Tarifrunde 2014

3,7 Prozent mehr Lohn und 9.200 Ausbildungsplätze in der Chemie

Hannover. Die Weichen sind gestellt: 550.000 Beschäftigte der Chemie-Industrie erhalten 3,7 Prozent mehr Lohn. Die Laufzeit des Vertrags beträgt 14 Monate.

Zudem werden die Unternehmen von 2014 bis 2016 bundesweit 9.200 neue Ausbildungsplätze pro Jahr anbieten – 200 mehr als bisher. Darauf einigten sich der Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) und die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) nach der zweiten Bundesrunde der Verhandlungen im niedersächsischen Hannover.

Die erste große Tarifeinigung einer Schlüsselindustrie in diesem Jahr

Die Erleichterung über die Einigung stand den Tarifpartnern ins Gesicht geschrieben. Vor laufenden Kameras verkündeten sie das Ergebnis der mit Spannung erwarteten, ersten großen Tarifeinigung einer Schlüsselindustrie in diesem Jahr.

Vehement hatten die Verhandlungspartner zwei Tage lang miteinander gestritten und immer wieder nach Lösungen gesucht. Die Chemiegewerkschaft hatte 5,5 Prozent mehr Lohn verlangt. Und sich dafür stark gemacht, Auszubildende nach der Lehrzeit fest einzustellen. Rund 7.000 knallrote Zettel, von Azubis unterschrieben, lagen im Tagungshotel aus und untermauerten die Forderung.

Genau an diesem Punkt aber waren die Fronten verhärtet: Die Arbeitgeber waren strikt gegen einen tariflichen Zwang zur Übernahme. Bis tief in die Nacht wurde heftig diskutiert.

Als Hans-Carsten Hansen, Verhandlungsführer des BAVC, am Nachmittag des Folgetags als Erster das Mikrofon ergriff, um die Einigung zu verkünden, war es mucksmäuschenstill. Die Höhe des Abschlusses von 3,7 Prozent schmerze die Arbeitgeber, bekannte Hansen. Man sei beim Geld „bis ans äußerste Limit gegangen“.

Der Vertrag beinhaltet am Anfang einen sogenannten Leermonat, also eine Wartezeit ohne eine Erhöhung.

Betriebe, die wirtschaftlich besonders zu kämpfen haben, dürfen die Erhöhung um zwei weitere Monate hinauszögern. Für ein Aufatmen bei den Arbeitgebern sorgte dagegen die Tatsache, dass sie auch künftig allein entscheiden, ob Jugendliche nach der Ausbildung übernommen werden – ohne tarifliche Vorschriften. Dennoch sah auch Peter Hausmann, Verhandlungsführer der IG BCE, dieses Ergebnis als Erfolg an.

Es sei gelungen, betonte er, durch den neuen Tarifvertrag „Zukunft durch Ausbildung und Berufseinstieg“ die Ausbildungs- und Übernahmeperspektiven der jungen Leute zu verbessern. Er freute sich über „200 zusätzliche Azubi-Plätze“ und die Tatsache, dass die unbefristete Übernahme künftig „der Normalfall“ sei.

Beide Parteien bekannten sich ausdrücklich zu einem starken Engagement für die Jugend: „Wir denken heute schon an die Fachkräfte von morgen“, versicherte Margret Suckale, Präsidentin des BAVC. Die jungen Menschen seien „eine echte Herzensangelegenheit“ der Sozialpartner. Dafür engagiere man sich, „dafür steht die Chemie“.

Was ihr aber ebenfalls am Herzen liegt, ist die Wettbewerbsfähig-keit der Unternehmen – „gerade in einer Zeit, in der immer mehr Belastungen auf die Wirtschaft zukommen“.

Alle Positionen unter einen Hut bringen

Über die Einschätzung, wie es um die wirtschaftliche Lage der Branche tatsächlich steht, hatte es im Vorfeld erhebliche Differenzen gegeben. Zum Schluss aber konnten doch noch alle Positionen unter einen Hut gebracht werden.

„Das Ergebnis steht in der Tradition einer erfolgreichen Tarifpolitik, die der wirtschaftlichen Stärke der chemischen Industrie entspricht“, meinte der Vorsitzende der IG BCE, Michael Vassiliadis. Gleichzeitig sei man einen weiteren Schritt auf dem Weg vorangekommen, den „demografischen Wandel in der Branche“ zu gestalten.

