Gesundheitspolitik

Bittere Reform-Pille


Gibt es bei uns bald weniger neue Medikamente?

Berlin/Bremen. Keine gute Aussicht für Kranke. Womöglich kommt der Arznei-Fortschritt in Zukunft erst mit jahrelanger Verzögerung bei ihnen an, wenn überhaupt. Der Berliner Pharma-Experte Professor Christian Dierks warnt: „Manche Arzneimittel-Hersteller denken schon darüber nach, bestimmte Mittel erst gar nicht mehr in Deutschland einzuführen.“

„Nicht alle Firmen werden standhalten“

Was ist passiert? Der frühere Gesundheits- und jetzige Wirtschaftsminister Philipp Rösler hat massiv den Preishebel angesetzt: mit dem „Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz“.

Seit Jahresbeginn dürfen die Hersteller die Preise für neue, patentgeschützte Arzneien nicht mehr frei bilden. Ein Umbruch mit Folgen. Der Bremer Professor Bernd Mühlbauer, als Kritiker von Scheininnovationen bekannt, sieht die Branche davon schwer getroffen: „Das ist ein Paradigmenwechsel, dem nicht alle Unternehmen stand- halten werden.“

Der Arznei-Industrie droht ein massiver Aderlass. Branchenkenner Hans-Joachim Diedenhofen von der Schweizer Unternehmensberatung „Executive insight“ hat es anhand eines Modells errechnet: Im Vergleich zu einem Szenario ohne Reform sei „allein im Apothekenmarkt“, also ohne das Direktgeschäft mit Krankenhäusern, „im Jahr 2020 ein Umsatzverlust von 10 Milliarden Euro zu erwarten“. Das wäre ein riesiger Einbruch für die Branche mit 880 Firmen und 108.000 Beschäftigten.

Im letzten Jahrzehnt waren die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung für patentgeschützte Arzneien von 7,1 auf 14,2 Milliarden Euro gestiegen (siehe Grafik). Zwei Hürden machen es den Pharma-Firmen jetzt schwer, mit neuen Medikamenten einen hohen Preis zu erzielen.

Hürde eins. Der Hersteller muss für sein Präparat einen „Zusatznutzen“ gegenüber der bisherigen Standardbehandlung belegen. Dass zum Beispiel Krebspatienten länger und besser leben oder Herz-Kreislauf-Kranke seltener einen Schlaganfall erleiden. Doch wo fängt der Zusatznutzen an? Bewerten soll das der „Gemeinsame Bundesausschuss“ – das oberste Gremium von Ärzten und Krankenkassen. Die Kassen dürften die medizinische Latte möglichst hoch hängen, damit sie Kosten sparen.

Hürde zwei. Wenn der Zusatznutzen attestiert ist, kommt der Preispoker: Der Spitzenverband der Krankenkassen handelt mit den Herstellern eine Vergütung aus – einheitlich, für alle gesetzlich und privat Versicherten bundesweit. Eine „problematische Monopolstellung“, findet Marco Annas, Leiter Gesundheitspolitik bei Bayer Vital.

16 Prozent Zwangsrabatt

Womöglich wird ein neues Präparat am Ende für ein paar Euro pro Packung verramscht – weil der Zusatznutzen als gering eingestuft wird und das Vergleichspräparat billig ist. Annas: „Damit kann man die Entwicklungskosten von bis zu 2 Milliarden Euro nicht wieder einspielen.“ Ein Stresstest für die Branche. Schon seit August 2010 müssen sie den Kassen auf patentgeschützte Arzneimittel einen Zwangsrabatt von 16 Prozent gewähren.

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