Goslar. 430 Grad heiß ist das flüssige Blei. Michael Reinert gießt es mit einer Schöpfkelle in eine Presse, greift zu einem mächtigen Schraubenschlüssel und verschließt den Behälter. Produktion beim Strahlenschutz-Spezialisten JL Goslar. Die Wasserpresse aus dem Jahr 1906 funktioniert noch einwandfrei.

Aber: Zwischen Tradition und Moderne liegen hier nur wenige Meter. In der benachbarten Halle nimmt Fertigungsleiter Oliver Blach gerade eine neue Plasmaschneidmaschine in Betrieb. Das ist Hightech vom Feinsten. „Die Maschine arbeitet vollautomatisch“, sagt Geschäftsführer Franz Martin Knoop. „Die rentiert sich bei hohen Stückzahlen. Die Wasserpresse hingegen nutzen wir bei kleinen Stückzahlen.“

Blei sorgt für Strahlenschutz in Medizintechnik, Werkstoffprüfung oder Kernkraftwerken

Wer durch die Fertigung geht, bekommt beeindruckende Bilder geboten: hochmoderne Maschinen in historischen Hallen, Schmelzkessel voll heißem Blei, mächtige Behälter. Gerade versehen Spezialisten einen Stahltank mit einer Bleischicht. Sie verhindert, dass Strahlung eines radioaktiven Materials, mit dem der Tank später einmal gefüllt wird, nach außen dringt. JL Goslar gilt weltweit als führend auf diesem Arbeitsgebiet.

Strahlenschutz ist ohne Blei nicht möglich: In Kernkraftwerken sowie in der Medizintechnik, in der Werkstoffprüfung, bei der Gepäckkontrolle oder in der Lebensmittel-Industrie, wo Dinge durchleuchtet werden. Platten, Bleche und Folien zum Abschirmen von Räumen und Anlagen produzieren die Goslarer. „Blei sorgt für Sicherheit“, sagt Knoop. Der Umgang mit dem Schwermetall ist streng reglementiert. Seine Mitarbeiter bekommen über ihre Schutzhelme gefilterte Luft zugeführt, und sie werden regelmäßig ärztlich untersucht.

„Wir können homogene Gusskörper aus Blei ohne Poren erzeugen.“

Gerade richten sie einen doppelwandigen Stahlschrank auf. Daneben steht ein Schmelzkessel mit flüssigem Blei, das nun in den nur wenige Zentimeter breiten Hohlraum zwischen den beiden Außenwänden des Tanks gegossen wird. Kaum ist es im Zwischenraum verschwunden, beginnt ein Ringgeschirr mit Flammen und Kühlleitungen mit genau berechneter Geschwindigkeit nach oben zu wandern. Dieses mehrere Stunden dauernde Verfahren beherrscht JL Goslar wie kaum ein anderes Unternehmen auf der Welt. „Wir haben es selbst entwickelt“, berichtet Knoop. „Damit können wir homogene Gusskörper aus Blei ohne Poren erzeugen.“

Er ist stolz darauf, dass diese Behälter die weltweit strengsten Sicherheitsauflagen für den Transport von radioaktiven Flüssigkeiten erfüllen. Nicht selten sind es Unikate, die Leckage-Gefahr ist extrem minimiert.

Transportbehälter für Brom werden weltweit „Goslars“ genannt

Damit hat sich das Unternehmen einen Namen gemacht. Transportbehälter für Brom werden im Fachjargon weltweit „Goslars“ genannt. Geschäftsführer Knoop betont: „Keiner unserer Gefahrgut-Container hat irgendwo auf der Welt aufgrund eines Fertigungsfehlers versagt.“

Zudem ist Blei recycelbar. Bleianoden zum Erzeugen von hochreinem Zink werden bei JL Goslar produziert, aber auch wieder vollständig recycelt. Auch Anoden zur Oberflächenbehandlung von Edelstahlbändern benötigen einen Bleimantel. Das ist die Spezialität von Issan Shin und Ahmed Ramadan. Sie schmelzen alte Anoden ab und geben ihnen eine neue, fünf Millimeter dicke Bleihaut.

160 Mitarbeiter beschäftigt JL Goslar. Facharbeiter zu finden, ist in der traditionsreichen Bergbauregion Harz noch kein Problem. Nur Führungskräfte sind schwer zu locken.

Auch wenn die Marktnische sehr klein ist, sind die Zukunftsaussichten gut. So spürt das Harzer Unternehmen, wenn die Auto-Industrie auf die E-Mobilität umstellt. Auch beim Herstellen der Batteriezellen sind Anlagen zur Werkstoffprüfung gefragt.

Gießerei-Industrie

Kennzahlen der Branche im Corona-Jahr 2020

  • 68.000 Menschen beschäftigen die rund 600 Branchen-Unternehmen.
  • 3,5 Millionen Tonnen Gussprodukte erzeugten sie.
  • 10 Milliarden Euro Umsatz machten die Betriebe.
Werner Fricke
Autor

Werner Fricke kennt die niedersächsische Metall- und Elektro-Industrie aus dem Effeff. Denn nach seiner Tätigkeit als Journalist in Hannover wechselte er als Leiter der Geschäftsstelle zum Arbeitgeberverband NiedersachsenMetall. So schreibt er für aktiv über norddeutsche Betriebe und deren Mitarbeiter. Als Fan von Hannover 96 erlebt er in seiner Freizeit Höhen und Tiefen.

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