Auslandsreport

Albtraum im Eis


Island ist pleite – kann uns das auch passieren?

Island: Nirgendwo wütet die Finanzkrise so brutal wie auf dieser Insel im Nordatlantik. Tausende Isländer haben alles verloren, ihre Jobs, ihr Geld, ihre Häuser, manche auch die Hoffnung. AKTIV-Chefreporter Ulrich Halasz beschreibt ein Land im Chaos.

Als der schwarze Ge­ländewagen von der Küstenstraße abbog und den steilen Schotterweg emporrumpelte, stand Gudmundur Ingi Kristiasson schon draußen vor seinem Haus und wartete. Unten glitzerte der Atlantik in der Morgensonne, auf den Berghängen hinter dem Haus erwachten gerade die Vögel in ihren Nestern. Der Wagen hielt, und zwei Männer in Anzügen stiegen aus.

„Weißt du, warum wir hier sind, Gudmundur?“

„Ja“, sagte Gudmundur. „Ihr nehmt mir mein Haus.“

„Du hast die Raten nicht bezahlt.“

„Und ihr habt mich betrogen.“

„In fünf Tagen musst du raus sein. Tut uns leid.“

Gudmundur nahm den Um­schlag mit der Räumungsklage an sich, ging wortlos wieder hi­nein ins Haus, das ihm nicht mehr gehörte, und als der Wagen un­ten wieder auf die Straße einbog, saß Gudmundur Ingi Kristiasson in seiner Küche, blickte hi­naus aufs Meer und weinte wie ein Kind.

30 Jahre Ersparnis über Nacht weg

Die Geschichte von Gudmundur, der sein Haus verlor – sie ist exemplarisch für eine Finanz­krise, die in ihrer Wucht die deutsche noch weit übertrifft. Und für eine schlechte Wirtschaftspolitik, die die Banken zum Zocken verführte und so den Wohlstand ruinierte.

Bis vor kurzem galt Island noch als skandinavischer Tigerstaat. Es ist gerade einmal ein gutes Jahr her, da bescheinigte eine Untersuchung der Vereinten Nationen den 320.000 Einwohnern der Nordatlantik-Insel, im „lebenswertesten Land der Welt“ zu residieren: Viert­höchs­tes Pro-Kopf-Einkommen, brummende Wirtschaft, Vollbeschäftigung. Doch im Oktober 2008 kam das, was sie „Kreppa“ nennen in Island – die Krise.

Innerhalb einer Woche kollabieren die drei größten Banken des Landes unter der Last ihrer astronomischen Auslandsschulden und müssen verstaatlicht werden. Mit apokalyptischen Folgen: Drohender Staatsban­krott! Firmenpleiten! Dramatisch steigende Arbeitslosigkeit! 18 Prozent Inflation! Gewalttätige Demonstrationen! Rücktritt der Regierung!

Fassungslos müssen die Isländer derzeit mit ansehen, wie Tausende von ihnen alles verlieren: ihre Jobs, ihre Ersparnisse, ihre Häuser, ihre Zukunft.

So wie eben Gudmundur Ingi Kristiasson. An diesem polarkalten Februartag steht der 53-Jährige vor dem Parlamentsgebäude im Zentrum der Hauptstadt Reykjavik. Jeden Tag steht er hier, stundenlang, in der Hand eine verbeulte Blechpfanne, auf die er mit einem Schraubenschlüssel eindrischt wie ein Trommler in der Schlacht. „Die Politiker und ihre Banker-Freunde da drinnen sollen merken, dass ich noch da bin. Ich will Gerechtigkeit. Und mein Geld zurück!“

Dann erzählt er, wie er letztes Jahr auf Empfehlung der Bank all sein Geld in Schuldverschreibungen des Instituts steckte. Die Bank ging unter. „Über Nacht war weg, wofür ich 30 Jahre lang gearbeitet hatte.“ Kurz darauf verlor er durch die Krise seinen Job, schließlich das Haus, „weil es auf Kredit finanziert war statt mit meinen Ersparnissen, die Bank sagte, das sei besser so“.

