Kriminalistik

Chemie ist der beste Detektiv


Wie moderne Labor-Methoden auch die kniffligsten Fälle aufklären

Die Chemie sorgt für Aufruhr in Deutschlands feinen Kulturkreisen: Ein Jahrhundert lang verehrte man in Weimar einen Totenkopf als das Haupt des Dichterfürsten Friedrich Schiller (1759-1805) – doch ein genetischer Test entlarvte ihn jetzt als Kopf eines Unbekannten! Der  zähe Gelehrten-Streit um den „Schiller-Schädel“ ist nur ein Beispiel von vielen. Dank moderner Untersuchungsmethoden können Spezialisten immer mehr Irrtümer, Fälschungen und Verbrechen aufklären – selbst wenn sie lange Zeit zurückliegen.

„Die schöne Valeska“

Beim vermeindlichen Dichter-Schädel stellte sich im Labor schnell heraus: Er enthält keine Erbanlagen der Familie Schiller und gehört einem Fremden. Mit solchen Tests klären Experten nicht nur mit fast totaler Sicherheit die Familienzugehörigkeit – über die man früher nur aufgrund von Indizien wie Gesichtszügen oder Blutgruppe schließen konnte. Die Analyse des Erbguts (DNA) – etwa in Speichelproben oder Haarresten – hat auch die Aufklärung von Straftaten revolutioniert.

Schlagzeilen machte neulich noch einmal nachträglich der Mord an einer reichen Münchnerin („die schöne Valeska“). Sie kam 1985 ums Leben – 23 Jahre lang konnte man dem Tatverdächtigen nichts beweisen. Erst als die Kriminaltechniker jetzt die alten Spuren mit der weiterentwickelten DNA-Methode prüften, zeigte sich: Der inzwischen verstorbene Mann, damals 46 Jahre alt und Direktor einer Züricher Bank, war zweifelsfrei der Täter.

„Wir setzen bei der Aufklärung unserer Fälle häufig auf die Chemie“, berichtet Thomas Schäfer, Chemiker im Bundeskriminalamt (BKA) Wiesbaden. Hier arbeiten im „Kriminaltechnischen Institut“ 300 Experten von Chemikern bis hin zu Mineralogen. Jährlich treffen 10.000 Untersuchungsaufträge ein, meist geht es um das Bestimmen der Schusswaffe. Schäfer: „Je nach Spurenlage und Fragestellung kommt ein breites Methodenspektrum zum Einsatz.“

Der Brand von Ludwigshafen

Hilfreich war die Chemie auch nach dem schrecklichen Wohnungsbrand in Ludwigshafen, bei dem im Februar 9 Personen starben. Mit Hilfe von Laboranalysen konnten Brandexperten ausschließen, dass jemand vorsätzlich Feuer gelegt hat: Sie fanden weder Brandbeschleuniger noch sogenannte pyrotechnische Rückstände. Damit war der Verdacht des fremdenfeindlichen Verbrechens vom Tisch, der die deutsch-türkischen Beziehungen belastet hatte.

Bei der berühmten „Himmelsscheibe von Nebra“, die 1999 in Sachsen-Anhalt gefunden wurde, sind die Chemiker dagegen fündig geworden. Sie konnten mit ihren Analysen untermauern, dass der 3.600 Jahre alte Sensationsfund keine Fälschung ist. Denn im Kupfer der Scheibe steckte viel Arsen, ein Indiz für die Echtheit. Und die Malachit-Bläschen der grünen Patina belegen das Altern über Jahrhunderte.

Schiller dürften diese Ergebnisse egal sein. Ebenso dem toten „Valeska-Mörder“ oder den Himmelsscheibe-Künstlern. Uns nicht: Der Fortschritt der Wissenschaft bringt immer mehr Klarheit über offene Fragen.

Agatha Christies Giftmorde

Die britische Krimi-Königin Agatha Christie (Foto) wusste genau, wie ihre literarischen Übeltäter ihre Opfer ins Jenseits beförderten: Christie arbeitete lange als Assistentin in einer Apotheke und kannte sich mit schwer nachweisbaren Substanzen für Giftmorde besten aus.

Einmal retteten ihre detaillierten Beschreibungen einem 19 Monate alten Kind das Leben. Es zeigte 1977 in einer Londoner Klinik mysteriösen Symptome, die Ärzte waren ratlos, bis einer Krankenschwester die Ähnlichkeit mit einem Christie-Krimi auffiel. Sie gab den Hinweis: Thallium-Vergiftung!

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