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Bayerns Provinz holt wirtschaftlich auf – auch dank der Industrie

Königsberg/Selb/Waldkraiburg/Roding. Dem ländlichen Raum in Bayern geht es wirtschaftlich gut – und besser als viele denken. Gegenüber Ballungsräumen und Städten konnte die Provinz zuletzt sogar aufholen, heißt es im ersten Heimatbericht der bayerischen Staatsregierung.

Das Jobangebot hat seit 2006 auf dem Land stärker zugenommen als in dichter besiedelten Regionen. Auch die Arbeitslosigkeit ging deutlicher zurück. Darüber hinaus legte die Wirtschaftskraft je Erwerbstätigem zu. Sie beträgt allerdings immer noch nur 90 Prozent des bayerischen Durchschnitts.

Export sichert Wohlstand in den Regionen

Eine entscheidende Rolle für die Wirtschaft auf dem Land spielt die Industrie, wie eine aktuelle Studie im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) zeigt. Das verarbeitende Gewerbe ist im ländlichen Raum besonders stark vertreten. Und es hat in den vergangenen Jahren deutlicher an Wertschöpfung zugelegt als etwa der Dienstleistungssektor.

Der Anteil der Industriebeschäftigten ist zwar in den vergangenen Jahrzehnten in ganz Bayern zurückgegangen. In den ländlichsten Regionen, etwa im nördlichen Franken, der Oberpfalz und in Niederbayern, arbeitet aber immer noch jeder zweite sozialversicherungspflichtige Beschäftigte in der Industrie. In den Ballungsräumen ist es nicht einmal mehr jeder Vierte.

Die Firmen sind zunehmend mit der Weltwirtschaft verflochten, exportieren ins Ausland und sorgen so für Wohlstand in der Provinz. „Ländliche Räume können längst nicht mehr mit agrarisch geprägtem Hinterland gleichgesetzt werden, sondern bieten vielen innovativen und internationalisierten Industriebetrieben mit hoher Wertschöpfung einen Heimathafen“, bilanzieren die Autoren der vbw-Studie.

Eines dieser vielen Industrieunternehmen heißt Fränkische Rohrwerke. Der Hersteller von Rohren, Schächten und Komponenten für den Bausektor und die Industrie beschäftigt im unterfränkischen 3.600-Einwohner-Ort Königsberg rund 1.400 Mitarbeiter. „Mehr als 80 Prozent von ihnen kommen aus dem Landkreis“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter Otto Kirchner.

Die Firma ist in der Region verwurzelt, macht aber die Hälfte des Umsatzes im Ausland. Der Anteil habe sich in den vergangenen Jahren verdreifacht, sagt Kirchner: „Wir hätten große Probleme, wenn wir uns nur auf unseren Heimatmarkt konzentrieren würden.“

Fachkräfte zu finden, wird künftig schwieriger

Viele Produkte fürs Ausland werden mittlerweile auch dort produziert. Rund die Hälfte kommt aber immer noch aus Königsberg. „Es wird gerne unterschätzt, welche Bedeutung das für die Sicherheit unserer Arbeitsplätze daheim hat“, sagt Kirchner.

Ähnlich ist die Lage beim Maschinenbauer Netzsch. Das Unternehmen baut unter anderem mit 600 Mitarbeitern Pumpen in Waldkraiburg, rund eine Autostunde östlich von München. Im oberfränkischen Selb stellen ebenso viele Beschäftigte Maschinen her, die Materialien mahlen oder analysieren.

Rund 40 Prozent aller Arbeitsplätze hat Netzsch in Bayern. Der Umsatzanteil in Deutschland beträgt dagegen nur 15 Prozent. „Wir produzieren für den Weltmarkt vor allem Know-how-trächtige Produkte“, erklärt Netzsch-Geschäftsführer Dietmar Bolkart. „Auch Forschung und Entwicklung finden vorwiegend hier statt.“

Dafür nötige Fachkräfte findet Netzsch bislang. „Noch haben wir keine größeren Probleme, Leute zu bekommen“, sagt Bolkart. Doch das kann sich schon in ein paar Jahren ändern.

