Warum von der Autobahn-Romantik nichts mehr übrig ist

Brummi-Fahrer: „Wir sind der letzte Dreck“


Bremen. Der Rasthof Ville an der A1, es ist kurz nach Mitternacht – Schichtbeginn für Fernfahrer Klaus Grünert. Der 52-Jährige schält sich aus der schmalen Schlafkoje seines Sattelschleppers, schlüpft in seine Birkenstocks, dann weckt er per Knopfdruck die 440 Pferde seines weißen MAN-Trucks.

Das Fahrtziel ist Bremen, die Becks-Brauerei wartet dort auf die 48.000 leeren Bierflaschen, die Grünert vorhin noch in der Eifel geladen hat. Gut 330 Kilometer hat er jetzt vor sich. Die Bahn ist frei, kein Stau, kein Schnee, trotzdem ist sein Zeitplan schon beim Teufel: „Reifenpanne am Nachmittag, hat mich drei Stunden gekostet. Schöne Scheiße“, sagt Grünert.
Und zieht an der ersten Pall Mall dieser Nacht. Bis er seinen Lkw wieder abstellt, werden es Dutzende werden ...

Dürftige Bezahlung, schlechte Behandlung

Lkw-Fahrer – was kommt einem da nicht in den Sinn: Große Freiheit, Asphalt-Cowboys, Autobahn-Romantik. Heute hier, morgen dort, auch gern mal mit der hübschen Anhalterin auf dem Beifahrersitz, so wie weiland Manfred Krug in der TV-Serie „Auf Achse“.

Soweit der Mythos.
Und hier die Realität: „Berufskraftfahrer leiden häufig unter extremer Arbeitsbelastung und starkem Termindruck“, sagt Professor Dirk Lohre, Verkehrsexperte an der Hochschule Heilbronn. „Die Fahrer werden oft schlecht bezahlt und an den Rampen auch noch mies behandelt. Dabei ist es der Straßengüterverkehr, der unsere Industrie- und Konsumgesellschaft am Laufen hält!“

Das kann man so sagen. 4,3 Milliarden Tonnen an Gütern von der Babywindel bis zum Stahl-Coil wurden 2012 in Deutschland transportiert. Davon entfielen allein 3,3 Milliarden Tonnen auf den Transport per Lkw.
Auch im Internet-Zeitalter muss die Ware schließlich irgendwie von A nach B. Und Wissenschaftler Lohre weiß: „Der Straßengüterverkehr wird in den nächsten zehn Jahren weiter deutlich steigen.“

Autobahn 1, noch 50 Kilometer bis Bremen, 3.30 Uhr in der Früh. Trucker Klaus Grünert erzählt von Schikanen an den Abladerampen und den Schwierigkeiten, die vorgeschriebenen Lenk- und Ruhezeiten einhalten zu können. „Stehst du im Stau und kommst dann zu spät zum Kunden, musst du Stunden warten, schon ist deine Tourplanung wieder im Eimer.“
Viele Fahrer würden dann von ihren Speditionen so unter Druck gesetzt, dass sie einfach weiterfahren, statt Pause zu machen. „Wer aufmuckt, steht auf der Straße.“

Fahren, bis die Kelle kommt? Ein Blick in amtliche Statistiken bestätigt das. So stellten beispielsweise die Behörden in NRW unlängst bei der Überprüfung von 82.500 Lkws gruselige 64.000 Verstöße gegen die gesetzlichen Lenkzeit-Vorschriften fest. Und die Konsequenzen? „Gibt bloß Geldstrafen“, winkt Grünert ab, die nächste Kippe schon zwischen den Lippen. „Und die zahlt oft der Chef.“

Vom kargen Salär der Trucker bliebe sonst auch nicht viel übrig. Gerade Berufsanfänger müssen sich meist mit Bonsai-Gehältern bescheiden. „1.300 Euro brutto plus Spesen, das ist zumindest in den neuen Bundesländern nicht unüblich“, bestätigt Professor Karlheinz Schmidt, Chef des Bundesverbands Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung in Frankfurt.

Wer schon länger dabei ist oder im Süden der Republik wohnt, verdiene zwar meist mehr. „Aber dafür sind die Fahrer oft auch 300 Stunden im Monat von zu Hause weg“, so Schmidt. Familie, soziale Kontakte, das alles sei nur schwer mit dem Leben als Berufskraftfahrer unter einen Hut zu bringen. „Ich habe volles Verständnis dafür. dass man da nicht mehr mitspielen will.“

„Wir bringen den Kram zu den Leuten“

Ganz offensichtlich wollen das auch immer weniger Leute tun. In den nächsten 10 bis 15 Jahren, das belegen Studien, wird jeder Dritte der derzeit etwa 600.000 deutschen Brummi-Fahrer in Rente gehen. Mit der Nachwuchssuche aber tut sich die Branche schwer.

„Wir brauchen jedes Jahr 20.000 neue Fahrer – aber wir finden gerade mal 14.000“, berichtet Verbandschef Schmidt. Was dadurch an deutschen Transport-Kapazitäten wegbreche, falle ausländischen Speditionen zu – die ihre Trucker noch schlechter bezahlten: „Die arbeiten oft mit Dumpinglöhnen.“

Wieder die A1, kurz vor Dortmund jetzt, 11 Uhr mittags, und Fahrer Klaus Grünert klemmt immer noch hinterm Steuer. „Früher“, sagt er, „da wurde noch anerkannt, was wir Fahrer leisten.“ Heute redeten alle nur noch von den bösen Lkws, die die Straßen schrotten und Staus verursachen. „Dabei bringen wir den Kram zu den Leuten.“

Nächste Kippe. Dann, abschließend: „Wir waren mal die Könige der Straße. Jetzt sind wir bloß noch der letzte Dreck.“

Fakten

Er fährt. Und fährt. Und fährt ...

Fahrzeiten: Viereinhalb Stunden darf ein Brummi-Fahrer lenken, dann muss er 45 Minuten Pause machen. Anschließend sind wieder viereinhalb Stunden hinterm Steuer erlaubt, danach muss aber neun Stunden Ruhe sein. Zweimal die Woche darf ein Fahrer auch zehn Stunden pro Schicht lenken.

Maut: Bundesweit 26,6 Milliarden Kilometer mautpflichtige Strecke legten schwere Nutzfahrzeuge letztes Jahr zurück, so das Bundesamt für Güterverkehr. Jeder vierte Kilometer wurde von Lkws aus mittel- und osteuropäischen Staaten abgespult. Die gesamte Lkw-Fahrleistung, auch auf Strecken ohne Maut, betrug 2011 laut Kraftfahrt-Bundesamt 38,5 Milliarden Kilometer.

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