Behinderte Menschen

2 Euro pro Stunde: Integration oder Ausbeutung?


Wie Behinderten-Werkstätten mit der Industrie zusammenarbeiten

Langenselbold. Seit zwei Jahren ist das sein Job: Trojan Kwik (56) steckt ein zweiteiliges weißes Plastik-Röllchen auf einen Metallstempel, eine Maschine wickelt Klebeband drumrum, und dann tut er das Röllchen in eine schwarze Sammelbox: „Wenn man das jeden Tag macht“, sagt er, „geht das ruck, zuck.“

Der Mann mit dem orangefarbenen T-Shirt und der schwarzen Filzmütze ist behindert. Lernbehindert. Und einen Rollstuhl braucht er auch. Aber wenn Trojan Kwik hier an der Maschine sitzt, in der Halle des „Dienstleistungszentrums Langenselbold“ (Hessen), dann vergisst er das alles. Und ist nur für „sein“ Produkt und dessen Qualität da. Er weiß: „Was beschädigt ist, das ist unbrauchbar und muss raus.“

Der Mann klebt Gehäuse für Spulen zusammen, die später in sogenannte FI-Schutzschalter eingebaut werden. Ein sensibles Produkt, wie der Betriebsleiter Detlef Ebert erklärt: „Die FI-Schalter schützen im Haus oder Büro vor einem Stromschlag.“

Der Betrieb, der zum „Behinderten-Werk Main-Kinzig“ gehört, leistet diese Arbeit im Auftrag der Hanauer Firma VACUUMSCHMELZE (VAC). Eines von vielen Industrie-Projekten: 9,5 Millionen Euro Jahresumsatz macht das Behinderten-Werk mit Montage und Service für Autozulieferer, für Elektro-, Gummi- und Kunststoff-Firmen. Kwik und seinen 1.100 geistig und psychisch behinderten Kollegen gibt diese Arbeit Tagesstruktur und Lebensinhalt.

„Die Qualität stimmt“

Kann man Spulen für Elektro-Schalter behinderten Beschäftigten anvertrauen? Das fragte sich auch Dirk Lauber, Einkäufer beim Auftraggeber VAC. Und er wurde positiv überrascht: „Das kriegen die toll hin“, versichert er. „Die Qualität stimmt. Dabei kann man bei diesem Produkt einiges falsch machen.“ Kwik und seinen Kollegen passiert das aber nicht. Tag für Tag jagen sie ihre Spulen-Röllchen durch die Maschinen – und liefern dem weltweit führenden Hersteller von magnetischen Werkstoffen pünktlich zu. Und einige Schritte weiter gibt Inge Habermann im Auftrag eines tschechischen Verpackungsherstellers Plastik-Teilen den letzten Schliff: „Ich mache das gerne“, sagt sie.

Wachskerzen für den Weihnachtsbasar, Schaukelpferde und Gartenmöbel – das ist entgegen landläufiger Meinung nur ein Nebengeschäft der bundesweit 700 Werkstatt-Unternehmen. Ihre 285.000 behinderten Mitarbeiter in 2.400 Betriebsstätten sind zu 85 Prozent mit Lohnfertigung und Dienstleistungen für die Industrie beschäftigt. Ihr Gesamtumsatz: stolze 2 Milliarden Euro.

Doch der Lohn für den Einzelnen ist bescheiden: Auf 150 bis 250 Euro im Monat kommen die Beschäftigten in den acht Betrieben des Behinderten-Werks Main-Kinzig, be- richtet dessen Geschäftsführer Martin Berg. „Wenn jemand sehr produktiv oder eigenständig ist, sind bis zu 500 Euro im Monat drin.“

„Die Werkstatt bietet Freunde“

Im Durchschnitt, so Berg, liegt der Stundenlohn bei 2 Euro. Im Grunde ist das nur ein „besseres Taschengeld“. Ist das nicht Ausbeutung? „Das könnte man schnell denken – aber Arbeitsleistung und Wertschöpfung sind nun einmal deutlich geringer als in der normalen Industrie“, sagt der Geschäftsführer. „Sonst hätten einige unserer Beschäftigten anderswo einen Hilfsarbeiterjob.“ Den Sprung auf den normalen Arbeitsmarkt schaffen pro Jahr nur ein oder zwei seiner Schützlinge.

Auch Andreas Bollmer, als Vorsitzender der „Bundesvereinigung der Werkstatträte“ quasi der oberste Betriebsrat behinderter Beschäftigter in Deutschland, will nicht von Ausbeutung reden. „Klar würden wir gern mehr verdienen“, sagt er. Aber im Vergleich zum Niveau in der Industrie müsste sich der Lohn vervielfachen. „Ich sehe nicht, wie das zu finanzieren ist.“

Für die meisten Beschäftigten sei das auch nicht das zentrale Thema. „Die Werkstatt bietet Freunde, das ist wie Familie“, sagt Bollmer. „Da nimmt man den niedrigen Lohn in Kauf.“

Tatsächlich haben die Werkstätten für behinderte Mitarbeiter in erster Linie einen sozialen Auftrag. „Dieses Engagement war für uns auch ein Aspekt der Auftragsvergabe“, sagt Dirk Lauber, der Einkäufer bei der Hanauer VAC.

Damit möglichst jeder behinderte Mitarbeiter eine Arbeit bekommt, die optimal zu seinen Fähigkeiten und Wünschen passt, bieten die Werkstätten möglichst viele verschiedene Tätigkeiten an: Montage, Aktenvernichtung, Scannen von Post, Arbeit in Gärtnerei und Schreinerei, aber auch Catering für Schulen und Altersheime. Die Vielfalt bedeutet aber auch: Man verzichtet auf lukrative Großproduktion.

„Hilfe beim Gang zur Toilette“

Außerdem benötigen die Beschäftigten mit Handicap viel Betreuung. „Der eine braucht Hilfe beim Gang zur Toilette, die andere beim Essen“, schildert Detlef Ebert, der Betriebsleiter in Langenselbold. „Oder jemand kommt aggressiv aus der Mittagspause zurück – und einer unserer Betreuer muss ihn dann beruhigen.“

Das tun speziell ausgebildete Fachkräfte. Sonst ist schnell ein ganzes Arbeitsteam aufgeregt. Es läuft eben anders als in der normalen Industrie-Produktion.

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