und Firmenchef in spe.

Man konstruierte Spritzgusswerkzeuge für Grundkörper und Reflektoren, suchte witterungsbeständiges Material aus, organisierte die Herstellung im eigenen Betrieb und das Marketing. „Inzwischen haben wir ein deutsches und ein europäisches Patent angemeldet“, so König. Der Verkauf, auch ins Ausland, läuft gut an.

Mittlerweile zeigen auch Landkreise und Straßenmeistereien sowie der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft und das Bundesverkehrsministerium Interesse. Und am Institut für Wildbiologie der Uni Göttingen läuft ein finaler wissenschaftlicher Test. Bei dem, da sind sich Erfinder Roggan und Ingenieur König sicher, nur eines herauskommen kann: „Das Wild im freien Straßenlauf hält nur diese Ampel auf …“


Artikelfunktionen


Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren:

'' Zum Anfang