Bauer Martin erntet Daten

Big Data auf dem Bauernhof: Wie die Digitalisierung die Landwirtschaft umpflügt

Ahlen/Marktoberdorf. Früher hätte man ihn wohl Großgrundbesitzer genannt: Martin Schulze Rötering, Landwirt irgendwo in der westfälischen Provinz, seit 800 Jahren ist seine Familie auf dem Hof. Auf den ersten Blick ist auf den 1.000 Hektar Feldern alles wie früher: „Weizen und Gerste, Raps, bald Spargel“, erzählt er. „Und im Sommer Erdbeeren.“

In der Ferne werkeln zwei Lehrlinge auf einem der Äcker, sonst ist niemand zu sehen. Schulze Rötering hat trotzdem alles im Griff, jederzeit. Wie das geht? Er langt in die Tasche seiner Cordhose, holt sein Smartphone raus.

„Hier läuft alles zusammen“, sagt er. „Alle Daten, alle Produktionsschritte, alle Maschinen, alles digital vernetzt. Ich weiß genau, was gerade wo passiert.“

Digital! Das Zauberwort! Der Hightech-Hof vor den Toren Ahlens beweist: Längst hat die digitale Revolution auch die angeblich so beschauliche Landwirtschaft erreicht. Im Märzen der Bauer den Pflug anspannt? Das war mal.

Heute rollen Traktoren und anderes Großgerät satellitengesteuert und zentimetergenau übers Feld. Sensoren erfassen dabei Feuchte oder Nährstoffgehalt des Bodens – und die Landmaschine errechnet aus solchen Daten automatisch, was die Feldfrüchte zum Gedeihen brauchen. Modernste Technik beamt die Daten dann vom Acker aufs Smartphone. In Echtzeit!

Der Bauer von heute hat sogar schon die Lufthoheit. Per Drohne überwacht er so das Pflanzenwachstum. „Precision Farming“, Präzisionsackerbau, nennen Experten diesen Modernisierungsschub auf der heimischen Scholle.

Optimale Dünger- und Pflanzenschutz-Dosis – für jeden Quadratmeter

Jeder fünfte deutsche Hof nutzt bereits digitale Landtechnik, hat der in Berlin ansässige Digitalverband Bitkom herausgefunden. Und der Markt wächst: Laut der Unternehmensberatung Roland Berger dürften 2020 weltweit 4,5 Milliarden Euro mit Robotern, Drohnen, GPS-Technik oder Big-Data-Analysen umgesetzt werden. 70 Prozent mehr als noch 2015.

Und es scheint, als produziere das nur Gewinner. Da wären zunächst die Bauern. „Digitale Landtechnik steigert die Arbeitsproduktivität der Betriebe, sie sparen Zeit und Kosten“, sagt Andreas Meyer-Aurich, Agrarökonom am renommierten Leibniz-Institut für Agrartechnik in Potsdam.

Aber auch Verbraucher dürften profitieren. „Weil die Preise auch für hochwertige Lebensmittel langfristig noch weiter sinken werden.“ Grund: „Die Modernisierung macht die Höfe wettbewerbsfähiger, sie können ihre Kapazitäten besser auslasten und ihre Ressourcen effizienter einsetzen.“

GPS-gesteuert fährt der Bauer auch bei Dunkelheit. „Und die moderne Präzisionstechnik“, so der Experte, „organisiert computergesteuert für jeden einzelnen Quadratmeter die optimale Dosierung von Dünger und Pflanzenschutzmitteln.“

Entwickelt wird so etwas beispielsweise im Allgäu: In Marktoberdorf sitzt der Landmaschinenhersteller AGCO/Fendt, ein Technologieführer der Branche. Und der setzt voll auf Digital. „Landwirte stehen heute vor der Herausforderung, mehr Nahrungsmittel bereitzustellen – hochwertig, umweltverträglich und bezahlbar“, sagt Benno Pichlmaier, Leiter Forschung & Vorentwicklung bei Fendt. „Vernetztes Precision Farming leistet dabei wertvolle Hilfe.“

Rund 400 Experten sind mittlerweile in der Fendt-Zentrale mit der Entwicklung innovativer Lösungen beschäftigt. „Die Intelligenz der landtechnischen Systeme wird weiter steigen“, ist sich Pichlmaier sicher. „Maschinen und Prozesse lernen, sich selbst zu optimieren.“

„Die Digitalisierung sichert unsere Zukunft“

Macht sich der Landwirt am Ende gar selbst überflüssig? Agrarökonom Meyer-Aurich winkt ab: „Die Technik ergänzt sein Wissen. Ersetzen wird sie ihn nie.“

Aber sie verändert sein Berufsbild. Martin Schulze Rötering, der westfälische Bauer, weiß das aus eigener Erfahrung. „Manchmal komme ich mir schon vor wie ein Datenmanager“, sagt er beim Gang über den Hof.

Aber der Aufwand lohnt. Weil er mithilfe der Datensätze beispielsweise drohende Pilzkrankheiten anders als früher schon vor ihrem Ausbruch bekämpfen kann. Er hat es genau ausgerechnet: „Wir brauchen deswegen 90 Prozent weniger Pflanzenschutzmittel, sparen Zehntausende Euro im Jahr.“ 


 

Auf dem Hof der Altvorderen, sagt Bauer Martin, „sichert jetzt die Digitalisierung unsere Zukunft“. Auf einem Teich neben dem Haupthaus quaken Enten, ein Haufen Holzhäcksel dampft in der Sonne. Der Mann hält kurz inne. „Aber lieben werde ich mein Smartphone wohl nie.“ Weil: „Mein Herz, das gehört dann doch nur der Pflanze.“

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