Wissenschaft

Chemie rettet ein Stück frühes Mittelalter


Ein besonderes Verfahren hilft Archäologen im Kampf gegen Rost

Mannheim. Restaurator Peter Will trägt bei der Arbeit stets Handschuhe. Eine rostige Lanzenspitze aus dem Magazin der Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim fasst er nur ganz vorsichtig am Rand an: Nichts darf abblättern.

Der Zahn der Zeit nagt an den rund 1.350 Jahre alten Eisengegenständen aus der Merowingerzeit. Rost überzieht die blasige Oberfläche, das rötlich-orange verfärbte Metall splittert ab. „Um die Stücke zu erhalten, müssen wir den Rost stoppen“, sagt Peter Will. Möglich wird das durch die angewandte Chemie.

Lagern bei minus 20 Grad zu teuer

Rost, auch Korrosion genannt, ist eine Reaktion von Eisen mit Sauerstoff und Wasser. Es entsteht eine rötliche poröse Masse (Eisenhydroxid). „Ein Museum hat nicht nur die Aufgabe, Funde auszustellen“, so Museumsdirektor Michael Tellenbach, „wir müssen sie auch bewahren.“ Doch ideale Lagerbedingungen, unter denen die Funde nicht weiterrosten, sind nahezu unbezahlbar. Denn dazu müssten sie bei minus 20 Grad Celsius oder weniger als 12 Prozent Luftfeuchtigkeit gelagert werden. Für die rund 10.000 Stücke der archäologischen Abteilung ist das unmöglich.

Die chemische Alternative ist eine Entsalzungsanlage. Die Mannheimer arbeiten mit einem Alkali-Sulfitbad. Gestiftet hat die 25.000 Euro teure Anlage der Förderkreis der Museen. „Wir wollen jährlich ein bis zwei große Projekte fördern, von denen das Museum richtig profitiert“, meint Michael Kost, Vize-Vorstand des Förderkreises.

Als Geschäftsführer der Süddeutschen Emulsions-Chemie in Mannheim kennt er den Markt für Chemietechnik. Auch davon profitierte das Museum, denn Branchenkenner Kost sorgte für einen günstigen Einkauf der Entsalzungsanlage: „Wenn wir 10 Prozent der Anschaffungskosten sparen, bleibt mehr Geld für andere Projekte“, sagt er.

Neue Funde sofort behandeln

Wie das Verfahren funktioniert, erklärt Restauratorin Lucie Selb: „Speziell vorbehandeltes Wasser, Natriumhydroxid und Natriumsulfit werden auf gut 50 Grad erhitzt.“

In dieses Bad kommen behutsam vorgereinigte Eisenteile. Die Teile rosten deshalb häufig nach, weil sie – ganz tief eingelagert – Salze (Chloride) aus Boden und Grundwasser enthalten. Selb: „Die Natronlauge löst das Chlorid aus den Objekten.“ Gleichzeitig schützt das Chemikalien-Bad das Eisen vor weiterer Korrosion.

Funde, die man heute entdeckt, muss man sofort behandeln, weiß Restaurator Will. Als Hauptgrund führt der Experte die Belastung des Bodens mit Schadstoffen an. Die sei halt höher als vor 100 Jahren. „Kommen die ausgegrabenen Fundstücke mit Sauerstoff in Kontakt, setzt die Oxidation schneller ein als in der Vergangenheit.“

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