Jetzt ist Gudmundur ruiniert. Mit ihm verloren Schätzungen zufolge 80 Prozent aller Isländer ihre Ersparnisse. Deshalb steht er hier. Und trommelt, trommelt, trommelt.

Kredite, Leben auf Pump – jahrelang war das der Treibstoff des vielbesungenen „Geysir-Wirtschaftswunders“. Als dessen Helden galten – die smarten Banker. Mit aggressiven Investitionen und hemmungsloser Expansion holten sie in kürzester Zeit  ungeahnten Reichtum auf die schroffe Insel. Sie kauften wie wild Flug­linien und Warenhäuser in halb Europa, die Welt sprach schon von den „Neuen Wikingern“.

Alle lebten auf zu großem Fuß

Dann kam die weltweite Fi­nanzkrise, rund um den Globus trockneten die Kreditlinien aus, die isländischen Banken bekamen kein frisches Geld mehr – und die Blase platzte. Jetzt gelten die Banker hier als Verbrecher, die mit ihrer Gier ein ganzes Land ruinierten. Jedoch: Wie die Banken hatte das ganze Land auf viel zu großem Fuß gelebt.

Fast alle Isländer sind hoch verschuldet: weil sie auf Kredit neue Häuser und Autos kauften, sich Flachbildschirme gönnten und Apple-Computer. Die Darlehen nahmen sie oft in ausländischen Devisen auf, das schien günstig, der starken Krone we­gen. Nun aber ist die heimische Währung eingebrochen: Die Dollar- oder Euro-Kredite sind nun für viele unbezahlbar.

Erst jetzt beginnen die Isländer zu verstehen, dass die Krise keine Naturkatastrophe ist, die ihr Land heimsucht, sondern dass sie von Menschen verursacht ist, von ihren Politikern, letztlich von ihnen selbst.

„Wir alle haben mitgespielt, jeder wollte doch unbedingt mitfeiern auf der großen Konsum-Party“, sagt beispielsweise die Studentin Bergljöt Hjartardóttir. Sie steht vor dem Rathaus und beobachtet eine Protestaktion gegen den Internationalen Währungsfonds, bei der ein Vermummter eine halbnackte Frau auspeitscht. „Das ist Island“, brüllen die Demons­tranten, es werde ausgebeutet vom internationalen Kapital.

Frustsaufen mit Rezessionsbier

Eine verwirrte Logik. Verwirrt wie das ganze Land, wo nichts mehr so ist wie vor einem halben Jahr. Wo Luxus-Boutiquen bislang sündhaft teure Wollklamotten feilboten, eröffnen nun Secondhand-Läden, in denen isländische Hausfrauen loszuschlagen versuchen, was gerade nicht gebraucht wird.

In den Kneipen betrinken sich Gefrustete mit „Rezessionsbier“ zum halben Preis. Auf dem Heimweg wanken sie vorbei an brachliegenden Bürohaus-Baustellen, vorbei an gerade fertigen Einfamilienhäusern, vor denen schon wieder „Zu verkaufen“-Schilder im Wind baumeln.

Die Kirchen vermelden ungewohnten Zulauf, die Polizei klagt über mehr Kriminalität. Kreppa, die Krise, sie ist überall.

Ein Gesicht bekommt sie im Ar­beitsamt am Stadtrand. Drangvolle Enge herrscht hier, die Arbeitslosenquote ist in nur vier Mo­naten von anderthalb auf rund 10 Prozent ge­klettert. Auch Keistinn  Sigridarson ist wieder  da, so wie jeden Dienstag.

30 Jahre lang fuhr er als Fischer raus, zuletzt vertickte er Luxus-Appartements, bis die Pleitewelle auch seine Firma versenkte.

