Reportage

1.000 Jahre Tradition


Kellermeister Pallecchi: „Die Arterien eines 18-Jährigen.“

Eine Firma für die Ewigkeit – gibt’s das überhaupt?

Sie glauben, das gibt’s nicht? Dann lesen Sie die Geschichte des toskanischen Weinbauern Alamanno Contucci! Er erlebt die gleiche Herausforderung wie viele deutsche Industriebetriebe: Auch mit großer Vergangenheit muss man sich die Zukunft täglich neu am Markt erkämpfen ...

Der Ölzweig ist neu. Vor ein paar Monaten, am Palmsonntag, hat Alamanno Contucci ihn nach dem Kirchgang in sein kleines Keller-Büro gebracht. Hat ihn oben an das Bild des Herrn Jesus geklemmt, das hinter seinem Schreibtisch hängt. So verziert, schaut Jesus auf einen Ort der Beständigkeit: antike Holzmöbel, eng aneinander gestellt, umfangen von uralten Mauern.

Die Mauern bergen eine Firma, die für die Ewigkeit geschaffen scheint. „Für 2008 haben wir die Feiern zum tausendjährigen Bestehen angesetzt“, vernehmen die Bewohner des italienischen Weinstädtchens Montepulciano (Toskana) derzeit von ihrem prominentesten Bürger. Und: „Wir sehen auch den kommenden 1.000 Jahren mit großer Freude entgegen.“

Nicht führend, nicht top – bloß alt

So steht er in seinem Büro, die Hände weit vorn vor seinem rundlichen Bauch gefaltet, und blickt noch milder drein als der Heiland über dem Schreibtisch: Alamanno Contucci, 64 Jahre alt, Patriarch einer Weinbauern-Dynastie. Er sieht nett aus: Mit der Halbglatze und dem lachsfarbenen Strickpullover erinnert er an den Papa aus den „Vater und Sohn“-Zeichnungen von E. O. Plauen.

Contucci kommt mit wenig Chefzimmer aus – und ohne Distanz zum Kunden. Seine Tür ist auf, sein Schreibtisch steht drei Stufen unterhalb des Korridors, so dass die vielen Weinliebhaber aus den Verkostungs- und Verkaufsräumen nebenan beinahe zu ihm hereinstolpern.

Qualität? Die gerahmten Urkunden unterhalb des Herrn Jesus will er nicht zu hoch bewerten: „Ein Wein, der immer Preise gewinnt, wird unsympathisch.“ Auch die Buchhaltung, ein paar Aktenordner an der Wand gegenüber, gibt keine Superlative her. „Wir sind Nummer 20 von 65 Abfüllern am Ort.“ 20 Hektar Weinberg, 700.000 Euro Jahresumsatz. Dieses Unternehmen ist weder führend noch top. Es ist bloß alt. Uralt.

Alamanno Contucci, mit Tochter Ginevra: Es scheint, als prallten die Gesetze der Marktwirtschaft an seinem Palazzo einfach ab.

Es scheint, als prallten die Gesetze der Marktwirtschaft, der ökonomischen Auslese, an den Mauern des Palazzo Contucci einfach ab. Die Sommerkonzerte, in denen Italiens Cembalo-Elite den Festsaal mit Klang erfüllt, geben den Contuccis einen Hauch von Unsterblichkeit. Ebenso die Lage ihrer Festung, am höchsten Punkt der Stadt, gegenüber dem Rathaus und Seite an Seite mit dem Bischofssitz.

Die Tradition ist stark genug, um Biografien zu formen. Sie hat auch Alamanno, als 25-Jährigen, vor eigenen Wegen bewahrt. Der Diplomaten-Pass steckte schon fast in seiner Tasche, als er im Juli 1969 nach abgeschlossenem Politik-Studium zum Auswahlverfahren für den Botschafter-Dienst reisen sollte. Doch auf den Getreidefeldern, die den Weinanbau des Familienclans ergänzen, war Erntezeit. „Irgendetwas Göttliches hat mich gerufen, die Sache abzublasen und mich in Rom gar nicht erst vorzustellen“, sagt Contucci heute.

