Themen-Special: Tarifrunde 2018

Beschäftigte kommen mit den geltenden Regeln gut klar

Drei von vier Beschäftigten in Bayern finden, das Thema Arbeitszeit sei vernünftig geregelt. Es gibt Freiräume – auch um die Arbeitszeit zeitweise abzusenken. So lautet das Resultat einer Befragung der IG Metall.

Mit Leidenschaft und Parolen: Die IG Metall setzt sich als Anwalt der Arbeitnehmer in Szene. Doch beim Thema Arbeitszeit überzieht sie. Foto: dpa

Mit Leidenschaft und Parolen: Die IG Metall setzt sich als Anwalt der Arbeitnehmer in Szene. Doch beim Thema Arbeitszeit überzieht sie. Foto: dpa

Alles klar, Chef! Immerhin 82 Prozent berichten von einem „guten Verhältnis zum Vorgesetzten“. Foto: Getty

Alles klar, Chef! Immerhin 82 Prozent berichten von einem „guten Verhältnis zum Vorgesetzten“. Foto: Getty

München. Es ist eine große Zahl, die jetzt für alles herhalten muss: 145.708. So viele Beschäftigte aus Bayern, ganz überwiegend aus Betrieben der Metall- und Elektroindustrie, haben sich nach Auskunft der IG Metall Bayern an einer Umfrage zum Thema Arbeitszeit beteiligt.

Sie ist Teil einer bundesweiten Erhebung unter insgesamt fast 700.000 Beschäftigten. Die Umfrage ist zwar erklärtermaßen nicht repräsentativ – so ist der Fahrzeugbau mit seinen großen Betrieben unverhältnismäßig stark vertreten. Doch mit seiner schieren Größe soll das Projekt jetzt als Rechtfertigung dienen für die umstrittenste tarifpolitische Forderung seit vielen Jahren: die 28-Stunden-Woche für diverse Lebenslagen, mit teilweisem Lohnausgleich und mit einem Anspruch auf die Rückkehr zu der normalen Stundenzahl.

Die Arbeitskosten, der Wettbewerb, der Fachkräftemangel: All das wird ausgeblendet. Stattdessen wirbt die Gewerkschaft für den großen Traum – und um neue Mitglieder. Sie präsentiert sich als Anwalt für alle, ganz bewusst hat sie für die Umfrage nicht nur die eigene Basis kontaktiert: „44 Prozent der teilnehmenden Beschäftigten in Bayern“, so lässt sie wissen, „sind nicht IG-Metall-Mitglied.“

Kein tarifpolitischer Handlungsbedarf

Angeblich kann die IG Metall Bayern nun gar nicht anders, als mit dieser radikalen Forderung zur Arbeitszeit in die Tarifrunde zu ziehen. „Die Beschäftigtenbefragung hat klar gezeigt: Die Menschen wollen Arbeitszeiten, die zum Leben passen.“ In der nachfolgenden Diskussion über die Umfrageergebnisse habe sich „herauskristallisiert“, worum es zusätzlich zu einem happigen Lohnplus gehen müsse: um den „Anspruch für alle auf eine verkürzte Vollzeit, um die Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben zu verbessern“.

Doch es gibt da eine große Unstimmigkeit. Die Ergebnisse der Beschäftigtenumfrage geben diese Story in Wahrheit gar nicht her. Die Forderungen spiegeln nicht die Stimmung der Menschen in den Betrieben wider.



Umfrage-Ergebnis eins: Thema Arbeitszeit ist vernünftig geregelt

Im Berufsleben läuft nicht immer alles easy – das kann auch kein Arbeitgeber ermöglichen. Kundenwünsche müssen bedient, Lieferfristen eingehalten werden. Trotzdem können die allermeisten damit gut leben.


Sicherlich ist nicht alles perfekt – doch tarifpolitischen Handlungsbedarf kann sie aus ihrer eigenen Umfrage nicht ableiten. Ihre Vorstellungen gehen nicht nur an der betrieblichen Realität vorbei, sondern auch an der Wahrnehmung der großen Mehrheit der Beschäftigten.

Es ist ja banal: „Die Menschen wollen Arbeitszeiten, die zum Leben passen.“ Hätte da etwa jemand was anderes erwartet? Dass die Gewerkschaft diesen Satz als zentrale Erkenntnis präsentieren muss, ist das Ergebnis von Argumentationsnot.

Auf die wichtigste Frage der Erhebung nämlich, wie zufrieden man mit der persönlichen Arbeitszeit ist, strecken die Beschäftigten in Bayerns Metall- und Elektroindustrie den Daumen nach oben. Befund Nummer eins: Nicht weniger als 73 Prozent der Befragten sind „zufrieden“ oder „eher zufrieden“.

