Themen-Special: Standort Bayern

Bayerische Unternehmen halten sich daheim mit Investitionen zurück

München. Attraktive Arbeitsplätze, Hightech-Fertigung, innovative Produkte – Bayerns Industrie wird darum in der Welt beneidet. Anschauliche Beispiele zeigt AKTIV in jeder Ausgabe in Wort und Bild. Und trotzdem behauptet jetzt eine Studie: „Der Modernitätsgrad der Anlagen nimmt seit 1995 fast kontinuierlich ab.“

Auftraggeber ist die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Der Satz bezieht sich auf das gesamte produzierende Gewerbe im Freistaat (inklusive Energie- und Bauwirtschaft). Und er beschreibt einen bedenklichen Trend. Dass viele Betriebe technologisch spitze sind, steht dazu nicht im Widerspruch. „Modernitätsgrad“ ist hier nämlich übergreifend gemeint.

Was stecken bayerische Unternehmen insgesamt in ihre Fabriken?

Die Studie, erstellt von der Kölner Beratungsfirma IW Consult, geht der Frage nach: Wie viel Geld stecken die Firmen insgesamt in ihre Produktionsanlagen – also Gebäude, Maschinen und sonstige Ausrüstung? Und was bleibt, wenn man den Verschleiß herausrechnet?

Das Ergebnis ist ernüchternd. Zwar ist das sogenannte Bruttoanlagevermögen zu Wiederbeschaffungspreisen ein gutes Viertel höher als im Jahr 1995. Aber nach Abzug des Verschleißes und inflationsbereinigt sind die Fabriken und Anlagen in Bayern heute sogar etwas weniger wert!

Das liegt vor allem daran, dass Produktionshallen veralten – und nach der schweren Wirtschaftskrise 2009 blieb ein neuer Investitionsschub bei Maschinen und sonstigen Ausrüstungen aus. Damit, so die Studie, „ist ein schleichender Rückgang der Produktionsmöglichkeiten in Bayern zu beobachten“.

Zudem ist das Verhältnis von aktuellem Wert und Wiederbeschaffungskosten – eben der „Modernitätsgrad“ – stark gesunken. Um das zu verbessern, müsste mehr investiert werden. Doch wenn es darum geht, die Produktion zu erweitern, haben die bayerischen Betriebe eben schon längst nicht mehr nur Bayern im Blick. Sondern die ganze Welt.

Der Untersuchung zufolge hat sich der nominale Wert der in bayerischem Besitz befindlichen ausländischen Industrie-Standorte seit 1995 ungefähr versechsfacht. Er stieg um rund 70 Milliarden Euro – und damit in der gleichen Größenordnung wie der nominale Zuwachs an bayerischen Standorten. Die meisten größeren Firmen haben inzwischen ein Werk im Ausland, wie die IW Consult per Befragung ermittelte.

Der Trend zur Ausweitung der Auslandsproduktion geht weiter

Nun ist es ja erst einmal gut, wenn unsere Unternehmen neue Märkte erschließen und Kunden in der Ferne gewinnen – die eben oft verlangen, dass man vor Ort fertigt. Das Geschäft jenseits der Grenzen sichert viele Arbeitsplätze in den Zentralen daheim. Der Marktzugang ist tatsächlich nach wie vor ein wichtiger Treiber für das Engagement im Ausland.

Aber das deutlich wichtigere Motiv, auch das ergab die Befragung, sind aktuell die Kosten – und das kann auf Dauer zum Problem für die heimische Fertigung werden. So werden für eine Arbeitsstunde in Bulgarien nur rund 3 Euro fällig, in China etwa 4,50 Euro und in Ungarn rund 8 Euro. „Der Trend zur Ausweitung der Auslandsproduktion geht auch in Zukunft weiter“, ist in der Studie zu lesen. „Vor allem in Mittel- und Osteuropa ist eine Verstärkung geplant.“

Und weil man jeden Euro nur einmal investieren kann, heißt das oft, „dass auf Ausbau der Inlandsproduktion verzichtet wird“. An heimischen Standorten reiche es dann nur zu Ersatzinvestitionen, die bestenfalls den Verschleiß ausgleichen.

Dazu muss man wissen: Von jeweils 100 Euro Umsatz bleiben dieses Jahr in Bayerns größtem Industriezweig Metall und Elektro voraussichtlich nur knapp 3,50 Euro Gewinn nach Steuern. Bei jeder vierten Firma sind es weniger als 2 Euro, wie die jüngste Konjunktur-Umfrage der Arbeitgeberverbände bayme und vbm ergab.