Er kehrte an den Ort seiner Bestimmung zurück – mit der trotzigen Unbeirrbarkeit des Herrn Jesus am Palmsonntag. „Ich muss nicht in die Welt hinausziehen, wenn ich sie in meiner Kellerei zu Gast habe“, lautet jetzt sein Credo.

Der Firma blieb so eine Führungkrise erspart: Der Bruder ist mittlerweile gestorben, die beiden Schwestern sind nur stille Teilhaber; Frauen haben das Weingut noch nie geleitet. Vielleicht wird das einmal anders. Jetzt steht Contucci mit seiner Tochter Ginevra in der Tür zum Verkostungsraum, hat den rechten Arm zärtlich über ihre Schulter gelegt, während Adamo Pallecchi, sein geliebter Kellermeister, gerade seine Mimik- und Rhetorik-Show abzieht.

„Wichtig, wichtig“, dröhnt es den angereisten Wein-Fans entgegen, „unser Wein ist ein adeliger Wein, der das Blut schneller durch die Adern fließen lässt, mein Arzt hat es mir attestiert, ich bin 69 und habe die Arterien eines 18-Jährigen!“ Contucci grinst, schüttelt sachte den Kopf. Vor ihm brilliert jahrzehntelange Erfahrung. Neben ihm blüht die Zukunft.

Ginevra ist 31, steht da in Jeans und mit schlichter Frisur, eher wie eine junge Lehrerin als wie die künftige Repräsentantin eines Jahrtausendgeschlechts. Sie hat in Florenz eine Handelsschule besucht und arbeitet sich ein – wie ihr Bruder Damiano, der sich um die Weinberge kümmert, und Cousin Andrea. Ein Enkel ist unterwegs. Die Zukunft liegt in trockenen Tüchern. Wenn da nicht der Markt wäre.

Kein Platz für Wachstum

Alamannos vor dem Bauch gefaltete Hände ziehen sich fester zusammen, und die vier Stirnfalten werden tiefer, wenn die Rede auf amerikanische oder australische Wein-Giganten kommt, die das Geschäft im Stil von Großraffinerien betreiben. Oder auf das 100 Kilometer nordwestlich gelegene Weindorf Tenuta di Castelfalfi: Der deutsche TUI-Konzern hat es kürzlich komplett gekauft, für eine viertel Milliarde Euro, als Touristen-Attraktion.

Bei den Contuccis dagegen, die im Keller ihres Palastes produzieren, scheitert Wachstum schon am Platzmangel. Alamanno sagt, was alle Mittelständler in einer solchen Lage sagen: „Uns hat noch keiner kaufen wollen. Wir stehen auch nicht im Schaufenster.“

Ein wenig mulmig ist ihm dennoch. Vielleicht nicht konkret auf seine Firma bezogen, aber generell. Früher hat er für die liberale Partei im Provinzparlament gesessen, wollte Wirtschaft und Soziales in Einklang bringen. Heute ist die Partei aufgelöst, und Contucci kümmert sich um die Förderung des Volleyballs: Die Nachfolgepartei mag er nicht, er findet, sie schaut zu sehr auf die Weltwirtschaft und zu wenig auf Betriebe vor Ort.

Trotz solcher Betrübnisse: Wieder geht ein guter Tag zu Ende. Gleich nach dem Aufstehen war Contucci in den Keller gestiegen und hatte jedes der 115 riesigen Weinfässer auf undichte Stellen überprüft. Am Nachmittag war er dann in die Weinberge gefahren, hatte mit den Arbeitern den Abschluss der Weinlese gefeiert. Sie legten ein paar Bretter über Holzkisten, klemmten dem Chef einen Plastikstuhl unter den Hintern und speisten fürstlich: Nudeln, Hühnchen, Bratkartoffeln, sogar Früchtekuchen. Und natürlich Wein.

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