In vielen angesagten Spielen genügt es längst nicht, einfach „gut zu sein“. Die Games machen nur Spaß, wenn man sich mit sogenannten In-App-Käufen Vorteile verschafft. Und die kosten Geld. Schnell können sich die Kosten für digitale Gadgets summieren – und schon ist das Kind in die digitale Falle getappt. Worauf müssen Eltern achten, damit das nicht passiert? Der Medienwissenschaftler Frederik Weinert hat die Mechanismen von In-App-Käufen in Spielen untersucht. Der promovierte Sprachwissenschaftler und Autor des Buches „Hilfe, mein Kind ist ein Smombie. Unsere Kids im digitalen Rausch“ gibt hier wertvolle Tipps.

Können Eltern nicht einfach In-App-Käufe ausschließen?

Der Medienexperte sieht das differenziert: „So leicht ist das nicht. Es lassen sich natürlich In-App-Käufe je nach Betriebssystem gezielt sperren oder mit einem Passwort verschlüsseln“, so Weinert. „Aber pfiffige Kids finden immer eine Möglichkeit, die Einschränkungen zu umgehen. Viele Spiele sind auch als Browser-Version auf dem PC spielbar. Das Geld wird also via PC eingezahlt, um dann beim Zocken auf dem Smartphone von den Belohnungen zu profitieren. So kann man Sperren der Eltern umgehen.“ 

App-Käufe mit Guthaben-Codes oder Paysafecard: Eine Kreditkarte ist nicht nötig

Als Erwachsener denkt man: Mein Kind wird für so etwas kein Geld ausgeben können, es hat ja schließlich keine Kreditkarte. Das ist ein Irrtum. „Die Bezahlung erfolgt beispielsweise via Paysafecard – und die gibt es an jeder Tankstelle!“, sagt der Experte. „Einige Tankstellen verkaufen die Karten tatsächlich nicht an Minderjährige, aber man kann ja den großen Bruder vorschicken... Und im Internet lassen sich ohne Problem etwa iTunes-Codes kaufen. Auch in Geschäften gibt es Karten mit Guthaben.“

Beim Bezahlen sind Eltern ihren Kindern oft ein Vorbild

Erwachsene nutzen zudem ihre Kreditkarte für Einkäufe mit dem Smartphone oder für Musikdownloads. „Kinder können sich die Kreditkarte oder sogar das Smartphone von Mama oder Papa mit der eingespeicherten Zahlungsart schnappen und heimlich In-App-Käufe für ihr Lieblingsspiel tätigen. Sobald die Käufe mit dem Account des Spiels verbunden sind, hat das Kind auch auf dem gesperrten Handy darauf Zugriff.“

Im Extremfall verschmelzen die Kinder mit dem Spiel

Einige Spiele machen tatsächlich rasch süchtig. „Es kommt zur sogenannten Immersion“, erklärt der Medienwissenschaftler. „Das bedeutet, dass die Kinder mit der Spielhandlung verschmelzen, in der jeder Sieg unglaubliche Glücksgefühle auslöst. Die Spiele sind so konzipiert, dass das Kind nach einigen Spielstunden nur noch sehr langsam und irgendwann gar nicht mehr vorankommt. Die Lösung sind In-App-Käufe, die ich mit einer Injektion von Drogen vergleiche. Es muss immer wieder nachgespritzt werden, damit die Glücksgefühle erhalten bleiben.“

Deshalb häufen sich die Einzahlungen. Wie bei vielen Suchtarten erkennen Süchtige die Abhängigkeit nicht selbst. „Vor allem Jugendliche und junge Erwachsene können abrutschen, weil es in vielen Spielen Glücksspielmechaniken gibt. Solche Spiele sollten für Minderjährige verboten werden“, findet Weinert.

Beliebte Falle in Spielen: Lootboxes

Eine große Falle in den Spielen sind sogenannte Lootboxes. Eine Lootbox ist eine virtuelle Schatztruhe, gefüllt mit Beute für das Spiel. „Darin sind beispielsweise Waffen, Upgrades und übermächtige Gegenstände, die im jeweiligen Handyspiel extrem wertvoll sind“, erklärt der Experte.

