Absatzkrise

Chemie zurrt Jobs fest


Wie die Unternehmen die Krise anpacken

Sie bekamen die Krise schon früh zu spüren, die Mitarbeiter des Lack-Spezialisten BASF Coatings in Münster. Ende 2008 ging der Absatz des Werks bei Autolacken immer stärker zurück. In Münster reagierte man rasch, stellte Schichten um, baute Zeitguthaben, Überstunden und Ur­laub ab.

Jetzt half nur noch Kurzarbeit

Dann kam der Dezember, der schlechteste Auto-Monat seit langem. Nun musste eine andere Lösung her. Seit An­fang Februar ist deshalb bei der BASF Coatings Kurzarbeit angesagt. Für 1.500 der fast 2.100 Beschäftigten endet die Arbeitswoche jetzt nach vier statt fünf Tagen. Zu­nächst  einmal  bis  Juli.

Sie sind nicht die einzigen, die dieses Los zurzeit trifft.

Für Januar meldete die deutsche Industrie rund 290.000 Kurzarbeiter an, davon 9.500 in der Chemie. Mittlerweile dürften es mehr sein.

Denn auch Altana, Celanese, Evonik, Umicore und Tesa zum Beispiel haben Kurzar­beit angekündigt. Zu stark ging die Nachfrage nach Kunststoffen, Katalysatoren, Lacken, Kleb- und Bauzu­satzstoffen zurück. Schon im vierten Quartal 2008 schrumpfte die Chemie­Produktion um fast 11 Pro­zent gegenüber dem letzten Vierteljahr 2007.

Trotzdem gilt in der deutschen Chemie noch nicht die Gleichung: Weniger Umsatz gleich weniger Arbeit gleich weniger Jobs. In den USA und der Schweiz sieht es da anders aus. Tausende Chemie-Werker verloren dort bereits ihre Stellen. Hierzulande reagieren die Unternehmen derzeit vorsichtig und besonnen. Sie wollen ihre Mitarbeiter – so möglich – weiter beschäftigen, bis es wieder aufwärts geht.

„Es gilt jetzt, Fachkräfte zu halten, um im nächsten Aufschwung vorne zu bleiben“, heißt es beim Bundesarbeitgeberverband Chemie zu der Strategie. Dann können die Firmen durchstarten, so­bald die Konjunktur anspringt.

Sichere Jobs, aber weniger Entgelt

Dazu aber müssen die Be­triebe ihre Belegschaften über das Nachfrageloch retten. Et­wa mit Kurzarbeit. Sie hilft den Firmen Kosten sparen, ohne Leute zu entlassen. „Bis zu 18 Mo­nate kann man den Puffer heute nutzen“, erklärt Axel Bode, Personalchef bei BASF Coatings in Münster. „Man kann bei steigender Nachfrage die Produktion in 24 Stunden wieder hochfahren.“

Denn Kurzarbeit ist bezahlte Rufbereitschaft. Der Belegschaft bringt das zwar sichere Jobs, aber auch weniger Entgelt. Für Ausgleich sorgen das „Kurzarbeiter-Geld“ der Bun­desagentur für Arbeit so­wie ein im Chemie-Manteltarif ver­einbarter Zu­schlag.

Auch der Tarifvertrag bietet Möglichkeiten, schlechte Auftragslagen zu überbrücken. Mit dem Arbeitszeitkorridor zum Beispiel. Den nutzen jetzt die Bayer-Kunststoff­sparte Bayer MaterialScience (BMS) und der Chemie-Konzern Lanxess. Beide verkürzen für ihre Tarifmitarbeiter die Wochen-Arbeitszeit von 37,5 auf 35 Stunden. Das Entgelt-Brutto verringert sich da­durch um 6,7 Prozent.

Unterschied zur Kurzarbeit: Statt nur einiger Betriebe arbeiten alle Be­­schäftigten we­niger, eine Solidarlösung.

BMS-Personalchef Tony Van Osselaer sagt es so: „Alle Mitarbeiter sollen einen vertretbaren Beitrag leisten.“ Damit das Unternehmen die Lage meistert.

Fit machen für den Aufschwung

Wer kurzarbeitet, soll sich weiterbilden können. Denn das macht ihn fit für den nächsten Aufschwung. Regierung und Sozialpartner sind dafür, die Be­triebe interessiert. „Wo es passt, würden wir das gern nutzen“, heißt es beim Lackhersteller BASF Coatings. Beim Evonik-Konzern in Essen prüft man bereits „intensiv“ die Möglichkeiten.

Die Bundesagentur für Arbeit wird das unterstützen. Wenn ein Betrieb Mitarbeiter während der Kurzarbeit weiterbildet, wird die Agentur die Sozialbeiträge der Kurzarbeiter voll übernehmen statt nur zu Hälfte wie sonst. Nötig seien dafür aber praxisnahe Regeln, fordern Arbeitgeber und Gewerkschaft der Chemie.

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