Die verzagte Generation

Arbeitslosigkeit in Italien: Wie die Jugend die große Krise erlebt


Portici. Abends, wenn die süditalienische Sonne das Mittelmeer in eine rote Glut verwandelt, wird die Hafenmauer von Portici zur Partymeile. Unten schmatzt die Gischt gegen den Beton, oben wird geflirtet. Unbeschwert, scheinbar.

Das Idyll trügt. Nicht nur hier am Golf von Neapel, in ganz Italien wächst eine verzagte Generation heran. Manche sprechen gar von einer „verlorenen Generation“.

Zwei Talente, die das Land nicht braucht

Jeder Fünfte zwischen 15 und 24 Jahren hat weder einen regulären Arbeitsplatz, noch steckt er in Ausbildung oder in irgendeiner Trainingsmaßnahme. Es sind Menschen wie Luca und Ornella.

Luca Fascio (20): „Ich habe eine Hotelfachschule abgeschlossen, aber einen richtigen Job hatte ich noch nie. 50 Bewerbungen habe ich geschrieben – und nicht mal eine Antwort bekommen. Seit zwei Jahren arbeite ich schwarz als Kellner. Fast jeder, den ich kenne, arbeitet schwarz. Wenn du Ansprüche stellst, einen richtigen Arbeitsvertrag verlangst, stehst du wieder auf der Straße. Die Arbeitgeber hier halten sich an keine Regeln mehr, sie machen, was sie wollen, sie beuten uns nur aus, wir sind ihnen egal. Hier gibt es nichts, keine Zukunft, gar nichts.“

Ornella Marino (21): „Nach dem Abitur habe ich ein Jahr lang versucht, eine Ausbildung zu kriegen. Keine Chance. Dann habe ich mich für Wirtschaft an der Uni eingeschrieben, aber diesen Plan auch schnell aufgegeben: Es gibt hier einfach keine Arbeit – und viele Freunde, die ihr Studium abgeschlossen haben, sind trotzdem arbeitslos. Jetzt will ich mich für eine Ausbildung zur Krankenschwester bewerben, die Tests sind in ein paar Wochen. Wenn ich sie nicht bestehe? Keine Ahnung, was dann werden soll.“

Ornella und Luca, die beiden jungen Italiener von der Hafenmauer in Portici, geben der schweren Krise ein Gesicht. Ein trauriges, denn Aussicht auf Besserung besteht so schnell nicht. Seit 2008 hat die drittgrößte Volkswirtschaft Europas über eine halbe Million Industrie-Jobs verloren. Nachdem die Wirtschaft bereits im vergangenen Jahr um 2,4 Prozent schrumpfte, befürchten Ökonomen auch für 2013 ein Minus.

Dem Arbeitsmarkt wird das einen weiteren Schlag versetzen. 2012 machten laut italienischer Handelskammer „Unioncamere“ 100.000 Unternehmen Pleite! Zum Vergleich: In Deutschland, das von der Wirtschaftsleistung her 70 Prozent größer ist als Italien, gingen nur 28.000 Firmen pleite.

Um gegenzusteuern, setzt die Regierung um Ministerpräsident Enrico Letta nun verstärkt auf Reformen, um gerade der Jugend den Einstieg ins Arbeitsleben zu ermöglichen: „Wir müssen der Jugend zurückgeben, was wir ihr genommen haben.“

5,6 Millionen Menschen bis 25 Jahre sind EU-weit ohne Arbeit

So brachte er unlängst ein 1,5 Milliarden Euro schweres Beschäftigungspaket auf den Weg, das Firmen die Einstellung junger Leute schmackhaft machen soll. Auch Brüssel will die Jugendarbeitslosigkeit, die sich mittlerweile EU-weit auf 5,6 Millionen Menschen addiert, mit 8 Milliarden Euro bis 2015 bekämpfen. Auf der Hafenmauer in Portici jedoch hat die Jugend das Vertrauen in die Politik verloren.

Luca Fascio: „Die Politiker schwingen eben ihre Reden. Aber es passiert nie etwas. Dass unser Ausbildungssystem, unsere Unis, die Schulen nicht gut sind, das kann doch jeder sehen. Mein Bruder zum Beispiel war während seiner Ausbildung zum Koch auf einer Schule, in der es nicht einmal eine Küche gab. Was soll da rauskommen? Vom Staat kannst du nichts erwarten. Erst recht nicht im Süden.“

Ohnehin bezweifeln Experten, dass der hohen Jugendarbeitslosigkeit mit Geld beizukommen ist. „In Südeuropa ist die Arbeitslosigkeit vorwiegend krisenbedingt oder von ineffizienten Institutionen mitverursacht“, sagt beispielsweise Holger Schäfer, Arbeitsmarktexperte beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Und weiter: „Diese grundsätzlichen Probleme kann Arbeitsmarktpolitik nicht lösen – nicht einmal, wenn die Politik noch mehr Geld ausgibt.“

Was tun? Was bleibt für Menschen wie wie Luca und Ornella?

Ornella Marino: „Ich habe mal als Aushilfskellnerin auf einem staatlichen Kongress gearbeitet. Das Thema dort war ´Kampf gegen die Schwarzarbeit´. Aber bezahlt wurde ich: schwarz. Was willst du von so einem Land noch erwarten?“

Luca Fascio: „Wir werden gehen, vielleicht in den Norden, besser noch ins Ausland, nach England vielleicht. Ich möchte eine Familie gründen, meine Zukunft planen können. Das geht hier nicht. Also müssen wir gehen. Wir sind Italiens Jugend – aber wenn unser Land uns so deutlich sagt, dass es uns nicht braucht? Dann soll es so sein!“

Hintergrund

Hohe Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa

• Die durch die Staatsschuldenkrise ausgelöste schwere Rezession in Südeuropa hat die Beschäftigungsperspektiven der Jugendlichen erheblich verschlechtert – wenn auch nicht in dem Maße wie oft suggeriert. Dass etwa in Italien rund „40 Prozent der Jugendlichen keine Stelle“ finden („Handelsblatt“) ist missverständlich.

• Zwar lag die Arbeitslosenquote der 15- bis 24-Jährigen in der Tat bei 35,3 Prozent 2012 und 38,5 Prozent im Mai 2013, so die jüngsten Zahlen der Statistik-Behörde Eurostat. Aber das bezieht sich nur auf jene, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Und in dieser Altersgruppe gibt es ja viele Schüler und Studenten.

• Bezogen auf sämtliche 15- bis 24-Jährigen hatten 2012 (hier liefert Eurostat nur Jahreswerte) 21,1 Prozent weder einen regulären Arbeitsplatz, noch waren sie in Ausbildung oder in einem Trainingsprogramm. In Deutschland lag dieser Wert bei 7,7 Prozent.

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