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Fehlende Nachmittagsangebote an Grundschulen

Ausbau der Ganztagsschule wird noch Jahre dauern

Bundesweit fehlen derzeit 280.000 Plätze für die Nachmittagsbetreuung von Grundschülern. Das stellt berufstätige Eltern vor eine große Herausforderung. Meistens sind es dann die Mütter, die beruflich zurückstecken.

Kein Durchkommen: An Schulen gibt es viel zu wenig Betreuungsplätze. Foto: GETTY

Kein Durchkommen: An Schulen gibt es viel zu wenig Betreuungsplätze. Foto: GETTY

"Die Kommunen sind vielfach überfordert." Wido Geis, Bildungsexperte, IW Köln Foto: IW

"Die Kommunen sind vielfach überfordert." Wido Geis, Bildungsexperte, IW Köln Foto: IW

Köln. Die Ferien sind fast vorbei, da kommt auf berufstätige Eltern ein dickes Problem zu: „Beim Wechsel vom Kindergarten zur Grundschule tut sich bei einem bedeutenden Teil von ihnen ein Betreuungsloch auf“, sagt Wido Geis, Bildungsexperte beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.

Tatsächlich bleibt derzeit für bundesweit 280.000 Grundschüler die Schultür zur Mittagszeit geschlossen, obwohl ihre Eltern einen Platz in der Betreuung wünschen.

Bei weiteren 275.000 Kindern würden Eltern gern die Betreuung bis in den späten Nachmittag verlängern. Sie können es aber nicht, weil das Angebot fehlt, so eine Untersuchung des Forschungsunternehmens Prognos aus 2017.

Ganztagsangebote variieren von Bundesland zu Bundesland

Dabei war Deutschland in den vergangenen Jahren beim Ausbau des Ganztagsangebots durchaus aktiv. Gab es Anfang des Jahrtausends für erst jeden zehnten Grundschüler einen Platz in der Ganztagsbetreuung, verbringt heute schon mehr als jeder Dritte dort den Nachmittag. „Allerdings variiert das Angebot stark von Bundesland zu Bundesland“, sagt Geis.

Die Nase vorn haben Thüringen und Sachsen-Anhalt. Dort sind fast 90 Prozent der Grundschüler bis in den späten Nachmittag betreut. Im Westen kommt Hamburg mit 83 Prozent auf die höchste Betreuungsquote. Schlusslicht ist Baden-Württemberg. Dort ist nur jedes fünfte Kind nachmittags in der Schule.

Es fehlen Räume und qualifiziertes Personal

Dass der Ausbau eklatant dem Bedarf hinterherhinkt, hat laut dem IW-Experten mehrere Gründe. „Besonders die Kommunen sind vielfach überfordert.“ Ihnen fehlten die nötigen Eigenmittel, um Zuschüsse vom Land beantragen zu können. Nur so aber ließen sich etwa neue Räume für das Nachmittagsangebot und Mensen für die Verpflegung bauen.

„Außerdem finden die zuständigen Städte und Gemeinden kaum qualifiziertes Personal“, so Geis. Sein Fazit: „Eine flächendeckende Betreuung zu schaffen, wird noch viele Jahre dauern.“

Denn vom geschulten Personal abgesehen, braucht es auch hochwertige Lernangebote und pädagogische Konzepte. Dafür entwickeln viele Schulen gerade erst Qualitätsstandards zusammen mit den zuständigen Kommunen. Die sollen etwa festlegen, welche Anzahl von Räumen gebraucht wird oder wie viele Lehrkräfte bei den Hausaufgaben helfen und welche Partner Sport,- Musik und andere Freizeitangebote organisieren.

Beim Ausbau des Ganztags wollen viele Akteure mitreden

„Will man da weiterkommen, müssen auch die Zuständigkeiten zwischen den Ländern und Kommunen vereinfacht werden“, fordert Geis.

Währenddessen brennt den Eltern das Problem weiter auf den Nägeln. Dem will die Regierung laut Koalitionsvertrag mit einem Recht auf Ganztagsbetreuung bis 2025 begegnen.

Geis ist skeptisch: „Ich glaube nicht, dass der Rechtsanspruch kommt.“ Aber eine Diskussion darüber könne mehr Tempo in den Ausbau bringen.

Das würde zumindest vielen Müttern eine Perspektive geben. Gerade sie stecken wegen fehlender Betreuung beruflich oft zurück: 96.000 Mütter mit Kindern zwischen sechs und zehn Jahren arbeiten aus diesem Grund Teilzeit. Ein Fachkräfte-Potenzial, das bisher ungenutzt bleibt.

Recht auf Ganztagsbetreuung an Grundschulen soll 2025 kommen

  • Im Koalitionsvertrag plant die Regierung einen Rechtsanpruch auf Ganztagsbetreuung an Grundschulen bis 2025. Dafür will sie bis 2021 gut 2 Milliarden Euro zu Verfügung stellen.
  • Laut der Bertelsmann-Stiftung müssten dafür weitere 3,3 Millionen Ganztagsplätze geschaffen werden. Das entspräche einer Betreuungsquote von 80 Prozent (heute 40 Prozent).
  • 31.000 Lehrer und 16.000 Erzieher wären dafür nötig. Kosten: Jährlich 2,8 Milliarden fürs Personal. Insgesamt 15 Milliarden für Infrastruktur.

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