Mittelfristig gelten Bevölkerungsrückgang und Alterung als die größten Herausforderungen. In den besonders strukturschwachen Regionen, die vor allem an den Landesgrenzen im Norden und Osten liegen, dürfte die Einwohnerzahl bis 2032 um 7 Prozent sinken, so der bayerische Heimatbericht. Gleichzeitig soll sich im gesamten ländlichen Raum der Anteil der Generation 65 plus auf 29 Prozent fast verdoppeln.

Entscheidend ist zudem der zügige Ausbau des Breitband-Internets. Der Freistaat Bayern stellt bis 2018 dafür 1,5 Milliarden Euro an Förderung zur Verfügung – bis zu 1 Million Euro je Kommune.

Mehrheit der Firmen mit Internet-Angebot zufrieden

Rund 60 Prozent der Firmen sind mit ihrer Anbindung zufrieden, stellt eine Studie der vbw fest. Nachholbedarf gibt es aber in Zukunft bei Anschlüssen mit Bandbreiten von über 50 Megabit pro Sekunde. Bis 2020 sei ein flächendeckendes Angebot mit 100 Megabit pro Sekunde erforderlich.

Gut 40 Prozent aller bayerischen Unternehmen haben einen eigenen, leistungsfähigeren Internet-Anschluss installieren lassen. Das gilt auch für die Zulieferer-Firma Stangl Präzisionstechnik mit 230 Beschäftigten in Roding im Bayerischen Wald. Sie zeigt auch in Sachen Fachkräfte Initiative – und macht den Nachteil des abgelegenen, grenznahen Standorts zum Vorteil.

Seit Jahren schon stellt die Firma Tschechen ein, die aus dem Nachbarland pendeln. Mittlerweile sind es 14. „Sie sind erfahren, engagiert und wissen viel“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter Johann Stangl. Nur mit der deutschen Sprache hapere es noch. Aber auch das lässt sich ändern. Jede Woche gebe es einen Sprachkurs, sagt der Chef: „Die Firma zahlt.“


Interview: „Jungen Leuten Perspektive geben“

Professor Holger Magel, Leiter der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum. Foto: Privat
Professor Holger Magel, Leiter der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum. Foto: Privat

Warum sich die strukturschwachen Regionen in Bayern gut entwickelt haben und was die Politik tun kann, um sie weiter zu fördern, erklärt Professor Holger Magel, Leiter der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum.

Arbeitslosenquote, Job-angebot, Wirtschaftskraft: Der ländliche Raum in Bayern hat zuletzt Boden gutgemacht und steht eigentlich gar nicht so schlecht da.
Vorsicht! In Bayern geht es den Regionen besser als in anderen Ländern. Aber welche Zahlen man auch nimmt: Es sind immer nur Durchschnittswerte. Es gibt da durchaus Unterschiede.

Woran liegt das?
Mittelständische Unternehmen zum Beispiel spielen eine große Rolle. Wo sie erfolgreich sind, können sie ihre Region mit nach oben ziehen. Aber nicht überall gibt es „hidden champions“ aus der Provinz, die auf den Weltmärkten ganz oben mitspielen.

Wie lassen sich Firmen auf dem Land ansiedeln oder fördern?
Die Bedingungen müssen stimmen. So muss etwa die Infrastruktur zeitgemäß ausgebaut sein. Das gilt nicht nur für die Verkehrsanbindung. Heute geht auch nichts mehr ohne leistungsfähiges Breitband-Internet. Zudem muss man darauf achten, dass der ländliche Raum für junge Leute attraktiv bleibt, damit die Firmen auch Mitarbeiter finden. Da sehe ich für die Zukunft das größte Problem.

Was ist zu tun?
Ich muss den jungen Menschen Chancen und Perspektiven bieten. Das heißt vor allem eine exzellente Bildung, etwa an guten Berufsschulen. Außerdem ist der Trend richtig, Hochschulen oder zumindest bestimmte Fachbereiche auf dem Land anzusiedeln. Das hält übrigens nicht nur die eigene Jugend daheim, sondern zieht auch Leute von außerhalb an.

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