Leitartikel

Brachialakt mit segensreicher Wirkung

AKTIV-Chefredakteur Ulrich von Lampe. Foto: Roth

Wenn es ums große Ganze geht, kann man die Wirklichkeit nicht immer nach dem Lehrbuch gestalten. Nie war dieser Pragmatismus segensreicher als bei der deutschen Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion vor 25 Jahren. „Entscheidend ist, was hinten rauskommt“ – so hat Helmut Kohl, der Kanzler der Einheit, einmal seinen Politikstil beschrieben.

Theoretisch war es ja ein Riesenfehler: Zum hanebüchenen Wechselkurs von eins zu eins (der Schwarzmarkt-Kurs lag bei eins zu acht) wurden die ostdeutschen Löhne von DDR-Mark auf D-Mark umgestellt. Der Brachialakt am 1. Juli 1990 schockierte die Währungshüter der Bundesbank. Er beschleunigte auch den Niedergang der alten Ost-Industrie. Doch wichtiger war das politische Signal: Wir sind wirklich ein Volk, es gibt keine Deutschen zweiter Klasse.

Nur mit diesem Signal war die seit Sommer 1989 anhaltende Massenflucht zu stoppen. Dass man nun „unauflöslich miteinander verbunden“ sei, versprach Kohl an jenem 1. Juli den Ostdeutschen. Und „dass sich die Lebensbedingungen rasch und durchgreifend bessern“.

Mit der D-Mark exportierte er am gleichen Tag auch die Soziale Marktwirtschaft. Den „Westen“ gab es mit einem Mal auch für alle, die im Osten blieben. Und die wettbewerbliche Ordnung beschleunigte in der Wirtschaft die Entmachtung der DDR-Eliten und den Zerfall ihrer Strukturen. Es musste schnell gehen und eben nicht bedächtig. Sonst wäre es gar nicht gegangen.

Für den Satz, dass es „schon bald wieder blühende Landschaften“ geben werde, wurde Kohl lange verspottet. Es hat gedauert. Aber wer will ernsthaft bestreiten, dass es inzwischen so gekommen ist!


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