Obdachlosigkeit

Am Boden


Leben am Rande der Gesellschaft – Wohnungslose in Deutschland

Der wahr gewordene Traum des Jürgen Bogard ist ein kleines Stück Papier hinter durchsichtigem Kunststoff. Es prangt neben der Tür eines Mehrfamilienhauses in der Kölner Südstadt, „Bogard“ steht darauf, geschrieben mit Bleistift.

Es ist das Klingelschild zu seiner Wohnung, 18 Quadratmeter mit Bad, ein Bett, Tisch, Stuhl, fertig. „Seit Januar hab ich die, das Amt zahlt die Miete“, sagt Bogard, ungläubig irgendwie, es klingt, als spreche er vom Himmelreich.

Vermutlich ist es das für ihn auch. Denn Jürgen Bogard (57) war obdachlos, sieben Jahre lang. Nach 20 Jahren als Busfahrer kamen Kündigung,  Scheidung und Schulden. Er verlor seine Wohnung, die Nächte verbrachte er fortan im Kölner Bahnhof. „Mit einem Einkaufswagen, da drin meine Siebensachen und der Schlafsack.“ Bis der Tipp mit der neuen Wohnung kam. „Das Wunder“, wie Bogard es nennt.

Anspruch auf ein Dach über dem Kopf

Ein Wunder, auf das viele Betroffene noch warten müssen – mitten in Deutschland. Auf bundesweit 254.000 schätzt die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) die Zahl derer, die derzeit kein eigenes Dach über dem Kopf haben. „Die Mehrzahl der Betroffenen ist in Notunterkünften, Obdachlosenheimen oder anderen Auffangstationen untergebracht“, sagt Werena Rosenke, Sprecherin der BAG W.

Auf der Straße schlafen muss hierzulande demnach niemand. „Jeder hat in Deutschland Anspruch auf das soziokulturelle Existenzminimum“, bekräftigt Waltraut Peter, Expertin für Armutspolitik beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). „Da ist neben 347 Euro Regelleistung nach Hartz IV auch ein Dach über dem Kopf drin.“

Wer heute zum Amt gehe, der bekomme noch am selben Tag eine Unterkunft, so Peter weiter.

Rund 18.000 Menschen in Deutschland jedoch machen laut BAG W zumindest von ihrem Recht auf ein Bett keinen Gebrauch. „Die machen Platte und schlafen auf der Straße“, sagt Sprecherin Rosenke.

So wie Jürgen Bogard – bis vor wenigen Wochen. „In die Notunterkünfte wollte ich nicht“, winkt er ab. Zu viel Ärger gebe es dort, Drogen und Suff, „und wenn du morgens aufgewacht bist, war von deinen Sachen nicht mehr viel da.“

Fast alle leben von Hartz IV

Jetzt sitzt Bogard an einem  Bistro-Tisch im „Gulliver“, einer Tages-Anlaufstation für Obdachlose unweit des Kölner Bahnhofs. Ein gewölbeartiger Raum, hineingebaut in eine der Rheinbrücken, das Rumpeln der Züge oben zaubert kleine Wellen in Bogards Kaffeebecher. „Fast jeden Tag komme ich noch her, aus alter Verbundenheit, außerdem kann ich meine ganze Wäsche waschen, und das Essen ist günstig.“ Heute lockt Rührei mit Speck, für 1 Euro 50.

Neben Bogard steuern täglich gut 200 meist Obdachlose das „Gulliver“ an, nutzen den Schlafraum, die Duschen, den Internetzugang. Und die Postadresse, die sie hier einrichten können. Ohne die zahlt der Staat keine Leistungen, vor allem nicht die 347 Euro Hartz- IV-Mindestsicherung, die sie fast alle beziehen hier. Auch für die Krankenversicherung, auf die Obdachlose seit den Hartz-Reformen ein Anrecht haben, ist die Postanschrift Pflicht.

Kaum eine Chance auf dem Arbeitsmarkt

„Viele Biografien der Menschen im ,Gulliver’ gleichen sich“, sagt Bernd Mombauer, Chef des Kölner Arbeitslosenzentrums. „Es ist die Abwärtsspirale aus Jobverlust, gescheiterten Beziehungen, Alkohol und Schulden.“ In letztere gerieten gerade Langzeitarbeitslose leicht: Die Kommunen übernähmen die Miete nur bis zu einem Höchstsatz, finde man keine günstigere Bleibe, drohe Überschuldung und der Verlust der Wohnung.

Der Weg runter von der Platte und zurück in ein normales Leben ist dann meist steinig. „Auf dem ersten Arbeitsmarkt haben die wenigsten noch eine Chance“, so Mombauer. Realistisch sei dagegen für viele die Teilnahme an Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, wie sie auch die Überlebensstation „Gulliver“ anbietet.

Die Hoffnung auf ein Leben ohne Hartz IV hat auch Jürgen Bogard längst aufgegeben. Aber sich hängen zu lassen, vollends abzurutschen in Elend und Alk, wie so viele andere, die er von der Platte kenne, das sei nie infrage gekommen für ihn.

„Dir wird schon geholfen in diesem Land, wenn du dir helfen lässt“, sagt Bogard. Und: „Klar, ich hab nur Hartz IV. Aber ich bin besser dran als Leute, die viel mehr haben als ich. Und denen trotzdem alles fehlt.“

Info: Mindestsicherung in Europa

Trotz aller Einschnitte durch die Hartz-Reformen bekommen Langzeitarbeitslose in Deutschland mehr Geld vom Staat als in anderen Industrieländern. Das ergab eine aktuelle Studie der Organisation für wirtschaftliche  Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD).

 

So erhält ein alleinstehender Langzeitarbeitsloser, der zuletzt durchschnittlich verdiente, nach fünf Jahren ohne Job noch 36 Prozent seines letzten Nettolohns. Im OECD-Schnitt sind es nur 32 Prozent.

Die Familie eines verheirateten Durchschnittsverdieners bekommt noch 62 Prozent des letzten Nettos als Stütze vom Staat. Das ist nur etwas weniger als vor den Hartz-Reformen (2001: 63 Prozent).

 

 

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Schlagwörter: Gesellschaft

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