Aufschwung

Arbeit für alle


Wie ist es eigentlich, wenn Vollbeschäftigung herrscht? AKTIV hat sich in Eichstätt umgesehen

Frühjahrsputz am Marktplatz: Auf einer alten Holzleiter steht Malermeister Karl-Heinz Dengler und überpinselt den Schriftzug vom „Hotel Adler“. An den barocken Fassaden gibt es dieser Tage viel zu tun – da braucht er in Spitzenzeiten schon mal Verstärkung. „Doch ob ich jemanden finde“, sagt er, „ist immer Glückssache.“

Kein Wunder. Denn hier, in der oberbayerischen Kreisstadt Eichstätt, ist schon jetzt zu besichtigen, was mittelfristig angeblich ganz Deutschland erwartet: So gut wie keiner sucht noch einen Job! „Im nächsten Jahrzehnt ist nach meiner Meinung Vollbeschäftigung zu erreichen“, hat Ende März Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) verkündet, wie zum Trotz, mitten in die allgemeinen Konjunktur-Sorgen hinein.

Ein paar Häuserblocks von Malermeister Dengler entfernt blickt Günther Wagner, Geschäftsstellenleiter der Arbeitsagentur, zufrieden aus dem Fenster in die Sonne. Auf seinem Tisch liegen die jüngsten Zahlen. Mit Textmarker hat er die Arbeitslosenquote angestrichen. 2,0 Prozent!

Nur 820 von 124.000 Einwohnern des Kreises waren im März ohne Stelle. Da sprechen Experten von Vollbeschäftigung: Ein wenig Fluktuation, etwa nach einem Schulabschluss oder dem Wechsel des Arbeitgebers, ist unvermeidlich. 

Kirchen-Behörde und Lampen-Fabrik

Eichstätt hat die niedrigste Quote bundesweit. Zuweilen laufen Reporter mit Mikrofonen durchs Städtchen und rennen dem Bürgermeister Arnulf Neumeyer (SPD) die Bude ein. Der sagt: „Fernsehen, das sind wir sonst gar nicht gewohnt.“ Und überhaupt, er selbst könne doch gar nichts für die niedrige Arbeitslosigkeit!

Trotzdem erklärt er seine Sicht der Dinge. Eichstätt sei eine Bildungs- und Behördenstadt, die sogar eine eigene Uni („vierkommafünftausend Studenten“) und eine DiözesanVerwaltung hat („dort arbeiten ein paar Hundert Leute“). Er preist den „gesunden Mittelstand“. Größter Betrieb in Eichstätt ist Osram – 750 Mitarbeiter produzieren in der Industriestraße Halogenlampen.

Ein paar Hausnummern weiter macht Bus-Unternehmer Karl Jägle einen Rundgang durch sein Betriebsgelände. Er ist auch Vorsitzender des örtlichen Gremiums der Industrie- und Handelskammer.

Audi Ingolstadt als Magnet

„Bei uns läuft’s halt“, sagt er verschmitzt. Ein Grund sei das Audi-Werk Ingolstadt mit über 30.000 Mitarbeitern. „Ein Magnet! So ein riesiges Werk braucht alles vom Klempner bis zum Maler. Wenn Audi investiert, partizipieren alle.“

Die Eichstätterin Stefanie Potsch-Ringeisen, die gerade durch die Altstadt läuft, macht auch das katholische Frauen-Bild für die gute Arbeitsmarkt-Lage verantwortlich. „Hier ist fast normal, dass Frauen mehr als zwei Kinder haben und zu Hause bleiben“, erzählt sie. Sie selbst falle da mit Kind und Halbtagsjob aus der Reihe.

Die niedrige Arbeitslosigkeit sei angenehm, sagt sie. „Da treten soziale Randgruppen weniger in Erscheinung, man fühlt sich mehr eingebunden.“ 

Trotz aller Euphorie ist nicht alles eitel Sonnenschein. „Der Arbeitsmarkt ist total leer gefegt“, so Jägle. Er hat nur deshalb genug Mitarbeiter, weil er sie selbst ausbildet.

Auch Arbeitsagentur-Chef Wagner hat ein paar kleine Sorgen. 422 Stellen sind zu besetzen. Vor allem in der Metall- und Elektro-Industrie: „Deshalb planen wir gerade eine zweijährige Umschulung für Berufe im Metallsektor.“

Für April rechnet er mit einer Arbeitslosenquote von nur noch 1,6 Prozent – wegen der Saisonarbeiter. Auf den Medienrummel bereitet er sich jetzt schon vor.

Info: Eichstätt

Der Landkreis Eichstätt liegt im oberbayerischen Altmühltal, etwa 25 Kilometer von Ingolstadt entfernt. Wegen ihrer barocken Bauten wird die Kreisstadt mit ihren 14.000 Einwohnern auch „bayerisches Florenz“ genannt.

Die Wirtschaft ist von Industrie, Dienstleistung und Tourismus geprägt. Mit 2,0 Prozent hatte der Kreis im März 2008 die niedrigste Arbeitslosigkeit, mit deutlichem Abstand vor dem schwäbischen Biberach (2,4 Prozent).

www.eichstaett.de

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