Demographie

Auch morgen kräftig anpacken


Wiesbaden. Der Konjunkturmotor läuft, die Auftragsbücher der Firmen sind gefüllt. Doch wer macht künftig die Arbeit, wenn der Gesellschaft durch Überalterung der Nachwuchs ausgeht? Und damit die Fachkräfte knapp werden?

Der sich abzeichnende Mangel wird gelegentlich als theoretisches Schreckgespenst heruntergespielt. Fakt ist jedoch: In der hessischen Chemie-Industrie bewerben sich bereits heute weniger gut qualifizierte Kandidaten als bisher. Folglich dauert die Personalsuche länger. Manche Stellen bleiben sogar unbesetzt, das meldeten 40 Prozent der Betriebe bei einer aktuellen Umfrage.

Verlängerte Arbeitszeit reicht nicht aus

Was tun? Diese Frage stand im Mittelpunkt der 8. Wiesbadener Gespräche zur Sozialpolitik. Motto: „Von Leuchttürmen, Nebelbänken und Eisbergen. Fachkräftesicherung braucht Weitsicht.“

Der große Andrang im Wiesbadener Kurhaus auf Einladung des Arbeitgeberverbandes HessenChemie zeigte, wie sehr den Unternehmern das Thema unter den Nägeln brennt.

Die Situation beschrieb der Bamberger Professor Herbert Brücker, Arbeitsmarkt-Forscher beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit:

Mitarbeiter fehlen. Ohne Zu- und Rückwanderung verliert die Bundesrepublik bis zum Jahr 2050 rund 40 Prozent der Erwerbspersonen. Ihre Zahl vermindert sich also von aktuell 45 Millionen auf etwa 27 Millionen.

Selbst wenn sich die Lebens- und Wochenarbeitszeit verlängert und mehr Frauen arbeiten, steigt dieser Wert in Modellrechnungen nur um zwei Millionen – die Rente mit 67 bereits eingerechnet.

Ausländische Fachkräfte unverzichtbar. Wenn die Nettozuwanderung – also die Differenz zwischen abgewanderten und zugewanderten Personen – Jahr für Jahr 100.000 beträgt, steigt das Erwerbspotenzial bis zum Jahr 2050 um weitere vier Millionen. Bei 200.000 Personen wären es acht Millionen.

Keine Hilfe durch technischen Fortschritt. Der Traum, dass Maschinen uns die Arbeit abnehmen, ist laut Brücker „eine Illusion“. In Deutschland sinkt der Produktivitätsfortschritt ebenso wie in anderen Ländern der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit). Das sind meist Staaten mit hohem Pro-Kopf-Einkommen. Grund ist der Trend zu Dienstleistungen, etwa in der Altenpflege. Sie zehren – volkswirtschaftlich gesehen – die Zuwächse an Produktivität in der Industrie auf.

Soziale Absicherung in Gefahr. Weniger Erwerbspersonen sind zwar theoretisch zu verkraften, so Brücker. Damit sinkt das Bruttoinlandsprodukt insgesamt, pro Erwerbstätigem aber bleibt es konstant. Das stellt jedoch die Sozialversicherungssysteme vor Probleme: Immer weniger Erwerbstätige müssen dann immer mehr Nicht-Erwerbstätige finanzieren, etwa die älteren Menschen.

Kampf um Talente. Die Industrie-Nationen werben um die klügsten Köpfe. Deutschland wird durch den Aufschwung gerade attraktiver für Einwanderer. Der Arbeitsmarkt entwickelt sich besser als in den meisten anderen europäischen Ländern, die Löhne sind höher. Es gibt damit finanzielle Anreize, und man findet bei uns leichter einen Job.

Ersten Schätzungen zufolge ist der Anteil der Akademiker unter den Neuzuwanderern auf 40 Prozent gestiegen.

Kulturelle Vielfalt im Betrieb. Die Produktivität steigt in Firmen, die Mitarbeiter unterschiedlicher Kulturen und Nationalitäten einstellen, so Brücker. Das zeige der Fußball: Vereine, in denen in großem Maß Ausländer spielen, sind nachweislich besser.

Bezogen auf die Industrie heißt das: Im internationalen Wettbewerb schneiden gemischte Teams deutlich besser ab.

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