Die Joker für den Arbeitsmarkt

Bayerns Wirtschaft werden Mitarbeiter knapp – es gibt ungenutzte Beschäftigungspotenziale

Marktheidenfeld/Obersöchering/Dietfurt. Carina Deckert (30) hat zwei kleine Kinder. An einen Vollzeitjob ist für sie daher nicht zu denken. Aber gleich ganz daheim bleiben? Selbst im Schichtbetrieb ihres Arbeitgebers Warema, einem Hersteller von Sonnenschutzsystemen im unterfränkischen Marktheidenfeld, stellt sich die Frage nicht. Deckert arbeitet einfach die Hälfte der Zeit – und teilt sich den Arbeitsplatz mit Kollegin Antje Schumann-Claus (39), ebenfalls Mutter.

Wenn Arbeitgeber flexible Arbeitszeitmodelle ermöglichen, bleiben Mütter eher im Job, kommen früher zurück oder arbeiten länger – so auch bei Warema. Um Fachkräfte zu halten, finanziert das Unternehmen zudem Kinderbetreuungsplätze. Das ist wichtig. Denn die Suche nach neuen Mitarbeitern gestaltet sich zunehmend schwieriger. „Bei uns im Landkreis herrscht Vollbeschäftigung“, erklärt Thomas Klein, Personalleiter der Firma mit knapp 3.500 Mitarbeitern.

Die Situation ist in vielen Teilen Bayerns vergleichbar. Der Personalmangel wird zu einem immer größeren Problem für die Wirtschaft. Sollten die Rahmenbedingungen so bleiben, werden in fünf Jahren bayernweit bereits 230.000 Fachkräfte fehlen, 2040 sogar 560.000. In Deutschland entsteht eine Lücke von 3,9 Millionen Menschen. Das prognostiziert die Studie „Arbeitslandschaft 2040“, die das Schweizer Beratungsunternehmen Prognos für die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft erstellt hat.

Die drohende Fachkräftelücke lässt sich laut den Prognos-Experten aber schließen. Deutschland muss demnach bloß seine Joker ausspielen. Und das sind Mütter, Ältere und Geringqualifizierte. Die mögliche Strategie lautet: Frauen und Ältere vermehrt in Jobs bringen, Teilzeitkräfte länger arbeiten lassen, Bildungsanstrengungen deutlich erhöhen und Mitarbeiter häufiger umschulen. Auch das Potenzial der Zuwanderer könnte stärker genutzt werden.

Bewerber müssen nicht mehr perfekt auf eine freie Stelle passen

All das machen viele Unternehmen der bayerischen Metall- und Elektroindustrie längst. Warema etwa kommt nicht nur Müttern entgegen. Die Firma investiert auch in die eigenen Mitarbeiter, etwa wenn sie keine oder nur eine fachfremde Ausbildung haben. Dutzende von ihnen wurden bereits im Rahmen einer sogenannten Teilqualifizierung für neue Aufgaben ausgebildet, etwa zum Verfahrensmechaniker Kunststoff oder zum Fachlageristen. „So gewinnen wir intern Fachkräfte hinzu“, sagt Personalleiter Klein. „Und der große Vorteil ist: Wir kennen sie schon.“

Ebenso gut klappt es mit der Weiterbildung und Umschulung bei der Firma Tipecska Maschinenbau in Öbersöchering, eine Autostunde südlich von München. Ein früherer Zimmerer zum Beispiel arbeitet dort heute als CNC-Schleifer. Und auch ein weiterer Zimmerer packt in der Produktion mit an. „Wer gut Holz fräsen kann, schafft es mit ein wenig Übung auch mit Metall“, sagt Christian Tipecska, der geschäftsführende Gesellschafter des 60-Mann-Betriebs. Die Firma ist flexibler geworden. „Wir merken seit Jahren, dass wir am Markt praktisch keine Fachkräfte mehr bekommen“, erklärt Tipecska. Der Chef sucht deshalb nicht mehr nur neue Mitarbeiter, die perfekt auf freie Stellen passen. „Uns genügt es schon, wenn Bewerber ein Grundgerüst an fachlicher Eignung mitbringen“, sagt der Chef.

