In einer Stunde ist die Ware geliefert

Besuch bei Amazon: So turboschnell arbeitet das „Prime Now“-Logistikzentrum in Berlin

Immer schneller, immer mehr: Amazon liefert so gut wie alles, was in Pakete passt - wenn es sein soll, auch binnen 60 Minuten. AKTIV durfte hinter die Kulissen des „Prime-Now“-Logistikzentrums in Berlin blicken.

Tempo, Tempo: Im Berliner Prime-Now-Lager ist alles auf Geschwindigkeit ausgelegt. Foto: Straßmeier

Tempo, Tempo: Im Berliner Prime-Now-Lager ist alles auf Geschwindigkeit ausgelegt. Foto: Straßmeier

Amazon-Sprecher Stephan Eichenseher: „Was nicht läuft, fliegt schnell wieder raus.“ Foto: Straßmeier

Amazon-Sprecher Stephan Eichenseher: „Was nicht läuft, fliegt schnell wieder raus.“ Foto: Straßmeier

Chaos im Regal: Was zunächst aussieht wie Kraut und Rüben, hat durchaus System! Foto: Straßmeier

Chaos im Regal: Was zunächst aussieht wie Kraut und Rüben, hat durchaus System! Foto: Straßmeier

Berlin. Hach, der Ku’damm. Shopping-Paradies im Herzen der Hauptstadt. Polierte Schaufenster, schicke Auslagen. Doch mittendrin: ein „Ladenlokal“, das so gar keinen Wert auf Bling-Bling legt. Sondern sich hinter einer grauen Stahltür versteckt. Kein Logo, Zutritt nur für Mitarbeiter. Sieht nach nix aus. Aber hier sitzt ein Gigant: Amazon!

Seit einem Jahr betreibt der Online-Riese dort sein turboschnelles „Prime-Now“-Logistikzentrum. Binnen einer Stunde wird die Ware zugestellt! „Gefragt sind vor allem Artikel des täglichen Bedarfs“, erklärt Amazon-Sprecher Stephan Eichenseher vor Ort. Windeln, Kosmetik, Grillkohle, aber auch Lebensmittel vom Salat bis zur Frischmilch gehen hier per Lastenfahrrad raus. „Wer Kuchen backen will, aber keine Eier hat, dem können wir helfen“, sagt Eichenseher. Er lächelt.

Vom Bestelleingang bis zur Warenauslieferung: Wie Amazon das innerhalb einer Stunde schafft, sehen Sie in der folgenden Galerie:


Dem etablierten Einzelhandel dagegen ist das Lachen vergangen. Weil es scheint, als käme der US-Konzern derzeit über ihn wie einst Godzilla über New York. Wie eine Naturgewalt. Unaufhaltsam und mit kompromissloser Radikalität dringt Amazon in immer mehr Konsumbereiche vor. Erst Bücher, CDs, später Elektronik, Möbel und jetzt, in Berlin, München und neuerdings Hamburg, sogar auch noch Lebensmittel: Längst verschickt Amazon so gut wie alles, was in Pakete passt. Wo wird das aufhören? Und geht demnächst etwa keiner mehr zu Rewe oder Edeka?

Kunden informieren sich vor dem Kauf erst mal bei Amazon

Fakt ist: „Die Amazonisierung des Handels schreitet voran“, sagt Kai Hudetz, Chef des Kölner Instituts für Handelsforschung (IFH). Wie eine Schicht habe sich Amazon mit all seiner Strahlkraft zwischen Kunden und Händler geschoben. Beispiel: „Fast 60 Prozent der Online-Shopper schauen sich vor einem Kauf bei Amazon um“, sagt Hudertz. Damit könnte der stationäre Handel ja noch leben. Aber: „Fast jeder vierte Kunde informiert sich auch vor einem stationären Kauf zuerst bei Amazon.“

Und kauft immer öfter gleich da. Experten erwarten, dass der Online-Anteil am Gesamtumsatz des Einzelhandels 2017 erstmals die 10-Prozent-Marke knacken könnte. Klar, wer den größten Anteil daran hat: Amazon. Selbst die Beratung im Laden, lange größter Hoffnungsanker des alten Handels, verliert laut Hudertz an Kraft. „Das wird mehr und mehr von den Kundenbewertungen bei Amazon übernommen.“ Neben seiner Radikalität beeindruckt der Allesversender vor allem mit: seiner Perfektion. Auch im Prime-Now-Lieferzentrum in Berlin.