„Das Land ist tot“, flucht Sigridarson, die Banker hätten es „verzockt im Kapitalmarkt-Casino“. Wie fast jeder Dritte will er jetzt auswandern, „nach Norwegen oder auf die Färöer-Inseln“.

Schwache Krone lockt Touristen

Kalli Bjarnason wird wohl bleiben. Jeden Tag kutschiert er mit seinem kleinen Bus Touristen raus in die Natur. Hochsaison ist im Sommer, aber auch jetzt schon ist sein Bus voll. „Die schwache Krone lockt, Island ist jetzt billig“, sagt er.

Unterwegs unterhält er mit isländischen Heldensagen, er­zählt von Elfen und Trollen. Die Fahrt geht vorbei an Gletschern und Wasserfällen, für einen Moment scheint die Kreppa weit weg.

Bis Kalli Bjarnason plötzlich fragt, ob jemand im Bus vielleicht wisse, wie man einen Banker vor dem Ertrinken rettet.

Schweigen.

„Keiner weiß das?“, fragt er, bitter lächelnd. „Gut so!“

Chronik: Islands Kollaps

  • April 2008: Erste Anzeichen der Krise. Die isländische Krone beginnt zu sinken. Ministerpräsident Geir Haarde macht ausländische Hedge-Fonds verantwortlich.
  • September: Die Isländer feiern Handball-Silber bei Olympia in Peking. Dann bricht mit „Glitnir“ die erste Bank zusammen.
  • Oktober: Mit „Landsbanki“ und „Kaupthing“ kollabieren zwei weitere Banken. Regierungschef Haarde tritt vor die Kameras: „Gott schütze Island“.
  • November: Beginn von Massenprotesten. Erste Firmenpleiten. Der Internationale Währungsfonds gewährt einen Notkredit.
  • Januar 2009: Die Regierung Haarde tritt zurück.
  • Februar: Es herrscht Chaos. Die Notenbank erwartet für 2009 10 Prozent weniger Wirtschafts­leis­tung. Inflationsrate: 18 Prozent.

„Vetternwirtschaft und Filz“

Ein ganzes Land sitzt in der Schuldenfalle. Was jetzt? Wir fragten Magnús Árni Skúlason, Chef des renommierten Wirtschaftsforschungsinstituts „Reykjavik Economics“.

AKTIV: Ihr Land ist pleite. Wie konnte es so weit kommen?

Skúlason: Unsere Politik und die Kontrollinstanzen, besonders die Bankenaufsicht, waren viel zu schwach. Allein die privaten Banken haben Auslandsschulden in zwölf­facher Höhe unseres Brutto­inlandsprodukts aufgehäuft. Das konnte nicht gutgehen.

AKTIV: Hat es keine warnenden Stimmen gegeben?

Skúlason: Doch, aber sie wurden  ignoriert.  Island  ist sehr klein, die Verflechtung von Politik, Banken und Wirtschaft war ungesund eng.  Hier herrschte Vet­ternwirtschaft, Filz! Warnende Stimmen störten da nur.

AKTIV: Was muss jetzt passieren?

Skúlason: Derzeit passiert erst mal gar nichts. Die Politik ist voll­kommen hilflos, und auch wir Ökonomen wissen keinen rechten Ausweg. Klar ist nur: Es wird alles noch schlimmer werden.

AKTIV: Was heißt das?

Skúlason: Die Arbeits­losigkeit wird weiter steigen, noch mehr Firmen werden zusam­menbrechen. Und wir können fast nichts dagegen tun. Schauen Sie, der Rest der Welt legt riesige Konjunkturprogramme auf, um die Wirtschaft zu stützen. Aber Island hat kein Geld mehr. Wir sind pleite.

Kann so etwas bei uns auch passieren?

