Schicht im Schacht

Bergbau: So verabschiedet sich die Zechen-Region Ibbenbüren von der Steinkohle

In der nördlichsten Zechen-Region Deutschlands wird Ende 2018 nach 500 Jahren der Steinkohle-Bergbau endgültig eingestellt. Der Strukturwandel ist ein Großprojekt, an dem seit langer Zeit gearbeitet wird.

Bald Geschichte: Am Nordschacht, der mit 1.600 Metern einer der tiefsten Schächte Europas ist, warten einige Kumpel auf den Beginn ihrer Schicht. Foto: Bahlo

Bald Geschichte: Am Nordschacht, der mit 1.600 Metern einer der tiefsten Schächte Europas ist, warten einige Kumpel auf den Beginn ihrer Schicht. Foto: Bahlo

Mit Optimismus in die Zukunft: Bergmann Torsten Schmahl sieht für sich gute Chancen am örtlichen Arbeitsmarkt. Foto: Bahlo

Mit Optimismus in die Zukunft: Bergmann Torsten Schmahl sieht für sich gute Chancen am örtlichen Arbeitsmarkt. Foto: Bahlo

Gewaltig: Allein die Schachtanlage von Oeynhausen mit dem Kohlekraftwerk erstreckt sich über mehr als 71 Hektar. Foto: Werk

Gewaltig: Allein die Schachtanlage von Oeynhausen mit dem Kohlekraftwerk erstreckt sich über mehr als 71 Hektar. Foto: Werk

Schwerstarbeit: Pro Mann und Schicht werden in Ibbenbüren fast sieben Tonnen Steinkohle abgebaut. Foto: Werk

Schwerstarbeit: Pro Mann und Schicht werden in Ibbenbüren fast sieben Tonnen Steinkohle abgebaut. Foto: Werk

Hohe Effizienz: Beim Abbau der Kohle kommen unter Tage mächtige Maschinen zum Einsatz. Foto: Werk

Hohe Effizienz: Beim Abbau der Kohle kommen unter Tage mächtige Maschinen zum Einsatz. Foto: Werk

Glückauf: In der Halle des Nordschachts warten die Kumpel auf den Förderkorb, der sie nach unten bringt. Foto: Werk

Glückauf: In der Halle des Nordschachts warten die Kumpel auf den Förderkorb, der sie nach unten bringt. Foto: Werk

„Bergmann macht man nicht so nebenher. Der Beruf ist für mich Berufung.“ Carsten Rose, Ausbilder. Foto: Bahlo

„Bergmann macht man nicht so nebenher. Der Beruf ist für mich Berufung.“ Carsten Rose, Ausbilder. Foto: Bahlo

„Wir werden den Strukturwandel gemeinsam schaffen.“ Monika Umlauf, stellvertretende Geschäftsführerin der Schnittstelle Kohlekonversion. Foto: Bahlo

„Wir werden den Strukturwandel gemeinsam schaffen.“ Monika Umlauf, stellvertretende Geschäftsführerin der Schnittstelle Kohlekonversion. Foto: Bahlo

Laut und zugig ist es in der Schachthalle des Steinkohlenbergwerks Ibbenbüren. Unüberhörbar schrill kündigt ein lang anhaltendes Klingeln das Herannahen des Lastenkorbs am Nordschacht an. Aus rund 1.500 Meter Tiefe rauscht der Förderkorb herauf und bringt Bergleute ans Tageslicht. Sie kommen aus einem weitverzweigten Netz von Flözen und Stollen, aus denen die Kumpel in diesem und im nächsten Jahr noch 1,8 Millionen Tonnen Kohle herausholen werden.

„Hochwertige Anthrazitkohle“, sagt Torsten Schmahl. „Die beste, die es gibt.“ Mit 17 hat er Bergmann gelernt, zunächst in Sangerhausen am Harz, dann in Ahlen in Westfalen. 2010 verschlug es den gebürtigen Leipziger dann nach Ibbenbüren, die traditionsreiche Zechenstadt 130 Kilometer südwestlich von Bremen.

Der 44-Jährige hat lange Zeit im Bergwerk gearbeitet, erst seit ein paar Jahren muss er nicht mehr unter Tage. Bei der RAG Anthrazit Ibbenbüren ist er heute fürs Controlling zuständig, kümmert sich um Arbeitszeiten und Entlohnung der Kumpel.

Ende 2018 wird er diesen Job nicht mehr machen. Denn die letzten beiden verbliebenen deutschen Steinkohlenbergwerke, Prosper in Bottrop und RAG Anthrazit in Ibbenbüren, werden dann endgültig ihre Tore schließen.

Der deutsche Bergbau hat gegen die Kohle aus dem Ausland keine Chance

Das hierzulande hoch subventionierte Fördern des schwarzen Grubengolds in mehr als 1.000 Meter Tiefe lohnt sich nicht mehr, wenn etwa in Australien bis zu 30 Meter dicke Flöze im Tagebau erschlossen werden können. Schon 2007 hatte der Bundestag deshalb den Ausstieg aus der Steinkohleförderung bis zum Ende des Jahres 2018 beschlossen. Eine zunächst noch vorgesehene letzte Überprüfung dieses Beschlusses wurde 2010 auf Druck der EU fallen gelassen.