Per Navi schneller durch das Warenlager

Gestartet ist man hier mit knapp 10.000 Artikeln. Jetzt hat sich die Zahl schon verdoppelt. Je nach Saison wird das Sortiment angepasst. „Vor Muttertag gibt’s Blumen, zum Oktoberfest kommen am Standort München Dirndl ins Regal“, sagt Amazon-Sprecher Eichenseher. Was nicht laufe, fliege schnell wieder raus.

Damit gekühlte Produkte wohltemperiert beim Kunden ankommen, hat der Konzern eigene Kühltaschen mit Trockeneisfüllung entwickelt. Und: Spätestens 15 Minuten, nachdem der Kunde auf den Bestellbutton geklickt hat, verlässt die Ware das Lager.

Dabei sieht es in den Regalen eigentlich aus wie Kraut und Rüben: Handcreme neben Büchern, Elektronik neben Kaffeefiltern. Doch die chaotische Lagerhaltung hat System. Beim Gang durch die Regalfluchten stoppt Eichenseher plötzlich und greift sich ein Duschgel. „Das Zeug hier liegt bestimmt noch an fünf anderen Stellen im Lager.“ Wie ein Navi fürs Warenlager rechnen kleine Handscanner, mit denen die Mitarbeiter die Bestellungen abarbeiten, automatisch den kürzesten Weg zum nächstgelegenen Regalfach aus. „Das spart uns viel Zeit.“

Kürzlich habe man die Anordnung der Regale nochmals ein wenig verändert. Ergebnis: „Jetzt ist eine Bestellung noch mal 20 Sekunden früher raus.“ Klingt wenig. „Aber bei vielen Tausend Bestellungen ist das eine Welt.“ Wie viele Lieferungen das Lager pro Tag verlassen, will der Amazon-Mann nicht sagen. Nur so viel: „Läuft richtig gut!“

Amazon also macht ordentlich Druck. Und endlich, endlich scheint auch der traditionelle Handel aus seiner Schockstarre zu erwachen. Einerseits reagiert er analog: mit Modenschauen in Bekleidungsgeschäften, Kochpartys in Feinkostläden oder häufigeren Lesungen im Buchhandel. Experte Hudetz vom Handelsforschungsinstitut: „Wer die Kunden zu Veranstaltungen einlädt, bindet sie an das Geschäft und kann so den Umsatz steigern.“

Doch auf den analogen Faktor „Einkaufs-Erlebnis“ allein mag die Branche nicht länger vertrauen. Man setzt auch auf die schärfste Amazon-Waffe: Digitalisierung.

Schlaue Einkaufswagen, automatisiertes Bezahlen und Gesichtserkennung

So haben etwa Rewe und Edeka massiv in Online-Vorbestellmöglichkeiten und eigene Lieferdienste investiert. Andernorts experimentiert man mit elektronischen Einkaufswagen, digitaler Beratung an smarten Theken und automatisierten Bezahlmöglichkeiten. Die Supermarktkette Real sorgte unlängst gar mit einer Gesichtserkennungs-Software für Aufsehen, um personalisierte Sonderangebote kredenzen zu können.

Ein Anfang, immerhin. Doch angesichts des aggressiven Speeds, mit dem Amazon bislang in neue Geschäftsfelder vorgeprescht ist, dürfe es die Branche bei ein paar Experimenten nicht belassen, findet Michael Lierow, Handelsexperte der Managementberatung Oliver Wyman in München. Er sagt: „Die Händler dürfen Amazon das Feld nicht kampflos überlassen, sie müssen ihr Online-Geschäft noch viel schneller und entschlossener ausbauen. Sie müssen klotzen, nicht kleckern. Und zwar jetzt!“

Andernfalls, so haben Oliver-Wyman-Experten in einer Studie ausgerechnet, seien allein im deutschen Lebensmittel-Einzelhandel 40.000 Jobs durch Amazons Food-Lieferservice bedroht. Und dass der Online-Multi keine Gefangenen macht, lässt sich an einem Spruch seines Deutschland-Chefs Ralf Kleber erahnen. „Wenn Digitalisierung ein Restaurantbesuch wäre, dann wären wir gerade erst beim Gruß aus der Küche.“

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