Im betrieblichen Alltag zählen persönliche Belange offensichtlich viel

Nur 10 Prozent der Beschäftigten äußern sich „eher nicht zufrieden“ oder „nicht zufrieden“; selbst in der Gruppe der Schichtarbeiter sind es insgesamt nur 16 Prozent (detaillierte Dokumentation dieser Resultate: siehe Kasten links). Die Umfrage belegt also ein ausgesprochen hohes Einverständnis mit den geltenden Regelungen – und das kommt nicht von ungefähr.

Schließlich profitieren die Arbeitnehmer der Metall- und Elektroindustrie von der kürzesten tariflichen Arbeitszeit weltweit. Und die bestehenden gesetzlichen Vorschriften geben ihnen bereits heute die Möglichkeit, die ursprünglich vertraglich vereinbarte Arbeitszeit in Abstimmung mit dem Arbeitgeber zu verringern.

Doch auch ohne einen so weitreichenden Schritt lassen sich Job und Privates offensichtlich gut vereinbaren. Befund Nummer zwei der Umfrage lautet nämlich: Die Beschäftigten sind nicht nur mit der Arbeitszeit, sondern auch mit der Flexibilität zufrieden. Offensichtlich erleben die Befragten im betrieblichen Alltag ein Höchstmaß an Verständnis für persönliche Belange.


Umfrage-Ergebnis zwei: Flexibilität wird positiv gelebt

Es ist ein sorgsam austariertes Gleichgewicht – zwischen betrieblichen Erfordernissen und privaten Bedürfnissen. Nur jeder Zehnte kommt damit nicht gut klar.


So berichten laut IG Metall Bayern 88 Prozent der Beschäftigten, dass sie notfalls „kurzfristig für ein paar Stunden gehen können“. Das zu ermöglichen, ist für die Betriebe mit ihrer oft vertakteten und auf die Kundenwünsche ausgerichteten Produktion keine Kleinigkeit. Und sogar fast alle Beschäftigten geben an, dass sie „kurzfristig einen Tag frei nehmen“ können. Auch die Arbeitszeit vorübergehend abzusenken, ist für fast zwei Drittel der Beschäftigten kein Problem (siehe Kasten unten).

Umgekehrt hat selbstverständlich auch der Betrieb seine Bedürfnisse in Sachen Flexibilität. Kundenanforderungen müssen bedient, Lieferpflichten eingehalten, die Folgen der zum Teil stark schwankenden Auftragslage berücksichtigt werden. Es ist eben eine Balance, ein sorgfältig austarierter Interessenausgleich.

Und die Umfrage zeigt: Diese Balance funktioniert. Immerhin gibt nur jeder Zehnte die Antwort, er komme mit der vom Betrieb geforderten Flexibilität „eher nicht“ oder „nicht“ zurecht.

Umfrage zeigt auch: Teilzeit ist nicht „prekär“

Natürlich ist es immer wieder angezeigt, das Bestehende infrage zu stellen. Menschen haben andere Lebensmodelle als früher, das Wirtschaften in der global vernetzten Welt ändert sich, der technische Fortschritt schafft neue Möglichkeiten des Arbeitens auch außerhalb des üblichen Orts und der gewohnten Zeiten. AKTIV hat dieses wichtige gesellschaftliche Thema bereits im Herbst 2016 in einem Sonderteil beleuchtet (zum Nachlesen: ao5.de/arbeitszeit).

Doch die Balance darf nicht einseitig verschoben werden. Jede Verschiebung erfordert einen entsprechenden Ausgleich. Die gemeinsame Suche nach angemessenen Veränderungen abzubrechen und die 28-Stunden-Woche zu fordern, ist ein riskanter Irrweg. Und die IG Metall Bayern hat für einen solchen Vorstoß auch keine Rechtfertigung durch die Beschäftigten. 


Umfrage-Ergebnis drei: 35 Stunden sind die Ankerarbeitszeit

Für knapp die Hälfte ist die tarifliche Norm das Optimale – aber das Spektrum der Lebensmodelle ist groß. Unter dem Strich steht: lieber etwas länger.


Denn unter dem Strich, das ist die dritte große Erkenntnis, wollen die Leute eher mehr als weniger arbeiten. Dem setzt das geltende Tarifwerk enge Grenzen: Nur ein Bruchteil der tariflich Beschäftigten darf mehr als 35 Stunden arbeiten („13-Prozent-Quote“). Dass dies viele möchten, zeigte schon die IG-Metall-Beschäftigtenumfrage 2013 – und inzwischen passt die tarifliche 35 -Stunden-Woche als Uniformlösung offensichtlich noch weniger als damals zu den Wünschen der Beschäftigten.