Im Kohlerevier Tecklenburger Land soll das Ende der 500-jährigen Bergbaugeschichte ohne größere Verwerfungen gelingen. Der größte Teil der unter Tage Beschäftigten kann sozialverträglich in den Ruhestand gehen, sofern die Kumpel das 50. Lebensjahr erreicht haben. Dann bekommen sie ein sogenanntes Anpassungsgeld. Bei den über Tage Beschäftigten gilt dafür eine Altersgrenze von 57 Jahren.

Zurzeit beschäftigt das Bergwerk noch rund 1.100 Menschen. Ende 2018 werden es knapp 500 sein, ab dem Jahr 2021 wird sich eine Kernmannschaft von rund 50 Mitarbeitern um die Nachnutzung, den Wasserhaushalt und viele andere Dinge mehr kümmern.

Die Arbeit an dem Zukunftskonzept hat vor vielen Jahren begonnen

Zwei Drittel der heute Beschäftigten können die Ruhestandsregelung in Anspruch nehmen. Rund 400 Mitarbeiter müssen sich am Arbeitsmarkt neu orientieren, darunter auch die letzten 56 Auszubildenden, die die RAG in Ibbenbüren 2014 eingestellt hatte. Die Elektroniker, Industriemechaniker und Industriekaufleute haben gute Chancen, auf dem regionalen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.

Zu den Kumpel, die in den Vorruhestand wechseln können, gehören Michael Haake, Thorsten Loschniat und Carsten Rose. Sie sind um die 50, haben alle mindestens 20 Jahre unter Tage gearbeitet und sehen ihrer Zukunft mit einem weinenden und einem lachenden Auge entgegen. „Klar, wir fallen nicht ins Bergfreie, also ins Bodenlose“, sagt Aufsichtshauer und Grubenwehr-Mitglied Haake im Bergmanns-Deutsch. Aber Wehmut klingt schon mit.

Kein Wunder: Haake ist in der fünften Generation Bergmann, der Beruf hat sein Leben geprägt, ist für ihn wie für die anderen Bergleute Berufung. „Wer jahrelang unter Tage gearbeitet hat, in einer lebensfeindlichen Umwelt mit oft mehr als 35 Grad Hitze, hoher Luftfeuchtigkeit, Dunkelheit und Staub, der macht das nicht nebenher“, verdeutlicht Ausbilder Carsten Rose.

Und Thorsten „Loschi“ Loschniat bringt es auf den Punkt: „Wir sind eine eingeschworene Gemeinschaft und stolz auf das, was wir geschafft haben. Wir müssen uns zwar keine Sorgen um die Zukunft machen, aber es ist schwer, das alles aufzugeben.“

Dennoch: Proteste und Demonstrationen gegen die Zechenschließungen wird es nicht geben. Das liegt sicher auch daran, dass die RAG gemeinsam mit örtlichen Behörden, der heimischen Wirtschaft und der Politik bereits seit Jahren gemeinsam an Konzepten für die Zeit nach 2018 arbeitet.

2014 schlossen sich zudem die Bürgermeister von sechs Kohlegemeinden zur „Schnittstelle Kohlekonversion“ zusammen, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Strukturwandel zu begleiten und zu steuern.

Gut entwickelte Region mit geringer Arbeitslosigkeit

Es geht um Arbeitsplätze, Ansiedlung von Firmen, Ideen für die Nutzung der Flächen und Gebäude und der Kohlehalden. „Wir sammeln Ideen und erstellen einen konkreten Fahrplan für die Zeit nach 2018“, sagt die stellvertretende Geschäftsführerin Monika Umlauf.

Die Schnittstelle Kohlekonversion hat die Stärken und Schwächen der Kohle-Kernregion mit 110.000 Einwohnern aufgelistet. Die Ergebnisse sind ermutigend: Die Gegend ist industriell überdurchschnittlich gut entwickelt, Industriebetriebe halten fast die Hälfte aller Arbeitsplätze bereit. Stark sind der Maschinenbau, die Nahrungsmittel- und die Chemie-Industrie vertreten. Die Arbeitslosenquote liegt unter 4 Prozent. „Das alles macht uns sehr zuversichtlich, den Strukturwandel zu schaffen“, sagt Umlauf.

Der regionale Arbeitsmarkt werde die ehemaligen Bergleute aufnehmen können, meint sie. Ein Großteil der ehemaligen Mitarbeiter hat gute Chancen, in den mittelständischen Betrieben der Metall- und Elektro-Industrie aufgenommen zu werden. In regelmäßigen öffentlichen Veranstaltungen informiert die Schnittstelle Kohlekonversion auch die Bevölkerung, die sich überdies online am Ideenprozess beteiligen kann.

Insgesamt sieht Umlauf die Lage deshalb sehr optimistisch. Eine Einschätzung, die auch Torsten Schmahl teilt. Er hat sich im Abendstudium zum Industriemeister Metall weiterbilden lassen, und die RAG hat ihn unterstützt. „Ich bin Mitte 40, ordentlich ausgebildet und komme aus einem bestehenden Arbeitsverhältnis. Die Chancen, einen neuen Job zu finden, stehen ganz gut.“


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