Was ist los im Reich der Mitte?

Chinas Wachstumseinbruch hat Folgen für Deutschland

Kurssturz: Chinas Konjunkturschwäche stresst auch diesen Händler an der Börse. Foto: dpa

Peking/Berlin. Die Zeiten, in denen deutsche Exportbranchen im Durchschnitt zweistellige Wachstumsraten im China-Geschäft meldeten, sind wohl erst mal vorbei. Maschinenbau und Elektro-Industrie etwa mussten in den vergangenen Monaten erleben, dass die Ausfuhren in das Riesenland sogar sinken. Ein Alarmsignal!

Schließlich verkaufte Deutschland letztes Jahr Waren für 74 Milliarden Euro in das Reich der Mitte. Die zuverlässig steigende Nachfrage trägt mit zu unserem Wachstum bei. Selbst während der globalen Wirtschaftskrise 2008/09 verschaffte der Boom aus China und anderen Schwellenländern Deutschlands Industrie Rückenwind.

Doch jetzt stolpert der Riese: Nachdem die Regierung in Peking schlechtere Konjunkturdaten meldet, sinken an Chinas Börsen die Kurse. Die Zentralbank greift ein, wertet die Staatswährung Renminbi massiv ab, doch die Aktien verlieren trotzdem zunächst weiter.

Das alte Modell zieht nicht mehr

„Chinas Wachstumsmodell der vergangenen 30 Jahre stößt an seine Grenzen“, sagt Sandra Heep von dem auf das Land spezialisierten Mercator Institute for China Studies (Merics) in Berlin.

Einst hatte das kommunistische Regime einfach Millionen Bauern von den Feldern geholt und an moderne, importierte Maschinen gestellt. So steigerte man die Arbeitsproduktivität – und begann eine atemberaubende Aufholjagd gegenüber den westlichen Industrienationen. „Diese ganz simplen Wachstumsstimulanzen helfen China inzwischen nicht mehr, dafür ist das Land zu weit entwickelt“, so Heep. „Und es leidet unter strukturellen Problemen.“

Die seien nicht zuletzt Folge des gigantischen Konjunkturprogramms, mit dem die Zentralregierung auf die Krise 2008/09 reagierte. „Staatsunternehmen wurden von der Regierung zu umfangreichen Investitionen aufgefordert, die das Wirtschaftswachstum stabilisieren sollten“, erläutert Heep. „Die Folge waren eine hohe Verschuldung und erhöhte Überkapazitäten etwa in der Stahlproduktion und im Schiffbau.“

Zudem erschweren steigende Löhne das Geschäft auf den Weltmärkten. Wegen der staatlichen Anordnung, dass jede Frau nur ein Kind bekommen soll, altert die Gesellschaft dramatisch. „Also werden Arbeitskräfte knapper und teurer“, schlussfolgert die Ökonomin. Durch die höheren Lohnkosten sinkt die Wettbewerbsfähigkeit auf den Weltmärkten.

Politische Einflussnahme bremst auch die Entwicklung am Finanzmarkt. „Die staatlichen Banken vergeben Kredite vor allem an Staatsunternehmen“, sagt Heep. „Im Vergleich dazu fällt es privaten Unternehmen viel schwerer, sich Kapital zu verschaffen.“

Zwar ist sich Peking dieses grundsätzlichen Problems im Prinzip bewusst: Schon vor zwei Jahren wurde beschlossen, die Kontrolle zu lockern und mehr auf die Kräfte des Marktes zu setzen. „Doch sobald es schwierig wird, zieht man die Kontrolle wieder an sich“, so die Wissenschaftlerin.

Ihr Fazit: Unsere Wirtschaft muss sich an niedrigere chinesische Wachstumsraten gewöhnen.


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