Aktuelle Studie

Bei technischen Berufen drohen extreme Engpässe – bei einigen ist das schon heute der Fall

Köln. Auf die deutsche Wirtschaft rollt ein dickes Problem zu. Bald drohen große Engpässe bei Fachkräften, warnt eine druckfrische Studie aus dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Im Fokus: Arbeitskräfte mit einem sogenannten MINT-Beruf. Die braucht vor allem Deutschlands wichtigster Industriezweig Metall und Elektro. AKTIV erklärt, worum es geht.

Was heißt „MINT“ überhaupt?

Unter diesem Kürzel werden Mathematiker, Informatiker, Naturwissenschaftler und Techniker zusammengefasst. Nach IW-Kriterien gibt es derzeit 435 MINT-Berufe. Darunter sind zum Beispiel Dreher, Fräser, Mechatroniker und Elektroniker.

Wie groß ist der Anteil der MINT-Kräfte in der Metall- und Elektro-Industrie?

Gut die Hälfte. Er liegt zwischen 57 Prozent in der Elektro- und Elektronik-Industrie und 69 Prozent bei den Maschinenbauern.

Und was steckt hinter dem Begriff „MINT-Lücke“?

Dieser Begriff bezeichnet die Differenz zwischen den offenen Stellen und den Arbeitslosen mit einem MINT-Beruf. Selbst wenn es gleich viele gemeldete offene Stellen wie Jobsucher gibt, bleibt eine Lücke: „Denn im Schnitt wird bei MINT-Facharbeitern nur jede zweite offene Stelle den Arbeitsagenturen gemeldet“, sagt IW-Forscherin Susanne Seyda. Dazu kommt: „Viele Arbeitslose sind nicht bereit, für den Job von Flensburg nach Garmisch umzuziehen.“

Haben wir denn schon jetzt Engpässe?

Ja. Ende Januar gab es nach IW-Schätzung in den MINT-Berufen insgesamt rund 90.000 mehr unbesetzte Stellen (egal, ob gemeldet oder nicht) als Arbeitslose. Das ist nicht nur eine Momentaufnahme: Über einen Zeitraum von zwei Jahren errechneten die IW-Forscher in 51 MINT-Berufen für jeden Monat einen Engpass. Krass ist es bei den Bauelektrikern: Hier entfielen im Schnitt 250 gemeldete offene Stellen auf 100 Arbeitslose. Bei den Mechatronikern lag das Verhältnis bei 238 zu 100.

Wie sieht die langfristige Entwicklung aus?

Wenn in Deutschland alles so bleibt wie bisher, wird die Zahl aller MINT-Fachkräfte bis zum Jahr 2030 voraussichtlich um gut 1,2 Millionen sinken. Grund für diese dramatische Entwicklung ist laut IW vor allem der demografische Wandel.

Wie kommt diese Horror-Zahl zustande?

Zunächst haben die Forscher die Größe der Jahrgänge betrachtet, die in Zukunft die Schule verlassen, und die der Jahrgänge, die bis 2030 in Rente gehen. Dabei haben sie unterstellt, dass – so wie heute – jeder fünfte Jugendliche eine Ausbildung in einem MINT-Beruf macht. Wie sich die Prognose ändert, wenn man das Rentenalter erhöht oder mehr Zuwanderer ins Land lässt, das kann sich jetzt jeder mit einer interaktiven Grafik des IW vor Augen führen: aktiv-online.de/demografie

Und was tut die Industrie gegen die bedrohliche Lücke?

Die Metall- und Elektro-Verbände sind aktiv in Sachen Nachwuchs-Werbung: Sie stellen den Schulen zum Beispiel Material für MINT-Fächer wie Chemie und Physik zur Verfügung und bieten sogar gezielte Lehrerfortbildungen an. Die Wirtschaft engagiert sich auch bei den „Girls’ Days“, um mehr junge Frauen für eine gewerblich-technische Ausbildung zu begeistern. Zudem setzen die Verbände „InfoMobile“ ein: Das sind mit Technik vollgepackte Busse, die bei Jugendlichen Interesse für eine Karriere in der Branche wecken. Und schließlich gibt es noch „think.ING“, eine Initiative, die für das Ingenieurstudium wirbt.

Bei den Ingenieuren sieht es aber wieder etwas besser aus?

Da hat sich die Lage entspannt. Grund: Die Zahl der Studienanfänger in den MINT-Fächern ist deutlich gestiegen, von 112.000 im Jahr 2000 auf zuletzt 191.000. Außerdem bleiben die älteren Ingenieure heute länger im Beruf als früher – und viele Zuwanderer aus der EU bringen einen MINT-Hochschulabschluss mit. Dennoch bleibt die Nachfrage groß: Inzwischen sind nach Angabe des IW 463.000 erwerbstätige MINT-Akademiker älter als 55, dürften also in den nächsten zehn, elf Jahren in Rente gehen. Und die Zahl der Stellen für solche Kräfte ist zuletzt Jahr für Jahr um rund 60.000 gestiegen.


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