Was in Deutschland beruhigend anders ist als in Island

Dass innerhalb weniger Monate das ganze Land in die Pleite rutscht – müssen wir davor etwa auch Angst haben? Die Milliarden und Abermilliarden, mit denen unser Staat in die Konjunktur-Bresche springt, sind ja schließlich auch nur gepumpt: Übernimmt sich Deutschland?

Unser Land ist kreditwürdig ...

Als gut erträgliches Maß der Staatsverschuldung haben die  Euro-Länder vereinbart: Die gesammelten Miesen sollen nicht höher sein als 60 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Deutschlands Bemühungen, dieses Ziel zu erreichen, sind zwar vorerst gescheitert. Die Schuldenquote dürfte dieses Jahr knapp 70 Prozent erreichen; 2010 könnten es laut aktueller EU-Prognose sogar 72 Prozent werden.

Deswegen rümpft aber kaum jemand die Nase: Weltweit gilt Deutschland als ein erstklassiger Schuldner – und muss deswegen auch nur vergleichsweise niedrige Zinsen zahlen.

Und der Anstieg der Schuldenquote ist moderat, verglichen mit dem, was in Island passiert ist: Nur internationale Notkredite retteten die Insel vor dem Bankrott, die früher kaum nennenswerte Verschuldung schoss deswegen durch die Decke. Nach Angaben der Regierung in Reyk­javik dürfte sie nun bei 109 Prozent des Bruttoinlandsproduktes liegen (und damit in etwa auf dem Niveau Italiens).

Wie sieht es mit den Banken aus? Auch bei uns haben sich ja einige Institute mächtig verhoben. Von einer Aufblähung à la Island sind wir aber weit entfernt.

Das zeigt die „Bilanzsumme“, eine im Finanzsektor übliche Maßzahl. Vor dem Crash hatten sich die drei wichtigsten isländischen Banken extrem aufgeplustert, am Ende war ihre Bilanzsumme mehr als zehn Mal so groß wie die jährliche Wirtschaftskraft des gesamten Landes. Bei uns ist das Verhältnis ganz anders: Die Bilanzsumme der zehn größten Banken ergibt nicht einmal das Dreifache unseres Bruttoinlandsprodukts.

Auch der Wohnungsmarkt steht solider da. In Island sorgten extreme Preissteigerungen dafür, dass sich die Leute reich fühlten, hoch verschuldeten und nach dem Absturz der Immobilienpreise in Nöte ka­men. Bei uns gibt es für eine solche Spekulationsblase keine Anzeichen.

Nach Berechnungen des Berliner Städtebau-Instituts ifs wur­den westdeutsche Eigentums-Immobilien von 1995 bis 2007 nur um insgesamt 8 Prozent teurer – und im Osten sogar um 11 Prozent billiger. Die stabilen Mieten gelten als wichtige Inflationsbremse.

... und hat stabiles Geld

Trotz des aktuellen Preisverfalls bei Immobilien in Island betrug die Inflationsrate im Februar rund 18 Prozent. In Deutschland hat die Teuerung inzwischen jeden Schrecken verloren, vor allem wegen der stark gesunkenen Preise für Benzin und Heizöl. Die vorläufige Rate für Februar: 1,0 Prozent.

Warum aber wird in Island alles so viel teurer? Vereinfacht erklärt: Waren steigen im Preis, wenn das dafür gebotene Geld an Wert verliert – und für seine Währung kann sich das kleine Land nicht mehr viel kaufen.

Seit Anfang 2008 musste man für einen Euro immer mehr isländische Kronen hinblättern, im Herbst schmierte die kleine Währung auf nur noch ein Drittel des lange Jahre gewohnten Wertes ab.

Das bedroht viele Insulaner auch ganz direkt: War es doch für sie normal, sich nicht nur kräftig zu verschulden, sondern dabei auch noch Kredite in fremder Währung aufzunehmen. Ganz einfach, weil die billiger zu haben waren.

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Schlagwörter: Inflation Europa

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