Wissenschaft

Algen locken Forscher an


Das Grünzeug aus dem Meer verputzt Klimagas, liefert Biodiesel und verspricht Medikamente

Nein, wir mögen sie nicht. Nicht als grünen Belag auf den Fliesen der Veranda, nicht im Gartenteich und schon gar nicht als glitschiges Etwas auf der Haut beim Schwimmen: Algen.

Dabei hat es das un­scheinbare glibberige Grünzeug aus dem Wasser in sich. Es bietet Öle, Vitamine, Farbstoffe und vieles mehr. Und es ist ganz scharf auf das Klimagas Kohlendioxid. Kein Wunder also, dass sich Forscher und Firmen brennend für die kleinen grünen Dinger interessieren.

Klimawandel bringt Forschungs-Hype

„Vielleicht können sie in nicht allzu ferner Zukunft da­bei helfen, das Klima auf unserem Planeten zu stabilisieren“, erklärt Dieter Sell, Biotechnik-Experte bei der Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie in Frankfurt den Forschungs-Hype.

Denn Algen haben Kohlendioxid (CO2) zum Fressen gern. Sie wachsen sieben- bis zehnmal schneller als Landpflanzen und verputzen dabei deutlich mehr Klimagas als diese. Und sie brauchen kein Ackerland, verdrängen also nirgends Ge­treide, Mais oder Gemüse von den Feldern. Auf diesen CO2-Hunger setzen Energie-Erzeuger wie Eon, EnBW und RWE-Power. Sie betreiben bereits Pilotanlagen, in denen MikroAlgen das Kohlendioxid aus den Rauchgasen von Kraftwerken als Futter erhalten.

Dazu leitet man das Abgas einfach durch mit Salzwasser und Algen gefüllte Schläuche, wie etwa in einer Anlage des RWE im rheinischen Niederaußem. Die grünen Dinger wachsen, vermehren sich, verputzen so zwölf Tonnen Klimagas pro Jahr und bilden sechs Tonnen Algen-Biomasse.

Was tun damit? Biodiesel daraus machen, finden immer mehr junge kleine Firmen. Denn Algen enthalten zu 30 bis 40 Prozent Fettsäuren, die sich dazu eignen. Man presst sie aus, nimmt das Öl, raffiniert es – und fertig ist der Biodiesel. „Technisch geht das, aber noch ist die Herstellung viel zu teuer“, weiß Experte Sell. Aber er macht Hoffnung: „In 10, 15 Jahren könnten wir so weit sein.“

Antikrebs-Mittel aus der Natur

Hinter ganz anderen Inhaltsstoffen der Algen ist Forscher Mark Brönstrup vom Arzneimittel-Hersteller Sanofi-Aventis in Frankfurt her. Er sucht nach neuen Wirksubstanzen. „Weltweit gibt es mehrere Wirkstoffe aus natürlichen Quellen – meist Antikrebs-Mittel –, die bereits in der Klinik getestet werden“, sagt Brönstrup zuversichtlich. Auch er war schon fündig.

Neben Pilzen und Bodenbakterien durchleuchtet Brönstrup dafür sogenannte Blau­algen. „Sie sind eigentlich keine Algen“, stellt er klar. „Aber sie gehören zu dem grünen Zeug, das im Teich schwimmt.“ Das „grüne Zeug“ für seine Arbeit erhält er in Form von Kulturen von der Berliner Firma Cyano Biotech, mit der Sanofi-Aventis seit vier Jahren zusammenarbeitet.

Die Zukunft der Algen hat also gerade erst begonnen. Da­bei spielen sie schon heute eine Rolle in der Industrie. In Kosmetik zum Beispiel. Und wegen ihrer Eiweiße, Vitamine und Mineralstoffe bieten sich Mi­k­roalgen auch als Nahrungsergänzung an. So gab es Versuche, Brötchen, Kekse oder Nudeln mit Algenzusatz populär zu machen. Selbst vor Bier machten die Entwickler nicht halt. Na dann doch lieber Biodiesel!

Kleines Algen-Wissen

Auf der Erde gibt es rund 400000 Al­gen­arten, 40.000 sind ge­nauer be­kannt. Rund 1 Prozent da­von nutzt die In­dustrie, etwa für Nahrungsmittel. Weltweit werden neun Millionen Tonnen pro Jahr als Salat oder Gemüse verzehrt, vor allem in Asien.

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