Der Ausstieg aus der EU wird teuer – vor allem für die Briten

Brexit: Was erreicht ist, wie es weitergeht – und was die Wirtschaft dazu sagt

Im März 2019 kommt der Brexit – hört sich weit weg an. Steht aber praktisch schon vor der Tür, wenn es um internationale Abkommen geht. Kein Wunder, dass die Wirtschaft zur Eile drängt! Der Stand der Dinge im Überblick.

„Ausreichend“ Fortschritt: Premierministerin Theresa May und Jean-Claude Juncker, Präsident der EU-Kommission. Foto: Getty

„Ausreichend“ Fortschritt: Premierministerin Theresa May und Jean-Claude Juncker, Präsident der EU-Kommission. Foto: Getty

Köln. Entzweien sich amtlich verbandelte Partner, wird’s oft teuer. Das gilt im Privatleben, aber auch beim Bruch der Briten mit der Europäischen Union. Die jahrzehntelange Gemeinsamkeit soll im März 2019 förmlich beendet sein.

„Der Brexit ist schädlich, für beide Seiten“, sagt Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. „Besonders hart wird das aber die Briten selbst betreffen.“ Der Ökonom zeigt, wie die amtliche Prognose des Londoner „Office for Budget Responsibility“ nach unten revidiert wurde: „Demnach hat die politische Entwicklung das Wachstum auf der Insel seit 2016 schon deutlich gebremst, es dürfte bis 2020 insgesamt 5 Prozentpunkte geringer ausfallen.“

Übergangsfrist könnte bis Ende 2020 dauern

Matthes rechnet nach dem Brexit mit weiteren Einbußen in ähnlicher Größe für die Zeit von 2020 bis 2030. Noch schlimmer könnte es kommen, wenn England beim Abschied viel Porzellan zerschlägt und danach kein guter Freund der EU bleiben will.

Immerhin gab es im Dezember in drei zentralen Fragen Einvernehmen und damit aus EU-Sicht „ausreichend“ Fortschritt: Die Rechte der über drei Millionen ausländischen EU-Bürger in England werden kaum angetastet. Die Briten werden ihren Verpflichtungen nachkommen – „die Höhe steht noch nicht fest“, so Matthes, „40 bis 60 Milliarden Euro könnten es werden“. Und es soll keine „harte Grenze“ zwischen Irland und Nordirland geben, aber auch keine „rechtlichen Barrieren“ zwischen Nordirland und dem Rest des Vereinigten Königreichs (eine praktische Lösung für diesen Widerspruch gibt es freilich noch nicht).

Wobei die Briten nach dem Austritt wohl erst mal in der Zollunion wie auch im Binnenmarkt der EU bleiben sollen, für eine Übergangsfrist bis etwa Ende 2020. Später könnte ein wie auch immer geartetes Handelsabkommen greifen. „Die Verhandlungen müssen an Tempo zulegen“, mahnt der Bundesverband der deutschen Industrie, „die Wirtschaft braucht schnellstmöglich Klarheit über das zukünftige Verhältnis.“

England ist einer unserer wichtigsten Handelspartner. Deutsche Firmen unterhalten dort circa 2.500 Niederlassungen mit fast 400.000 Beschäftigten. Auto- und Maschinenbauer exportieren besonders viel, auch Chemie- und Pharmabetriebe beispielsweise liefern jede Menge. Von Januar bis September 2017 waren die deutschen Exporte auf die Insel 64 Milliarden Euro wert – aber damit gut 3 Milliarden weniger als im gleichen Zeitraum des Vor-Brexit-Jahres 2015.

„Unternehmen müssen sich auch auf einen harten Brexit vorbereiten“

Ein brutalerer Rückgang ist nicht ausgeschlossen. „Unternehmen müssen sich auch auf einen harten Brexit vorbereiten“, sagt IW-Experte Matthes. Also auf ein Ergebnis, das automatisch erhebliche Folgen an den Grenzen hätte: „Zum Beispiel 10-Prozent-Zölle auf Pkws – da würden Wertschöpfungsketten der Auto-Industrie zusammenbrechen.“

Ein kleiner Trost bleibt so oder so: Der Bankenverband rechnet „durch die Verlagerung von Aktivitäten aus London mit bis zu 10.000 neuen Arbeitsplätzen in Frankfurt“.


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