Tarifrunde 2015

Chemie-Branche zahlt 2,8 Prozent mehr Geld

Stuttgart. Die Chemie stimmt wieder: 550.000 Beschäftigte der Chemie-Industrie erhalten 2,8 Prozent mehr Entgelt, die Azubis haben 40 Euro pro Monat mehr in der Tasche. Die Laufzeit des Vertrags beträgt 17 Monate.

Zudem geht der 2008 ins Leben gerufene Demografie-Tarifvertrag weiter. Die Beiträge für den Fonds werden kräftig aufgestockt: Ab 2016 gibt es pro Tarifmitarbeiter 550 Euro, dieser Betrag erhöht sich 2017 nochmals auf 750 Euro.

Es war diesmal ein ungewöhnlich hartes Ringen. Bis zum letzten Moment blieb offen, ob eine Einigung erzielt und damit die Eskalation des Konflikts abgewendet werden würde. Als die Tarifpartner nach der dritten Verhandlungsrunde auf Bundesebene in Stuttgart vor laufender Kamera den Kompromiss verkündeten, war ein Aufatmen deutlich zu spüren: So heftige Auseinandersetzungen hatte es zuletzt vor mehr als zehn Jahren gegeben.

Im Falle des Scheiterns wäre der nächste Schritt die Schlichtung gewesen – das gab es in der Branche zuletzt 1994. Sogar Streikandrohungen lagen bereits in der Luft.

Die Chemiegewerkschaft IG BCE hatte eine Entgelt-Erhöhung von 4,8 Prozent verlangt. Tausende Beschäftigte hatten die Forderung in Demonstrationen bundesweit von Hamburg bis zum bayerischen Burghausen unterstützt. Ihr Argument: die vermeintlich gute wirtschaftliche Entwicklung.

An genau diesem Punkt aber prallten die Ansichten der beiden Sozialpartner hart aufeinander. Die Arbeitgeber sehen die Zukunft nicht so rosig. Und die Produktivität, eine der wichtigsten Messgrößen für den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens, ist seit Monaten rückläufig. Mit Blick auf die ernüchternden Konjunkturzahlen hatte der Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) sein Angebot zunächst mit 1,6 Prozent beziffert.

Das Ergebnis muss für alle Firmen tragbar sein

Als Peter Hausmann, Verhandlungsführer der IG BCE, am späten Nachmittag zum Ende der dritten Verhandlungsrunde als Erster das Mikrofon ergriff, herrschte atemlose Spannung. Es sei eine „schwierige und harte Runde“ gewesen, die jedoch zu einem „vernünftigen Ergebnis“ geführt habe.

Hans-Carsten Hansen, Verhandlungsführer des BAVC, bekannte: „Wir haben hart und intensiv verhandelt.“ Beide Seiten hätten „Gräben zugeschüttet“, um einen Kompromiss zu finden. Dafür seien die Arbeitgeber beim Geld „bis an die Schmerzgrenze“ gegangen: „Schließlich muss das Ergebnis für alle Betriebe tragbar sein!“

Der Vertrag beinhaltet am Anfang der Laufzeit (das ist je nach Tarifgebiet der März, April oder Mai) einen sogenannten Leermonat – also eine Wartezeit noch ohne die Erhöhung. Betriebe, die gravierende Probleme haben, dürfen die Erhöhung um zwei weitere Monate hinauszögern.

Als gute Investition sehen alle die überproportionale Erhöhung des Entgelts für die Auszubildenden: „Damit möchten wir die jungen Leute für die chemische Industrie interessieren“, unterstrich Hansen. „Das haben wir ganz bewusst so gemacht, auch im Hinblick auf die Demografie.“

Gerade bei diesem Thema zogen die Parteien am Ende wieder an einem Strang: Der Demografie-Tarifvertrag, mit dem zum Beispiel Altersteilzeit und eine lebensphasenorientierte Arbeitszeit ermöglicht wird, „ist für uns das große Zukunftsprojekt“, meinte Hausmann. Und Hansen ergänzte: „Die Kostenbelastung aus Entgelt-Erhöhung und Demografiebetrag ist für die Unternehmen leistbar.“ Angesichts der Flexibilität zu Beginn der Tariferhöhung und angesichts der Länge der Laufzeit sei der Abschluss „für alle Unternehmen in der Fläche noch verkraftbar“.

Das Gesamtergebnis lobte Margret Suckale, Präsidentin des BAVC: „Die Brücke der Sozialpartnerschaft hat getragen! Die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen bleibt gewahrt, aber die Mitarbeiter haben ein spürbares Reallohn-Plus.“ Und Michael Vassiliadis, Vorsitzender der Chemie-Gewerkschaft, bekräftigte, mit dem „tragfähigen Ergebnis“ habe man „den Anschluss an die anderen Branchen gehalten“.

Fakten

Geld

Um 2,8 Prozent steigen die Entgelte für die Chemie-Beschäftigten, die Ausbildungsvergütungen erhöhen sich um 40 Euro. Die Tariferhöhung greift ab dem zweiten Monat der Laufzeit, kann aber bei besonderen wirtschaftlichen Schwierigkeiten eines Unternehmens um zwei weitere Monate verschoben werden. Wirksam werden sie je nach Tarifbezirk unterschiedlich: in Nordrhein, Rheinland-Pfalz und Hessen am 1. April; in Westfalen, Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen/Bremen, Schleswig-Holstein/Hamburg sowie Berlin am 1. Mai; im Saarland und in Nordost am 1. Juni.

Demografie

Der bestehende Demografie-Fonds, in den die Arbeitgeber bisher pro Jahr und Tarifmitarbeiter 538 Euro einzahlen, wird kräftig aufgestockt: Für 2016 gibt es nun 550 Euro, und ab 2017 steigt der Beitrag auf 750 Euro. Das Geld finanziert zum Beispiel eine zusätzliche Altersvorsorge oder Langzeitkonten.


Was die Mitarbeiter sagen:

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