Kaum waren die Inhalte offiziell verkündet, da folgten schon erste Rückmeldungen über den Kurznachrichtendienst Twitter: „Blitzsauberer Abschluss“, „gute Arbeit“ und „gut gemacht“, hieß es da.


Der Tarifabschluss in Kürze

Foto: Fotolia
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Geld

Um 3,7 Prozent steigen der Lohn für die Chemie-Beschäftigten sowie die Ausbildungsvergütungen – nach einem Leermonat. Die Laufzeit beträgt 14 Monate. Die Entgelterhöhung greift je nach Tarifbezirk unterschiedlich: in Nordrhein, Rheinland-Pfalz und Hessen rückwirkend zum 1. Februar; in Westfalen, Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen/Bremen, Schleswig-Holstein/Hamburg und Berlin zum 1. März; im Saarland und in Nordost zum 1. April. Unternehmen mit gravierenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten (Verlust) können die Erhöhung um zwei Monate verschieben. In diesem Fall muss der Betriebsrat nicht zustimmen.

Foto: Fotolia
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Ausbildung

Die Tarifparteien bekennen sich weiterhin zu dem Grundsatz „Ausbildung geht vor Übernahme“. Das Angebot an Ausbildungsplätzen soll um 200 auf 9.200 Stellen erhöht werden. Die Entscheidung, ob ein Ausgebildeter übernommen wird, bleibt den Unternehmen vorbehalten. Künftig soll bei Übernahmen die unbefristete Einstellung der Normalfall sein. Das regelt der neue Tarifvertrag „Zukunft durch Ausbildung und Berufseinstieg“. 

Was die Mitarbeiter sagen

Foto: Worlitz
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Murat Gümüsay (42), Kesselwärter bei der BASF in Ludwigshafen:
„Das Ergebnis ist akzeptabel. Ich hatte zwar gehofft, dass der Abschluss wieder ähnlich hoch ausfällt wie im Jahr 2012. Aber am Ende ist mir viel wichtiger, dass mein Arbeitsplatz sicher ist. Dass es zusätzliche Ausbildungsstellen geben soll, finde ich auch schön. Ich würde mich vor allem freuen, wenn mehr Real- und Hauptschüler eine Chance bekämen.“

Foto: Schmidt
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Heiko Flachendecker (24), Lacktechniker bei Akzo Nobel in Stuttgart:
„Ich finde, das Ergebnis der Tarifverhandlungen ist zufriedenstellend. Und gut gefällt mir, dass sich Arbeitgeber und Gewerkschaften in Hannover doch so schnell auf einen Abschluss geeinigt haben.“

Foto: Scheffler
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Doris Hanauer (52), Biologie-Laborantin bei Bayer CropScience in Frankfurt- Höchst:
„Ich bin angenehm überrascht. Nach den letzten Abschlüssen hatte ich mit weniger gerechnet. 3,7 Prozent finde ich richtig gut. Vieles ist teuer geworden, vor allem der Sprit. Für Pendler wie mich, 70 Kilometer einfach zwischen zu Hause und Job, ist das ein echtes Problem. Da hilft der Abschluss sehr.“

Foto: Werk
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Mehmet Ekiciler (52), Produktionsarbeiter bei PHP-Fibers in Obernburg (Bayern):
„Alles in allem finde ich, ist das ein Tarifabschluss, der in die Zeit passt. Schließlich wird alles teurer, die Miete, der Strom.“

Foto: Lorenzcat
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Ingelore Wolff (56), Ausbildungsleiterin bei Cargill Texturizing Solutions in Hamburg:
„Mich freut, dass der Berufsausbildung ein so großer Stellenwert einräumt wird. Der Grundsatz ‚Ausbildung geht vor Übernahme‘ zeigt, dass die Tatsache, überhaupt Ausbildungsplätze anzubieten, Vorrang haben sollte. Das betont die gesellschaftliche Verantwortung der Unternehmen.“

Foto: Wolter
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Ali Sahin (42), Referent Bilanzierung bei Currenta in Leverkusen:
„Der Tarifabschluss liegt im Rahmen dessen, was ich erwartet hatte: leicht unter 4 Prozent. Das ist okay. Es kann nicht immer so gut werden wie zuletzt im Jahr 2012, wo es 4,5 Prozent Entgelterhöhung gab. Dass man den Azubis bessere Übernahme-Chancen geben will, ist auch gut. Man kann nicht junge Leute ausbilden und sie nach dem Abschluss auf der Straße stehen lassen.“

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