Im Schnitt haben Arbeitnehmer 19,4 Tage pro Jahr im Betrieb gefehlt, so der AOK-Fehlzeiten-Report 2019. Der Krankenstand lag demnach im Jahr 2018 bei 5,5 Prozent und damit leicht höher als ein Jahr zuvor. Sieht das in der Chemiebranche genauso aus? Und was tun die Betriebe, um ihre Belegschaft gesund zu halten? Das erläutert Harald Wellhäußer (55) von der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie (BG RCI) in Heidelberg: Als stellvertretender Leiter der Prävention und ausgebildeter Mediziner kennt er sich hier bestens aus.

Laut AOK klagen Mitarbeiter am häufigsten über Atemwegsprobleme, Muskel-Skelett-Erkrankungen und psychische Probleme. Letztere nehmen deutlich zu …

In den Chemiebetrieben gleicht das Krankheitsbild der Belegschaft dem der allgemeinen Bevölkerung. Die Zunahme der psychischen Erkrankungen beschäftigt uns sehr, zumal die Zahl der Fehltage hier zwischen 2009 und 2018 um 64,2 Prozent angestiegen ist. Solche Probleme führen zu langen Ausfallzeiten.

Im Schnitt fehlen die Betroffenen durch eine psychische Erkrankung laut AOK 26,3 Tage, während der gesamte Durchschnitt je Fall bei 11,8 Tagen liegt. Wir empfehlen daher, das Thema der psychischen Belastungsfaktoren bei der Arbeit aufzugreifen und zu prüfen, ob sich daraus Maßnahmen für den Arbeitsplatz ableiten lassen.

Was belastet denn die Psyche am Arbeitsplatz?

Schlüsselfaktoren sind zum Beispiel zu wenig Handlungsspielraum, zu hohe Arbeitsintensität oder eine geringe soziale Unterstützung. Aber auch Schichtarbeit, viele Überstunden oder ein destruktiver Führungsstil können die Gesundheit beeinträchtigen. Wir haben in der BG RCI das Kompetenz-Center „Gesundheit–Medizin–Psychologie“ mit 18 Mitarbeitern eingerichtet, das sich genau mit dieser Thematik beschäftigt.

Wir bieten den Firmen Beratungen zu allen Themen an, etwa wie man Stress durch Überlastung oder Fehlbeanspruchung vermeiden kann oder wie man gegen Mobbing vorgeht, um ein extremes Beispiel zu nennen. Ziel ist es, einen Beitrag zum Erhalt der individuellen Beschäftigungsfähigkeit zu leisten.

Im Schnitt sind gewerbliche Chemiemitarbeiter 43 Jahre alt und älter, Tendenz steigend. Da nehmen gesundheitliche Probleme zu. Wie helfen Sie hier?

Wir unterstützen die Betriebe zum Beispiel beim Aufbau eines betrieblichen Arbeitsschutzmanagements und führen auch die Auditierung durch. Als Zertifikat gibt es bei gelungener Umsetzung das Gütesiegel „Sicher mit System“. Zu Einzelthemen wie Schichtarbeit, Rückenproblemen, Suchtmitteln, Stress oder Schwangerschaft bieten wir Seminare, Broschüren oder auch Filme und andere Medien an.

Allerdings betrachten wir Dinge wie Ausgleichsübungen gegen Verspannungen, Ernährungsberatung und dergleichen nur als „Kür“. Unsere „Pflicht“ – und die der Betriebe – ist die umfassende sichere und gesundheitsgerechte Arbeitsplatzgestaltung. Wir sind auch spezialisiert auf Prozesse und Arbeitsabläufe in der chemischen Industrie. Wenn sich etwa Verfahrensweisen in der Produktion so optimieren lassen, dass sich Beschäftigte passgenau in die Abläufe integrieren, wird die Arbeit selbst gesundheitsförderlich sein können.

Was hat sich bewährt, was klappt weniger?

Bezogen auf ältere Mitarbeiter ist es zum Beispiel nicht zielführend, diese Gruppe losgelöst vom Rest der Belegschaft zu betrachten und sogenannte „Maßnahmen Ü 50“ aufzulegen. Das führt zu Stigmatisierung und macht Ältere zu defizitären Außenseitern im Betrieb – ein ganz falsches Bild.

Unsere Beratungen, etwa zur ergonomischen Schichtplangestaltung, richten sich daher an alle Altersgruppen im Betrieb. Je nach Lebensphase – wie etwa bei der Familiengründung – wollen vielleicht auch jüngere Schichtarbeiter ihre wöchentliche Arbeitszeit reduzieren. Wir zeigen, dass es mit modernen Schichtsystemen möglich ist, individuelle Wahlarbeitszeiten anzubieten. Davon profitieren alle Generationen.

Bringt Prävention überhaupt etwas?

Wissenschaftlich belegen lässt sich der Nutzen von Prävention leider nicht. Doch ich persönlich bin davon überzeugt, dass jeder von Maßnahmen der Prävention profitiert. Zumindest können wir nachweisen, dass sich diese Investitionen in die Sicherheit und Gesundheit der Arbeit durchaus wirtschaftlich „rechnen“, wenn man die Präventionskosten dem Präventionsnutzen im Betrieb gegenüberstellt. Laut einer Studie der Universität Gießen erbringt ein investierter Euro an dieser Stelle am Ende einen Gegenwert von 1,60 Euro.

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