AKTIV auf der größten beweglichen Arbeitsmaschine der Welt

Braunkohle-Förderung: Die Lausitz bangt um ihre Zukunft

Jänschwalde. Rumms! Die Tür ist zu, und plötzlich ist es so, als hätte jemand den Ton abgeschaltet. Von den Motoren des Baggers und den ratternden Förderbändern ist hier oben nichts mehr zu hören.

Thomas Buckatz (51) ist mit seinen klobigen Arbeitsschuhen in graue Filzpantoffeln geschlüpft. Die sind hier Pflicht – im Leitstand der F 60, der größten beweglichen Arbeitsmaschine der Welt. Sie steht im Braunkohletagebau Jänschwalde in der Lausitz, 20 Kilometer nördlich von Cottbus.

„Wir ändern jetzt die Fahrtrichtung“, sagt Ingenieur Buckatz. Der 600 Meter lange und 30 Meter hohe Stahlkoloss stoppt, verharrt einige Minuten, dann setzt er sich wieder kriechend in Bewegung.

Aus dieser Perspektive ist sie allgegenwärtig: die Braunkohle. Bis zu 95 Meter unter der Erdoberfläche liegt der Energieträger, dessen Förderung hier seit einem guten Jahrhundert die landschaftliche und die wirtschaftliche Struktur prägt. Eigentümer und Betreiber ist inzwischen der schwedische Konzern Vattenfall.

Buckatz kennt hier jede Schraube, jede Leitersprosse, jeden Knopf und jeden Bergmann. Seit 1993 ist er mit den Arbeitsschritten vertraut, die es braucht, um an die Kohle zu gelangen. „Wichtige Voraussetzung ist, dass wir die Lagerstätte von Wasser freihalten. Dafür senken wir das Grundwasser ab.“ 365 Tage im Jahr tragen Schaufelrad- und Eimerkettenbagger die oberen Schichten aus Sand, Ton und Kies ab und verfrachten sie über Förderbänder dahin, wo schon „ausgekohlt“ wurde.

Die Klimaabgabe ließ die Branche erzittern

Jährlich holen die Bergmänner allein hier in Jänschwalde neun Millionen Tonnen Kohle raus. In Zügen gelangen die schwarzen Brocken ins nahe gelegene Kraftwerk Jänschwalde. Es speist rund 22 Milliarden Kilowattstunden ins Stromnetz ein, genug für sechs Millionen Haushalte. Weiße Qualmwolken steigen aus den Kühltürmen in den Lausitzer Himmel. Unablässig. Als könnte ihnen die hitzige Debatte über die Branche, die hier so gewaltige Lücken in die Lausitz gräbt, gar nichts anhaben.

Denn da ist noch eine andere Lücke. 22 Millionen Tonnen Kohlenstoffdioxid muss Deutschland noch reduzieren, um sein Klimaschutzziel zu erreichen: 40 Prozent weniger CO2-Emissionen im Jahr 2020 im Vergleich zu 1990.

Und da fällt die Braunkohleverbrennung ins Auge. Sie pustet pro Jahr 180 Millionen Tonnen CO2 in die Luft – und pro Kilowattstunde Strom besonders viel. Andererseits ist sie immer noch der zweitwichtigste Energieträger. 25 Prozent macht ihr Anteil im Strommix aus. Zudem hängen allein in der Lausitz rund 8.000 Arbeitsplätze direkt von der Braunkohleförderung ab. Bundesweit sind es 21.400.

Es ist eine Branche, die von umweltpolitischen Beschlüssen abhängig ist wie keine andere. Das zeigte sich auch Anfang Juli, als die Bundesregierung ihren neuesten Kohlekompromiss vorstellte.

Zwar ist die vom Wirtschaftsminister geforderte Klimaabgabe vom Tisch, die Strom aus älteren Braunkohlekraftwerken immens verteuert hätte. Zu stark war der Gegenwind aus der Industrie, der Gewerkschaft IG BCE, der CDU und Teilen der SPD. „Die klimapolitische Wirkung der Abgabe war überaus fragwürdig“, erklärt Esther Chrischilles, Energie-Expertin am Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). „Zudem war die Gefahr groß, dass noch mehr Kraftwerke stillgelegt werden als eigentlich beabsichtigt.“

Unsicherheit bleibt auch nach dem Kompromiss

Doch auch die Alternative ist für die Branche „nur eine Schonfrist“, urteilt die Expertin. „Damit hat man einen politischen Spontaneingriff zwar abgewendet. Aber die Kohle wird im Strommix schrittweise an Bedeutung verlieren.“

Die Alternative sieht nun so aus: Ab 2017 wird etwa ein Achtel der Braunkohle-Verstromung in Deutschland in eine Kapazitätsreserve überführt und bis spätestens 2024 stillgelegt – das entspricht einer Leistung von 2,7 Gigawatt. Kraftwerkbetreiber wie Vattenfall in der Lausitz oder RWE im Rheinland sollen dafür milliardenschwere Entschädigungen erhalten. Wie der Vorschlag nun konkret aussieht, welche Kraftwerke in Reserve gehen, entscheidet der Bundestag nach der Sommerpause.

Für Jänschwalde gibt es eine weitere Unsicherheit: Vattenfall hat Tagebau und Kraftwerk zum Verkauf ausgeschrieben. „Wie soll unter diesen Umständen hier ein Käufer gefunden werden?“, sagt Elvira Hölzner, Amtsdirektorin der Stadt Peitz, zu der die Gemeinde Jänschwalde gehört. Sie gestaltet seit Jahren den Wandel der Region mit. „Wir müssen Dörfer umsiedeln, wir haben Schornsteine zu emissionsärmeren Kühltürmen umgebaut, wir rekultivieren. Und trotzdem ist unsere Region stets der Buhmann der Nation.“

Auch Buckatz, der Ingenieur im Tagebau, ist verunsichert. Er weiß nicht, wie lange er noch hier als Bergmann arbeitet. „Jetzt wird es spannend zu beweisen, dass unser Strom auch gebraucht wird“, sagt er. „Es ist für uns nicht nachvollziehbar, zu hören, dass unsere Arbeit überflüssig ist, obwohl wir hier täglich Tausende Tonnen abbauen.“

Und obwohl doch immerhin am Ende die Lücken in der Landschaft wieder verschwinden. Buckatz blickt vom Leitstand in die Ferne, hinüber zum „Grünen Herzen“: ein ehemaliges Abbaugebiet, das jetzt unter Naturschutz steht. „Keine Spur mehr davon, dass da auch mal die F 60 durchgefahren ist.“


Braunkohle in der Lausitz

Die Lausitz ist nach dem Revier Garzweiler im Rheinland das zweitgrößte Abbaugebiet in Deutschland mit rund 8.000 Beschäftigten.

35 Prozent der deutschen Braunkohle werden hier gefördert. Knapp 12 Milliarden Tonnen des fossilen Energieträgers lagern hier, 1,5 Milliarden davon liegen in erschlossenen und genehmigten Tagebauten. 60 Millionen Tonnen fördern die Bergmänner jährlich.

Inklusive nachgelagerter Industrien und Dienstleistungen hängen 30.000 Arbeitsplätze von der Branche ab. Bundesweit sind es geschätzte 70.000.

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