Aktuell liegt für 22 Prozent der in Bayern befragten Arbeitnehmer die Wunsch-Arbeitszeit niedriger. Aber eine größere Gruppe, 31 Prozent, möchte im Gegenteil am liebsten mehr arbeiten (siehe Kasten oben).

Für eine Regelung, die auch künftig den Interessen von Betrieben und Arbeitnehmern gleichermaßen Rechnung trägt, folgt daraus zweierlei. Zum einen ist der vermehrte Wunsch nach Zeitsouveränität eine Herausforderung für Betriebe. Sie haben schon heute ein großes Angebot an maßgeschneiderten Arbeitszeit-Modellen, und sie dürften es wohl weiter ausbauen. Die IG Metall müsste allerdings aufhören, Teilzeit immer wieder als „prekär“ zu bezeichnen. Sie ist praktisch immer gewollt: 93 Prozent der in der Umfrage erfassten Teilzeitler finden ihre persönliche Stundenzahl prima.

Und zum anderen: Für das Bedürfnis der Arbeitgeber, aufgrund betrieblicher Erfordernisse von der Norm stärker als bisher auch nach oben abzuweichen, gibt es viel Entgegenkommen in den Belegschaften. Die 35-Stunden-Woche ist die Ankerarbeitszeit – aber eben nur für jeden zweiten Beschäftigten die Ideallösung. Dass Betriebe nur mit einem Bruchteil der Tarifbeschäftigten eine längere Wochenarbeitszeit vereinbaren dürfen, ist deshalb nicht mehr zeitgemäß.

Interessante Arbeit, gutes Betriebsklima

Insgesamt zeigt die Großumfrage: Die angebliche große Unzufriedenheit mit der Arbeitszeit gibt es nicht. Die IG Metall Bayern zieht ohne Not ein Thema hoch, das durch ein fein austariertes System von gesetzlichen, tariflichen und betrieblichen Normen ordentlich geregelt ist. Das radikale Konzept eines „Anspruchs für alle auf eine verkürzte Vollzeit“ gefährdet existenziell die Wettbewerbsfähigkeit der Metall- und Elektroindustrie – die wie wohl kaum ein anderer Wirtschaftszweig für attraktive Arbeitsplätze sorgt.

Denn auch dies förderte die Großumfrage zutage: „Interessante Arbeit“, ein „gutes Verhältnis zum Vorgesetzten“, ein „gutes Betriebsklima in der Abteilung“ – all das hat jeweils eine überwältigende Mehrheit der Befragten angekreuzt.

Die weiteren Artikel des Themen-Specials:

6 Prozent mehr Entgelt und ein neuer individueller Anspruch, die Arbeitszeit deutlich zu reduzieren: Aufgrund dieser Forderungen der IG Metall zeichnet sich in der Metall- und Elektroindustrie eine harte Tarifrunde ab.

Schon jetzt zählen unsere Arbeitskosten zu den höchsten der Welt. Mit ihrer Arbeitszeit-Forderung würde die IG Metall den Betrieben ein neues Problem aufbürden: Sie können nicht mehr auf schwankende Aufträge reagieren.

Tariflich bezahlte Mitarbeiter dürfen statt 35 bis zu 40 Stunden pro Woche arbeiten, natürlich für mehr Entgelt. Allerdings beschränkt eine Quote diese Möglichkeit auf 13 Prozent der Belegschaft.

Teilzeit, Elternzeit, Pflege, Weiterbildung, Altersteilzeit: Worauf Arbeitnehmer in Deutschland in bestimmten persönlichen Lebenslagen bauen können, wird hier ausführlich erklärt.

Warum sind so viele unterschiedliche Arbeitszeitmodelle entstanden und profitieren davon auch die Mitarbeiter? AKTIV-Interview mit Ökonom Oliver Stettes vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW).

Stets für die Kunden da sein und gleichzeitig dafür sorgen, dass die Mitarbeiter gut mit der Flexibilität leben können: Vier Unternehmer aus Bayern erzählen, wie sie das trotz globaler Konkurrenz hinkriegen.

Am „Besuchstag“ taucht die achtjährige Michelle an Papas Arbeitsplatz auf: Wie zum Beispiel das auf Sonnenschutzsysteme spezialisierte Familienunternehmen Warema in Marktheidenfeld Väter und Mütter unterstützt.

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