Energie

Brutale Belastung


Warum Ökostrom mittelständische Betriebe in Gefahr bringt

Wendlingen. Strom wird deutlich teurer: Für viele Millionen privater Verbraucher ist das zwar ziemlich ärgerlich – aber verkraftbar. Dramatischer sieht das in mittelständischen Firmen aus. „Was da geschieht, kann die Existenz eines Betriebes gefährden“, warnt Armin Knauer, „und ich werde von vielen Unternehmer-Kollegen dazu gedrängt, das deutlich zu machen.“

Beispielhaft führt der Südwesttextil-Präsident durch ein Unternehmen seiner eigenen Firmengruppe HOS: durch die Wendlinger Spinnerei Otto Textil GmbH. Davon, dass hier die Maschinen laufen, hängen rund 80 Arbeitsplätze ab.

Noch laufen die modernen Anlagen hinter den denkmalgeschützten Mauern rund um die Uhr, an sieben Tagen in der Woche. Produziert werden vor allem synthetische Spezialgarne, 1,2 Millionen Kilo pro Jahr. Zwei Drittel davon werden exportiert.

Und den Abnehmern etwa in der Türkei ist die Stromrechnung der Spinnerei völlig egal: „Die Kunden im Ausland lehnen es ab, für unsere Energiepolitik zu bezahlen“, hat Knauer festgestellt. Tatsächlich ist politisch bestimmt, was gerade passiert – dass der Strompreis steigt, liegt am rasanten Ausbau der erneuerbaren Energien.

Umlage steigt um mehr als 70 Prozent

Weil sich zum Beispiel immer mehr Bundesbürger Solaranlagen aufs Dach packen, steigt 2011 die sogenannte EEG-Umlage: Ökostrom wird ja nicht etwa mit Steuermitteln subventioniert, sondern einfach von fast allen Stromverbrauchern mit bezahlt.

Der Anstieg der Umlage ist gewaltig. Statt 2,047 Cent werden künftig 3,53 Cent pro Kilowattstunde fällig. HOS-Prokurist Frank Reiner zückt den Taschenrechner: „Das sind 72,5 Prozent mehr!“

Und Reiner rechnet vor, wie aus den Cent-Beträgen eine brutale Belastung für die Spinnerei wird: „Wir verbrauchen im Jahr etwa sechs Millionen Kilowattstunden – die höhere EEG-Umlage kostet uns also knapp 90.000 Euro extra – pro Jahr.“ Zusatzkosten, die im Betrieb hängen bleiben: Höhere Preise sind im international umkämpften Geschäft schwer durchzusetzen.

Könnte die Spinnerei nicht mit weniger Strom auskommen? Reiner schüttelt den Kopf: „Wir haben unsere Energie-Effizienz allein in den letzten fünf Jahren um etwa ein Sechstel verbessert.“

Von der Klimatisierung der Hallen bis zu den Motoren, die die Maschinen antreiben, sei der Traditionsbetrieb modern aufgestellt. Was eben nichts daran ändere, dass solche Produktionsprozesse viel Strom verschlingen.

Was ist denn mit der Härtefall-Regelung, die „stromintensiven“ Firmen die Umlage praktisch erspart? Diese Deckelung gilt zwar für die ganz großen Stromverbraucher – aber eben nicht für viele Mittelständler. „Wären wir doppelt so groß, hätten wir das Problem nicht“, weiß Unternehmer Knauer, „wir brauchen dringend neue Regeln für stromintensive Unternehmen jeder Größe.“

Auch der Gesamtverband textil+mode schlägt Alarm. Die Zusatzlast durch die EEG-Umlage „liegt bei vielen Unternehmen über der Umsatzrendite“, erklärt Hauptgeschäftsführer Wolf-Rüdiger Baumann.

Nachteil für deutsche Hersteller

Die Ökostrom-Förderung insgesamt gehöre nun auf den Prüfstand: „Die Finanzierung müsste aus Steuermitteln erfolgen“, so Baumann. Denn der teure Strom benachteilige deutsche Anbieter – zum Beispiel gegenüber der Konkurrenz aus Frankreich.

Wie dringend Änderungen nötig sind, macht Prokurist Reiner in der Spinnerei mit einer letzten Rechnung klar. Laut Prognose der Übertragungsnetzbetreiber könnte die EEG-Umlage 2012 auf bis zu 4,4 Cent pro Kilowattstunde steigen. „Das wären dann wieder 25 Prozent mehr!“

Was dies den Betrieb zusätzlich kosten würde – das möchte er lieber noch nicht ausrechnen.

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