Rückblick

Chemie-Beschäftigung stabil - trotz allem


Warum es bei den Jobs besser lief als von vielen befürchtet

Die Sektgläser sind leer, das Feuerwerk ist verloschen, das neue Jahr hat angefangen. Nun kann, soll, muss es aufwärts gehen. Denken viele Menschen. Schließlich bescherte ihnen das Krisenjahr 2009 Tiefschläge für die Stimmung.

Gerade zwölf Monate ist es her, da fing in vielen ChemieFirmen die Sorge um Zukunft und Jobs an. Die Branche war auf Talfahrt. Produktion und Umsatz schossen in vielen Unternehmen um 30 Prozent in den Keller.

Die Betriebe reagieren damals rasch, drehen die Produktion auf Sparflamme – und sorgen für Schlagzeilen: „Weltwirtschaftskrise erreicht Rhein-Neckar – BASF schickt 5.000 Leute nach Hause“, titelt die „Bild“. Dabei geht es nur um eine flexible Krisen-Reaktion, wie AKTIV klarstellt: „Die Mitarbeiter sollen Überstunden abbauen oder Urlaub nehmen.“

Wegen Auftragsmangel werden weltweit 180 BASF-Anlagen zeitweise stillgelegt oder gedrosselt. Doch Experten machen in AKTIV Mut. Wie Christian Schlimm von „Allianz Global Investors“, der zu Europas größtem Finanzkonzern gehört. Er prognostiziert: „Die Nachfrage könnte bereits im Februar 2009 durch Lager-Wiederaufbau anziehen.“

Tiefster Einbruch seit der Ölkrise

Tatsächlich steigt der Umsatz Anfang 2009 wieder an. Aber der Einbruch ist zu tief gewesen: Viele Unternehmen müssen ihre Anlagen weiterhin drosseln. Die Krise bei Auto-, Elektronik- und Bauindustrie beschert der Branche das schlechteste erste Vierteljahr seit langem. Die Bilanz: 19 Prozent Minus beim Umsatz und 18 Prozent Rückgang bei der Produktion stehen am Ende in den Büchern.

Das ist der tiefste Einbruch der Chemie-Industrie seit Jahren, steht für Professor Ulrich Lehner fest, den Präsidenten des Verbands der Chemischen Industrie in Frankfurt. „Diese Rezession lässt sich nur mit der Ölkrise vor 35 Jahren vergleichen.“

Und trotzdem: Die Belegschaften bleiben weitgehend stabil. Nur um 2,4 Prozent lag die Beschäftigung in der Branche zuletzt niedriger als ein Jahr zuvor, bilanziert das Statistische Bundesamt. Die Zahl bezieht sich auf Oktober 2009 – die November-Zahl wird erst Mitte Januar bekannt.

Kein selbsttragender Aufschwung

Der Job-Schwund ist damit nur halb so stark wie im Durchschnitt aller Industriebranchen. Weil der Facharbeiter-Nachwuchs in Zukunft rar wird, wollen die Unternehmen ihre Beschäftigten halten. Dabei setzen sie auf die Flexi-Instrumente des Tarifvertrags und auf Kurzarbeit.

Ob Altana, die BASF, Cognis, Evonik oder Wacker: Sie alle treten mit Kurzarbeit auf die Kos­tenbremse. Die Zahl der Kurzarbeiter in der Chemie schießt hoch, erreicht im April 2009 mit 47.500 den Höchststand.

Hinzu kommen Tausende Beschäftigte, die auf Basis einer Öffnungsklausel des Tarifvertrags weniger arbeiten. Allein bei Bayer MaterialScience sind es 4.100 Mitarbeiter.

Inzwischen kommen viele Betroffene wieder Vollzeit in den Betrieb. Und der zwischenzeitlich abgestellte kleinere „Steam-Cracker“, mit dem die BASF in Ludwigshafen Grundchemikalien produziert, läuft nun wieder.

Doch die Unsicherheit bleibt. BASF-Chef Jürgen Hambrecht prognostiziert: „Die Erholung der Weltwirtschaft wird unstet verlaufen.“ Auch Bayer-Chef Werner Wenning ist vorsichtig: Man sei zufrieden, die Trendwende geschafft zu haben – doch es sei zu früh, von einem sich selbsttragenden Aufschwung zu sprechen.

Und was brachte 2009 unter dem Strich? Die Produktion schrumpfte um 10 Prozent, der Umsatz gar um 12,5 Prozent. Selbst wenn diese Werte in diesem Jahr wieder um 5 und 6 Prozent steigen dürften, ist VCI-Verbandspräsident Lehner zurückhaltend: „Wir kommen aus einem tiefen Tal. Der Weg zurück zum Gipfel wird mehrere Jahre in Anspruch nehmen.“

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