Tarifverhandlung

Chemie-Sozialpartner ringen um Lohn und Ausbildung


Wiesbaden. Das neue Jahr hat begonnen – höchste Zeit, die Weichen für die Chemie-Industrie zu stellen. Doch über den richtigen Kurs gehen die Meinungen weit auseinander: Wie gut geht es der Branche wirklich?

Fest steht: Von einem Boom ist Deutschland weit entfernt. Auf magere 0,4 Prozent schätzt etwa das in Berlin ansässige Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung das gesamtwirtschaftliche Wachstum im abgelaufenen Jahr. „Die Stimmung“, mahnt sein Konjunkturchef Ferdinand Fichtner, „ist derzeit besser als die harten Zahlen, etwa der magere Aufwärtstrend bei den Auftragseingängen.“

„Konjunkturprognosen und reale Entwicklung klaffen auseinander“

Die Chemie-Produktion ist 2013 zwar gestiegen, um 1,5 Prozent. Doch das brachte den Firmen nicht mehr Geld in die Kasse: Weil die Preise für die Produkte im Durchschnitt niedriger lagen als im Vorjahr, stagnierte der Umsatz trotz der höheren Mengen auf Vorjahresniveau.

Trotzdem will die Gewerkschaft IG BCE einen kräftigen Anstieg der Entgelte. Um 5,5 Prozent sollen die Löhne und Gehälter steigen, fordert sie in den laufenden Tarifverhandlungen für die Chemie- und Pharmabranche, also für rund 550.000 Beschäftigte in 1.900 Betrieben. Hans-Carsten Hansen, Verhandlungsführer des Bundesarbeitgeberverbands Chemie (BAVC) in Wiesbaden, sagt dagegen: „5,5 Prozent mehr Geld wird es nicht annähernd geben.“

Sein Kernargument lautet: „Die Produktion unter Vorkrisenniveau, zehn Quartale ohne Wachstumsdynamik, sinkende Produktivität – unter dem Strich steht ein stagnierendes Geschäft bei steigenden Kosten.“

Zwar gibt es Prognosen, dass es 2014 mit der Konjunktur wieder leicht aufwärts gehen könnte. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) rechnet in einer jüngst vorgestellten Vorausschau mit einem Anstieg der Produktion um 2 Prozent. Doch selbst dann wäre erst wieder das Niveau von vor der Krise erreicht. „Seit 2011“, gibt Arbeitgeber-Verhandlungsführer Hansen außerdem zu bedenken, „klaffen Konjunkturprognosen und reale Entwicklung deutlich auseinander.“

Bereits Anfang 2013 hatten Experten prognostiziert, dass die deutsche Wirtschaft wieder zum Wachstum zurückfindet. Doch was kam, war nicht wirklich ein Aufschwung. Gleich dreimal musste der Chemie-Verband VCI seine Prognose für die Umsatzentwicklung 2013 nach unten korrigieren.

Hansen will deshalb beim Entgelt auf die Kostenbremse treten: Die Chemie-Tarifrunde 2014 müsse „einen Beitrag zur Stärkung unserer Wettbewerbsfähigkeit“ leisten. Seine Vorsicht scheint berechtigt: Gerade senkten die Regierungsberater vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen die Wachstumsprognose für das neue Jahr. Konjunkturchef Roland Döhrn: „Die Weltwirtschaft erholt sich zwar, aber die deutschen Exporte entwickeln sich etwas gedämpfter als gedacht.“

Ein weiterer Knackpunkt zwischen den Sozialpartnern ist die Ausbildung. Die Gewerkschaft möchte die Übernahmesituation der Azubis verbessern – obwohl bereits heute über 80 Prozent der Ausgebildeten übernommen werden. Die Entscheidung darüber müsse in der Verantwortung der Unternehmen bleiben, sagt Hansen. Jeder tarifliche Zwang würde dazu führen, dass weniger ausgebildet wird.

Die Arbeitgeber möchten die Erfolgsgeschichte des mit der Gewerkschaft ausgehandelten Tarifvertrags „Zukunft durch Ausbildung“ fortschreiben. Aber nach wie vor müsse der Grundsatz gelten: „Ausbildung geht vor Übernahme.“

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