Wohlstand

Auf und Ab


Exklusiv in AKTIV: Wie sich die Einkommen der Deutschen verändern

Berlin. Natürlich ist sie nicht die Entwarnung für die Republik. Wie sollte sie auch. Katrin Kampa (41) ist einfach nur Katrin Kampa. Sie leitet im Europa-Center in Berlin-Charlottenburg eine Drogerie mit acht festen Mitarbeitern. Aber ein Ausrufezeichen verdient das allemal, bei all den Tiefen in ihrem Leben.

Im Sommer 2005 lebt die gelernte Einzelhandelskauffrau noch von Hartz IV. Beim Discounter „dm“ hat sie nach vielen Versuchen schließlich Erfolg: Im September arbeitet sie zur Probe, dreieinhalb Jahre später ist sie Filialleiterin. Kampa sagt: „Ich glaube, ich habe mit meiner Zielstrebigkeit, meinem Einsatz und der Art überzeugt, mit Menschen umzugehen.“

Dass die Rolltreppe des Lebens auch nach oben laufen kann – das ist seit den Arbeitsmarktreformen 2005 aus dem Blick geraten. Damals wurde nicht nur Hartz IV eingeführt, sondern auch die Abstiegsangst geboren. Die „Erosion der Mittelschicht“: Falsche Panik oder ein echtes Problem?

Großerhebung in 11.000 Haushalten

Exklusiv für AKTIV nahm das in Berlin ansässige Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) die Einkommen der Bürger unter die Lupe. Sein „Sozioökonomisches Panel“ ist die beste Repräsentativ- Erhebung, die es gibt. Jahr für Jahr werden die Menschen in 11.000 Haushalten befragt, nach Möglichkeit stets dieselben – sodass typische Lebensläufe erkennbar werden.

Die Ausgangsfrage lautete: Wie haben sich von 2004 bis 2009 die Einkommen entwickelt? Deckt sich die Wahrnehmung, dass viele Leute sozial abgestiegen sind und nicht mehr hochkommen, mit der Wirklichkeit? Fazit von DIW-Forscher Jan Goebel, der das Rechenwerk erstellt hat: „Bei den Einkommen gibt es viel mehr Bewegung, als es die öffentlichen Diskussionen widerspiegeln.“ Die Ergebnisse:

  • Hartz-IV-Reform und Weltwirtschaftskrise haben nur leichte Spuren hinterlassen. Das mittlere Einkommen (die eine Hälfte hat mehr, die andere weniger) sank im Fünfjahresvergleich um inflationsbereinigt knapp 2 Prozent. Bei den Wenigverdienern betrug der Verlust etwa 3 Prozent.
  • Die Fahrt nach oben funktioniert weiterhin – auch wenn es, wie Studien zeigen, Alleinerziehende und Geringqualifizierte am schwersten haben. Von jeweils 100 Personen, die 2004 in den drei niedrigsten Einkommenszehnteln waren, schafften in fünf Jahren immerhin 48 einen sozialen Aufstieg.
  • Die Aufstiegswahrscheinlichkeit hat sich nur leicht verringert: Im Zeitraum 1999 bis 2004 lag der entsprechende Anteil bei 52 Prozent.
  • Den massenhaften Abstieg aus der Mitte der Gesellschaft gibt es nicht. Die Personen zwischen dem vierten und achten Einkommenszehntel behalten weitgehend sicheren Boden unter den Füßen – teils mit leichten Verschiebungen nach oben oder unten. Deutlich abwärts ging es im Schnitt für 12 Prozent. Oft ist eine Scheidung der Abstiegsgrund.

Schlechte Zeiten, gute Zeiten

Hartmut Schröder (41) aus Hannover ist Single – und trotzdem ist er abgerutscht. Er gab vor Jahren seinen Posten als EDV-Mann einer Versicherung auf, um selbstständiger „PC-Doktor“ zu werden. Erfolgreich lief das nie, am Ende standen die Insolvenz und Hartz IV. „Mit dem Geld vom Amt hatte ich mehr als all die Jahre“, erzählt er.

Irgendwann hat er dann bei einer Zeitarbeitsfirma angeklopft. Er ist kleben geblieben gleich bei der zweiten Station, einem IT-Dienstleister für Krankenkassen. Binnen einem Jahr wurde er „Systemadministrator, Fachbereich Qualifizierter Servicedesk“. Weil die Firma boomt, wird es wohl nicht der letzte Sprung gewesen sein.

Dirk Horstkötter

 

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