Standpunkt

Bitte kein falscher Ehrgeiz

Export ist Mittel zum Zweck – nicht mehr, nicht weniger

Dass uns China letztes Jahr als „Exportweltmeister“ überholt hat, ist kein wirklicher Schaden. Konnte sich doch für diesen Titel keiner irgendwas gönnen. Und außerdem hat ja das Reich der Mitte im Vergleich zu uns eine16-mal so große Bevölkerung.

Doch was bringt es eigentlich mit sich, viel im Ausland zu verkaufen? Um das zu verstehen, ist der Blick auf Chi - na in der Tat hilfreich. Ein Teil der Bevölkerung kann zur Marktwirtschaft gezählt werden, die dort erst seit 30 Jahren entsteht. Von dieser noch nicht erreicht, bleiben weite ländliche Gebiete für ihre Versorgung vorwiegend auf sich selbst gestellt.

Das betrifft auch die Versorgung mit Jobs. Jeder zweite Chinese hat keine Erwerbsgelegenheit, die ihm die Mittel eintragen würde, außerhalb seines engsten Lebensraumes Waren zu beziehen. Die kommunistische Entwicklungsdiktatur zieht aus diesem Mangel an heimischer Nachfrage die Konsequenz: Sie richtet die Fabriken, die sie aus dem Boden stampft, auf die Nachfrage im Ausland aus.

Die Folge: China führt viel mehr aus als ein, es erzielt einen enormen Exportüberschuss. Das schafft Arbeitsplätze noch und noch an der Ost- und Südküste (Schanghai, Kanton), sodass die Leute als Arbeitnehmer davon profitieren. Aber: Als Verbraucher nehmen sie dafür Einbußen in Kauf.

Denn Wirtschaft geht ja im Kern so: Einer leistet was, bekommt dafür Geld von einem Zweiten – und bezieht dafür wiederum die Leistung eines Dritten. Insofern tauschen die Marktteilnehmer die Früchte ihrer Arbeit. Für diejenigen, die für den Export tätig sind, gilt das nur indirekt: Ihre Leistung wird ausgeglichen durch Importgüter, deren Bezug sie erst ermöglichen. So dient auch ihre Leistung letztlich der Eigenversorgung.

Dieser Ausgleich entfällt in dem Maße, wie die Ausdie Einfuhr übersteigt. In China führt das zu Reichtum an der Küste bei fortdauernder Armut in entlegenen Provinzen. Bei uns verläuft die Linie unsichtbar: Etwa 5 Prozent der Beschäftigten sind für den Exportüberschuss tätig – und gemeinsam mit allen anderen Verbrauchern tragen sie die Konsequenz: dass die Gütermenge, die im Inland bereitsteht, durch nicht einfuhrgedeckte Ausfuhr entsprechend gemindert ist.

Wie könnte mehr Gleichgewicht entstehen? In früheren Zeiten hätte die D-Mark abgewertet. Mutwillige Verschlechterung unserer Wettbewerbsfähigkeit wäre kein guter Weg. Lieber sollten andere sich fitter machen.


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