Der beschriebene Trend der schleichenden Verlagerung bringt für die heimische Wirtschaft aber noch ein ganz anderes Problem. Es arbeitet ja nicht jeder Betrieb für sich, sondern die Produktion ist in eingespielten Wertschöpfungsketten organisiert. Gehen wichtige Abnehmer ins Ausland, hat das in der Regel „Auswirkungen auf die Zulieferer“, heißt es in der Studie. Vor allem kleinere Industriebetriebe, aber auch viele Dienstleister in Bayern rechneten damit, im Zuge eines solchen Prozesses Kunden zu verlieren.

Steigende Kosten bleiben nicht ohne Folgen

Die Erkenntnis, dass man um so viel besser sein muss, wie man teurer ist, gewinnt also an Bedeutung. „Bayern ist industrieller Spitzenstandort“, betont die IW Consult, die zum Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) gehört. Aber: „Dessen größte Herausforderung ist das Kostenthema.“ Die „immer wieder neu zu treffenden Investitionskalküle der Unternehmen“ würden durch steigende Kosten beeinflusst. Das betreffe etwa die Energiepreise, die Höhe der Löhne, aber auch „die über die Politik beeinflussbaren Lohnzusatzkosten“.

Im Klartext: Die Entscheidung, ob die nächste Fabrikhalle in Bayern gebaut wird oder jenseits der Grenzen, kann schon morgen ganz anders ausfallen als heute. Dabei zählen Fakten, nicht Gefühle. Mit Patriotismus als oberste Priorität kommt auf Dauer kein Unternehmen über die Runden.


Interview

Thorsten Lang, Autor der Studie „Tendenzen der Verlagerung von Wertschöpfung in Bayern“ der Kölner Beratungsfirma IW Consult. Foto: IW
Thorsten Lang, Autor der Studie „Tendenzen der Verlagerung von Wertschöpfung in Bayern“ der Kölner Beratungsfirma IW Consult. Foto: IW

„Verlagern geht einfacher als früher“

Köln. Was bedeutet der Trend bei den Investitionen für die Zukunft unserer Arbeitsplätze? Thorsten Lang sieht da Gefahren heraufziehen. Er ist Autor der Studie „Tendenzen der Verlagerung von Wertschöpfung in Bayern“ der Kölner Beratungsfirma IW Consult.

Besteht aktuell Gefahr, dass die Industrie in Bayern schrumpft?

Aktuell eher nicht. Wertschöpfung und Beschäftigung wachsen ja moderat auch im Inland. Aber der Trend bei den Investitionen ist heikel: Aufbau im Ausland ersetzt Erweiterungen im Inland. Es wäre okay, wenn es nur darum ginge, Märkte zu erschließen – aber das zentrale Motiv sind die Kosten!

Die „Standort-Debatte“ gab’s ja auch schon vor 20 Jahren. Was ist neu?

Die ersten, die in Schwellenländer gingen, fingen auf der grünen Wiese an. Heute gibt es überall Strukturen, an die man andocken kann. Verlagern geht viel einfacher als früher. Also ist, wo Kostenprobleme akut werden, der Gang ins Ausland eine klarere Option als vor 20 Jahren. Sorge bereitet auch die Vorstellung eines globalen Konjunkturabschwungs.

Was folgt denn aus Ihrer Studie für diesen Fall?

Dann stellt sich ja für Unternehmen die Frage: Wo legen wir am Ende des Tages Anlagen still, daheim oder im Ausland? Behalten wir im Zweifel lieber die neueren? Wir konnten belegen, dass die Produktionsanlagen in Bayern tendenziell veralten. Aber auch ohne Abschwung-Szenario tut es weh, dass wir Wachstum ins Ausland verlagern. Das lässt sich in Euro beziffern.

Nämlich?

Wenn die Unternehmen bei Erweiterungen wieder stärker auf Bayern setzen würden und in der Folge der Export nur um 3 Prozent stiege, wären das pro Jahr 2,8 Milliarden Euro zusätzliche Wertschöpfung: ein Schub für Jobs, Steuerkraft und Wohlstand.

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Aktuell läuft es ganz gut in den meisten bayerischen Unternehmen. Doch die heimischen Standorte verlieren im Vergleich zum Ausland immer mehr an Gewicht. AKTIV erklärt die Zusammenhänge.

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