Zu den neuen Konzepten gehört auch die Ausbildung in Teilzeit. Aktuell bildet Tipecska eine junge Mutter halbtags zur Feinwerkmechanikerin aus – in den üblichen drei Jahren. Das ist anspruchsvoll und anstrengend. „Und es schafft sicher auch nicht jeder“, sagt Tipecska. „Aber in diesem Fall funktioniert es hervorragend.“

Zugleich profitiert die Firma von der Erfahrung eines älteren Mitarbeiters jenseits der 70. Er hat im Betrieb jahrzehntelang Sondermaschinen gebaut und kommt auch im Rentenalter noch ein- bis zweimal in der Woche rein. „Das hilft uns sehr“, sagt Tipecska.

Zuwanderer sind ein wahrer Glücksfall

Auf tatkräftige Senioren will auch Spangler Automation in Dietfurt nahe Regensburg nicht verzichten. Das 130-Mann-Unternehmen für Automatisierungstechnik beschäftigt seit vier Jahren angelernte Rentner als Aushilfskräfte im Versand. Sie sind immer dann zur Stelle, wenn im Betrieb gerade viel zu tun ist.

„Das entlastet die Stammbelegschaft sehr und verschafft den Fachkräften Luft für andere Aufgaben“, sagt Geschäftsführerin Hannelore Spangler. Sie sei selbst überrascht gewesen, wie motiviert, lernwillig und flexibel die Senioren anpacken würden.

Auch bei Spangler merkt man, wie schwierig es jetzt schon ist, Fachkräfte zu finden. „Und es wird in den nächsten Jahren eher noch schlimmer“, fürchtet die Chefin. Ein wahrer Glücksfall war daher vor drei Jahren der Kontakt zu einem spanischen Austauschstudenten aus Regensburg.

Der Programmierer fing im Betrieb an – und lotste später auch noch seine Frau und einen Freund nach Deutschland und zu Spangler. „Wir haben ihnen Deutschkurse finanziert und tun auch im privaten Umfeld alles, damit sich die drei hier wohlfühlen“, sagt die Geschäftsführerin. „Wir wollen sie schließlich langfristig an uns binden.“


Interview

Oliver Ehrentraut, Autor der Studie „Arbeitslandschaft 2040“ und Abteilungsleiter bei der Beratungsfirma Prognos in Basel. Foto: Prognos/Koroll
Oliver Ehrentraut, Autor der Studie „Arbeitslandschaft 2040“ und Abteilungsleiter bei der Beratungsfirma Prognos in Basel. Foto: Prognos/Koroll

„Wir müssen alle länger arbeiten“

Bayern droht wie ganz Deutschland der Fachkräftemangel. Oliver Ehrentraut, Autor der Studie „Arbeitslandschaft 2040“ und Abteilungsleiter bei der Beratungsfirma Prognos in Basel, erklärt, wie man ihn vermeiden kann.

Was können wir tun, um eine mögliche Fachkräftelücke zu verhindern?
Wir müssen vor allem die Erwerbsbeteiligung erhöhen. Großes Potenzial liegt bei den Frauen. Insbesondere Mütter könnten häufiger und mehr arbeiten – falls die politischen Rahmenbedingungen stimmen. Kleinkindbetreuung und Ganztagsschule sind hier die Stichworte.

Was ist mit den Älteren?
Es führt kaum ein Weg daran vorbei, dass wir alle länger arbeiten müssen. Die Bevölkerungszahl nimmt ab, das Durchschnittsalter steigt. Die Politik macht aber leider genau das Gegenteil von dem, was sinnvoll ist. Die Rente mit 63 treibt die Älteren aus dem Erwerbsleben. Dabei werden sie gebraucht.

Laut Ihrer Studie fehlen in Zukunft vor allem Menschen mit beruflichem Bildungsabschluss.
Das stimmt. Heute studieren mehr Leute als früher. Das ist gut so. Denn Akademiker werden auf dem Arbeitsmarkt trotzdem noch fehlen. Um die Lücke bei den Facharbeitern zu schließen, müssen wir mehr Menschen aus den unteren Bildungsschichten qualifizieren.

Ist auch mehr Zuwanderung als bisher nötig?
Deutschland kann seine Fachkräftelücke auch ohne sie lösen. Aber Zuwanderung macht alles einfacher. Gerade Bayern profitiert derzeit erheblich von Zuwanderern – übrigens auch aus dem Inland. Vor allem Jüngere kommen. Sie sind mobil und finden attraktive Arbeitsbedingungen. Zudem gibt es in Bayern eine gute Hochschullandschaft und viele Universitäten. Auswärtige Studenten bleiben so einfach häufig hängen.

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