Grüne Energie

Bauer Wessels gibt Gas


Schluss mit der Jammerei: Das neue Selbstbewusstsein der Landwirte

„Schlechte Ernten, miese Preise“: Lange Zeit hörte man von den Landwirten nur Wehklagen. Das hat sich geändert. Der Bauernstand präsentiert sich ungewohnt selbstbewusst. Ein Grund: Der Boom der Biomasse.

Für die einen mag Damsdorf in der Mark Brandenburg ein Ort sein, an dem man nicht mal tot überm Zaun hängen mag. Ein paar einsame Dorfstraßen, eine traurige Kneipe, selbst der örtliche Fußballverein Blau Weiß verströmt Tristesse: zuletzt 2:5 gegen den TSV Wiesenburg in der Kreisliga Havelland.

Der Landwirt Timo Wessels aus Niedersachsen aber befand eines Tages, dass genau hier seine Zukunft liegt.

In Damsdorf.

Dort wollten die Betreiber eines maroden Hofes aufgeben.  Gemeinsam mit seinem Vater schlug Wessels also zu: 1.000 Hektar statt der lausigen 90 in Niedersachsen, mehr Vieh, mehr Milch. „Die Idee ist doch Kuhscheiße“, sagten die Freunde daheim. „Ganz genau“, antwortete Wessels dann. Aus ganz viel Kuhmist nämlich, auch das roch er schon damals, könnte man doch richtig was machen: Energie! Biogas!! Geld!!!

Grüne blubbernde Ur-Suppe

Die hübsche Geschichte der Wessels steht exemplarisch für eine Entwicklung, die Deutschlands Bauern derzeit förmlich elektrisiert. Weil Öl- und Erdgaspreise immer neue Rekorde brechen und auch die Klimadebatte zusehends heißer wird, erfreut sich die Energieerzeugung aus Biomasse ungeahnter Beliebtheit. Immer mehr Landwirte werden daher zu „Energiewirten“: Sie liefern mit Raps, Mais, Weizen oder eben Gülle jene nachwachsenden Rohstoffe an die Industrie, aus denen die dann Bio-Sprit oder Öko-Strom gewinnt.

Oder sie machen den Saft gleich selbst. So wie die Wessels. Seit ein paar Wochen blubbert in vier riesigen Speichern am Rande des Hofes eine grünliche Ur-Suppe vor sich hin. „Gülle, Mais und Gras von unseren Feldern, das Zeug gärt, es entsteht Methan“, erklärt Timo Wessels das Prinzip seiner 4 Millionen Euro teuren Biogasanlage. Das Gas treibt einen 1.500-PS-Generator an, der erzeugt Strom, der dann ins örtliche Netz eingespeist wird: 1.000 Kilowatt pro Stunde.

Leere Lager, volle Kassen

Schöne neue Bauern-Welt: Galt die deutsche Landwirtschaft mit ihren 350.000 Betrieben noch vor wenigen Jahren als hochsubventionierter Pflegefall, ist sie plötzlich wieder sexy. Weil rentabel! So rentabel gar, dass vor ein paar Wochen mit der KTG Agrar AG der erste Bauer den Weg an die Börse wagte.

Grund für das neue Selbstbewusstsein der Bauern: Nicht nur „Energiepflanzen“ sind heiß begehrt, auch konventionelle Agrar-Produkte werden ihnen neuerdings förmlich aus der Hand gerissen.

Weil beispielsweise in Asien Lebensmittel aus Europa jetzt hoch im Kurs stehen, nimmt der Welthandel mit Getreide und Milchprodukten stärker zu als die Produktion.

Das wird auch so bleiben: „Landwirtschaftliche Nutzfläche wird in den kommenden Jahren der größte Engpass sein“, glaubt Carl-Albrecht Bartmer, Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft.

Das hat derweil auch die Europäische Union gemerkt: Schrieb sie den Bauern bislang vor, 10 Prozent ihrer Ländereien als Maßnahme gegen die Überproduktion brachliegen zu lassen, kann jetzt wieder geerntet werden, was die Äcker hergeben.

Von Milchseen, Butterbergen oder Weizenhalden spricht niemand mehr. Im Gegenteil: Die Lager sind leer.

Auch bei Timo Wessels in Damsdorf. 2,6 Millionen Liter Milch geben seine rund 350 Kühe pro Jahr. Jeden Tag rollt jetzt ein Tankwagen der Großmolkerei Müller aufs Gelände und pumpt sich die gesamte Tagesproduktion von 7.000 Litern des weißen Goldes in den Bauch.  Gemolken  wird  im Drei-Schicht-Betrieb, wer auf Wessels’ Hof nach niedlicher Strippstrappstrull-Romantik sucht, ist fehl am Platz.

„Da kommt mir die Galle hoch“

Mittlerweile stimmt dafür der Preis. 40 Cent kassiert Wessels pro Liter, vor einem Jahr waren es gerade 26. „Da haben wir 5 Cent pro Liter Minus gemacht, die Preiserhöhung war längst überfällig“, brummt der Landwirt. Gern würde er jetzt mehr Milch produzieren, das gehe aber nicht, der EU-Milchquote wegen.

Setzt der Milchpreis seinen Höhenflug fort, will Wessels trotzdem weiter investieren: Ein neues Melkhaus soll her. Kostenpunkt: 1 Million Euro.

Umso mehr ärgern ihn die Frotzelein der Nachbarn im Ort: „He, Wessels, die Milch ist so teuer, bist doch reich,  kannste ja jetzt mehr Pacht zahlen“, rufen die ihm hinterher. „Da kommt mir die Galle hoch“, sagt Wessels.

Wohlgemerkt: Galle. Nicht Gülle. Aus der könnte man ja bekanntlich was machen ...

Info: Bio-Gas

Rund 3.700 Biogasanlagen gibt es derzeit in Deutschland. In ihnen werden nachwachsende Rohstoffe wie beispielsweise Mais, Holz oder Weizen sowie organische Abfälle wie Kuhmist oder auch Speisereste vergoren.

Das so entstehende Gas kann für die Stromerzeugung sowie für die Produktion von Kraftstoff oder Wärme genutzt werden. Mit der Biogas-Produktion aus einem einzigen Hektar Mais kann ein entsprechend umgerüstetes Auto beispielsweise rund 70.000 Kilometer fahren.

Wichtigste Anwendung aber ist die Stromproduktion. Nach Angaben des Fachverbands Biogas erzeugen entsprechende Anlagen in Deutschland derzeit pro Jahr etwa 7,5 Milliarden Kilowattstunden Strom – genug für zwei Millionen Vier-Personen-Haushalte.

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