Wettbewerb

Bayerns Metall- und Elektro-Industrie bleibt dank Flexibilität konkurrenzfähig


Kempten/Frankfurt. Ausruhen ist nicht drin: Die Unternehmen der bayerischen Metall- und Elektro-Industrie sind auf dem Weltmarkt zwar vorn dabei – dank ihrer Exportstärke und Innovationskraft. Doch die Konkurrenz wird immer härter, vor allem aus China.

Und noch etwas erschwert den Betrieben derzeit das Geschäft: Dem Wirtschaftswachstum in Deutschland geht schon wieder die Puste aus. Dabei ist der tiefe Rückschlag der Krise von 2009 gerade erst wettgemacht worden.

„Die Unternehmen müssen atmen können“, betont deshalb Friedrich Hesemann, Geschäftsführer der Liebherr Verzahntechnik GmbH in Kempten. Das heißt: Flexibilität wird gebraucht. Nur so lässt sich der Spagat zwischen hartem Wettbewerb und heftigen Konjunkturschwankungen schaffen.

„Ganz wichtig ist dabei für uns die Zeitarbeit“, sagt Hesemann. Aktuell sind in dem Allgäuer Betrieb neben gut 900 Stammkräften etwa 130 Zeitarbeiter tätig.

Wie andere bayerische M+E-Unternehmen beweglich bleiben, zeigen die beiden Berichte auf der rechten Seite. Außer Zeitarbeit zählt Josef Trischler Arbeitszeitkonten und befristete Verträge zu den wichtigsten Instrumenten für Flexibilität. Trischler ist einer der Hauptgeschäftsführer des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) in Frankfurt. Er stellt fest, dass es in letzter Zeit schwieriger wurde, beweglich zu bleiben.

„Zeitarbeit ist teurer geworden“, sagt Trischler und verweist auf die Branchenzuschläge, die seit November 2012 gezahlt werden müssen. Außerdem schränke der Fachkräftemangel die Beweglichkeit von Firmen ein.

„Das Ziel sollte sein, starke Umsatzrückgänge abfedern zu können“

„Dennoch dürfen sie in ihren Anstrengungen nicht nachlassen“, empfiehlt der Maschinenbau-Experte. „Das Ziel sollte sein, Umsatzrückgänge von 20 bis 30 Prozent abfedern zu können.“ Das Maschinenbau-Unternehmen Liebherr Verzahntechnik hat es in der Krise 2009 sogar geschafft, den um 70 Prozent eingebrochenen Auftragseingang ohne Entlassungen zu überstehen.

Das gelang nicht nur mithilfe der Zeitarbeit. Die Stammbeschäftigten hatten auf ihren Zeitkonten jeweils bis zu 300 Stunden gesammelt. In der Flaute schmolzen die Konten – aber ohne finanzielle Einbußen.

„Kurzarbeit war nur für ganz wenige notwendig – für ein bis zwei Wochen“, so Geschäftsführer Hesemann. Flexibilität müsse auch in der anstehenden Tarifrunde der M+E-Industrie eine wichtige Rolle spielen, fordert er.

Denkbar seien betriebliche Differenzierungsklauseln: „Damit zum Beispiel Tariferhöhungen je nach wirtschaftlicher Lage der einzelnen Betriebe ein paar Monate früher oder später gezahlt werden könnten.“ Zuletzt war das vor zwei Jahren möglich.

Variabel einsetzbar: Mitarbeiter von Linde in der Gabelstapler-Produktion. Foto: Werk

Beispiel: Linde Material Handling

Auf die Kernbelegschaft setzen

Aschaffenburg. Früher war das Auf und Ab der Konjunktur für Linde Material Handling noch halbwegs kalkulierbar. „Seit einigen Jahren hat sich die Volatilität der konjunkturellen Entwicklungen deutlich erhöht“, sagt Wolfgang Schiller, Personalleiter des Stapler-Herstellers in Aschaffenburg. „Für uns ist es daher wichtig, uns sehr flexibel auf Veränderungen einstellen zu können.“

Die Firma will auch in schlechten Zeiten unbedingt die Kernbelegschaft halten, für den nächsten Aufschwung. „Auch unserer Belegschaft bringt die höhere Flexibilität ein Mehr an Sicherheit“, sagt Schiller.

Es hängt viel davon ab, dass die 2.800 Beschäftigten in Aschaffenburg sehr variabel einsetzbar sind – etwa dank Arbeitszeitkonten. „Die müssen immer gut gefüllt sein“, mahnt der Personalleiter. Das sind sie derzeit, weil es 2012 für die Firma prächtig lief und man sich mit Neueinstellungen trotzdem zurückhielt.

Befristete Arbeitsverträge verschaffen dem Unternehmen zusätzliche Bewegungsfreiheit in unsicheren Zeiten. Gut 5 Prozent der Belegschaft sind vorerst nur für maximal 24 Monate angestellt. Die IG Metall hat der Strategie in einem Haustarifvertrag zugestimmt.

Hinzu kommt, dass einige Mitarbeiter in verschiedenen Produktionslinien arbeiten können – je nachdem, wo gerade das Geschäft besser läuft und Personal gebraucht wird. Das hat in der vergangenen Krise schon geklappt und so sämtliche Jobs gesichert. Und das soll es auch in Zukunft.

Großprojekt: Für diesen Nasa-Transporter musste sich Hunger ins Zeug legen. Foto: Werk

Beispiel: Walter Hunger GmbH & Co. KG

Aufträge im Blick

Lohr. Großaufträge gehören zum Alltagsgeschäft des Unternehmens Walter Hunger in Lohr am Main. Der unterfränkische Betrieb entwickelt und baut Hydraulik-Zylinder. Sie werden zum Beispiel in Brücken, Staudämmen oder Bohrplattformen eingesetzt – und bei Bedarf individuell gefertigt.

Im vergangenen Jahr übernahm die Firma mit rund 400 Beschäftigten unter anderem den Auftrag für die Hydraulik eines riesigen Schwerlasttransporters für Raketen und Raumfahrtfahrzeuge der amerikanischen Weltraumorganisation Nasa. „Wenn ein Projekt reinkommt, müssen wir meist richtig ranklotzen“, erklärt Geschäftsführerin Ingrid Hunger. „Auf Flexibilität können wir deshalb nicht verzichten.“

Zeitarbeit scheidet allerdings als Option aus, um Auftragsspitzen abzudecken. Dafür sind die Aufgaben der Mitarbeiter zu komplex und anspruchsvoll. Für ihren Job braucht es langjährige Erfahrung. Neue Leute immer wieder anzulernen, wäre zu viel Aufwand.

Arbeitszeitkonten regeln deshalb, dass die Stammbelegschaft bei Bedarf am Anschlag arbeitet – und es in auftragsärmeren Zeiten etwas ruhiger angehen lässt. Auch die vielseitige Qualifikation der Beschäftigten ist für das Unternehmen unverzichtbar. Denn fast jeder Großauftrag ist für die Mitarbeiter eine neue Herausforderung.

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