China goes Germany


Warum Investoren Deutschland ins Visier nehmen

Bedburg/Neu-Ulm. Was sich kürzlich im verschlafenen Bedburg (Nordrhein-Westfalen) ereignete, ist für China-Experten ein Meilenstein: Begleitet von einem Feuerwerk und dem Raunen von 400 Gästen öffnen sich die Tore zu einer Produktionshalle. Das hier ist nicht irgendeine Fabrik.

Es ist die größte Investition aus dem Reich der Mitte, die Deutschland je gesehen hat, notieren sich Journalisten.

Liang Wengen, ein steinreicher Chinese, muss viele Hände schütteln. Was er vorhat: Er will mit 150 Mitarbeitern Betonpumpen produzieren. 100 Millionen Euro investieren. Und die Bedburger Belegschaft seiner Firma Sany (Baumaschinen) in fünf Jahren vervierfachen.

Wirtschaftswissenschaftler sind überzeugt, dass sich bald noch viel mehr Firmen aus China bei uns niederlassen. Professorin Ulrike Reisach von der Hochschule Neu-Ulm erklärt: „Das Reich der Mitte hat die größten Devisenreserven weltweit.“ Und: „Alles in Dollar anzulegen, wäre sehr unsicher. Deshalb fördert der chinesische Staat produktive Investments im Ausland.“

Statistik bildet das wahre Ausmaß nicht ab

2010 flossen doppelt so viele Direktinvestitionen aus China zu uns wie fünf Jahre zuvor. Und die Statistik bilde die Realität längst nicht komplett ab, betont die Wissenschaftlerin aus Neu-Ulm. Denn viele Investitionen liefen über bereits existierende Niederlassungen der Firmen in Deutschland oder in anderen Ländern und landeten gar nicht in dieser Statistik.

Ausgerechnet das, was sie selbst viel billiger können, interessiert die Chinesen in Europa brennend: Fertigung! Laut Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG zielen 42 Prozent ihrer Investitionen in diesen Bereich.

Reisach erklärt das so: Für die hohen Lohnkosten bekämen Investoren hier auch viel Know-how, in Form guter und motivierter Arbeitskräfte. „Und sie profitieren von der hervorragenden Infrastruktur. Wir sollten froh sein um jeden Investor, der das erkennt, egal woher er kommt.“

Und was haben deutsche Industrie-Mitarbeiter zu befürchten? „Ich wüsste nicht, was“, sagt Reisach. Was gebe es besseres als eine Firma, die hier Jobs schaffe. Dass die Bedingungen bei chinesischen Investoren schlechter sein könnten, sieht sie nicht: „Unser Rechtsrahmen ist sehr strikt.“

Sany will in Bedburg zunächst rund 1.900 Maschinen pro Jahr produzieren. Und könnte mit „Made in Germany“ werben. Das ist natürlich eine Herausforderung für heimische Betriebe, räumt Reisach ein. „Sie müssen verstärkt mit Konkurrenten aus Fernost rechnen, die europäische Standards einhalten, ISO-Zertifizierungen haben und Qualitätsprodukte herstellen.“ Andererseits gebe es auch neue Absatzchancen für Zulieferbetriebe.

Klischees passen nicht mehr

Längst sind nicht mehr alle Firmen aus Fernost Billiganbieter. Sany etwa wirbt mit dem Slogan: „Qualität ändert die Welt“. Überholt ist aber auch das Klischee von Investoren, die bei uns Firmen ausschlachten und Technologien abziehen. „Es gibt viele Gegenbeispiele“, so Reisach.

Wie die Werkzeugmaschinenfabrik Waldrich Coburg. Sie wurde 2005 von einem chinesischen Investor übernommen – seitdem ist die Zahl der Mitarbeiter von 500 auf 760 gestiegen.

 

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