Leitartikel

Auch die Schwächsten zählen

AKTIV-Chefredakteur Ulrich von Lampe. Foto: Roth

Darf man Werkstätten für geistig oder psychisch behinderte Menschen nach ihrem volkswirtschaflichen Nutzen durchleuchten? Manch einer wird da empört den Kopf schütteln. Doch der Spitzenverband der Werkstätten hat jetzt genau dies getan – das liefert bemerkenswerte Erkenntnisse über unser Sozialwesen und auch über unsere Industrie.

Natürlich steht über allem der Fürsorge-Gedanke: Die 700 Einrichtungen dieser Art geben bundesweit 300.000 Menschen Tagesstruktur und Lebensinhalt. Doch entgegen landläufiger Meinung tragen sie auch ökonomisch zum Wohlbefinden bei. Auf jeweils 100 Euro, die in den Betrieb fließen, bekommt die Allgemeinheit bei umfassender Betrachtung 108 Euro Wertschöpfung zurück.

Eines Besseren belehrt werden auch alle diejenigen, die unser Wirtschaftssystem als brutalen Ausleseprozess sehen. Angeblich werden ja in der global vernetzten Produktion bald nur noch die Besten gebraucht und alle anderen wahlweise von Chinesen oder Computern ersetzt. Aber: Von den 2 Milliarden Euro Umsatz der Werkstätten entfallen 85 Prozent auf Lohnfertigung für die Industrie.

Das spricht für die Manager in den Sozialeinrichtungen, die sich Tag für Tag um Aufträge bemühen. Aber es wirft eben auch ein Schlaglicht auf die normale Wirtschaft: Sie bleibt eine Welt der Chancen, auch für die Schwächsten.

Und weiter gefasst: für alle, die aus unterschiedlichsten Gründen beim Thema Qualifikation nicht mithalten können. Es ist gut zu wissen, dass auch die meisten Ungelernten noch ihren Platz finden. Immerhin 6,3 Millionen Menschen haben keinerlei beruflichen Bildungsabschluss – und trotzdem einen Arbeitsvertrag.


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