„Das hat natürlich seinen Preis, also kostet das Öffnen einer Lootbox im Schnitt zwei bis drei Euro. Es ist vorher allerdings nicht transparent, welche Art von Beute sich in der Box befindet. Die Kinder öffnen eine Box nach der anderen (denn das machen Influencer auf Youtube so vor), bis der große Gewinn kommt.

Eine Warnung vor kostenpflichtigen Angeboten gibt es nicht

Die In-App-Käufe sind fast immer als günstige Angebote mit Rabatt getarnt. Oft gibt es auch einen Countdown, dass das Angebot abläuft. Das erzeugt Druck. „Ja, es gibt zwar einen neutralen Hinweis, sobald eine virtuelle Leistung Geld kostet. Die Hemmschwelle ist dann aber niedrig, denn man will ja das vermeintliche Superangebot abgreifen.“

Regelwerk gegen den Kaufrausch

Weinert sieht zwei Möglichkeiten: „Ein hartes Vorgehen wäre, dem Kind kein eigenes Smartphone zu geben. Das ist unrealistisch, weil das Kind Kontakt halten möchte und muss, die digitale Erreichbarkeit über Whatsapp ist ja so etwas wie Gruppenzwang.

Als Elternteil kann man allerdings durchsetzen, dass das Kind erst dann ein Smartphone bekommt, wenn es 13 Jahre alt ist.“ In dem Alter könne man von einem Kind schon erwarten, dass es reif genug ist, die eigenen digitalen Handlungen und die daraus resultierenden Konsequenzen zu verstehen.

Aber klar ist auch: Nicht jeder ist so konsequent und untersagt das eigene Handy bis zu jenem Alter. „Eltern können aber ein Regelwerkaufstellen, also einen Nutzungsplan fürs Smartphone festlegen. Es sollte feste Handyzeiten geben, ein begrenztes Datenvolumen und kein WLAN über Nacht.“

Diese Regelung basiert allerdings auf Vertrauen. „Und nicht umsonst heißt es ja: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ Eltern müssen selbst mit gutem Beispiel vorangehen, nicht sorglos Kreditkartendaten und Co. verwenden und aufmerksam bleiben, um beim Kind Veränderungen im Nutzungsverhalten mit dem Smartphone festzustellen.

Kommt überhaupt ein rechtskräftiger Vertrag zustande?

Viele Eltern sind der Meinung: Es käme gar kein rechtskräftiger Vertrag zustande, da das Kind ja minderjährig und nicht geschäftsfähig ist... „Das kommt auf die Situation an. Wenn die Eltern den Account anlegen und das Spiel fürs Kind herunterladen, muss von einer Fahrlässigkeit ausgegangen werden. Das gilt auch dann, wenn das Kind das Passwort kennt. Klar ist dagegen der Fall, wenn das Kind die Kreditkarte der Eltern entwendet und sich selbst ein Konto zum Spielen anlegt. Die Eltern können das Geld dann zurückverlangen.“

Manchmal hilft es, sich beim Anbieter zu melden

Wenn Unsummen ausgegeben wurden, lohnt es sich, die Supportabteilung des Spieleherstellers zu kontaktieren. „Es kann helfen, die Situation ausführlich darzustellen und höflich um Kulanz zu bitten“, sagt Weinert.

Wenn Geldsummen abstrakt bleiben: Den Betrag vom Taschengeld abziehen

Das Grundproblem ist die Tatsache, dass für Kinder und Jugendliche die Geldsummen bei den In-App-Käufen abstrakt bleiben. Es ist erst mal nur virtuelles Geld, da verliert man schnell den Überblick. „Wenn das Kind oder der Jugendliche einen Zusatzinhalt für ein Handyspiel haben möchte, könnten Eltern den Betrag vom Taschengeld abziehen“, sagt Weinert.

Außerdem sagt der Experte: „Kinder gewinnen durch In-App-Käufe im Spiel an sozialer Beachtung. Wer in den Games schnell vorankommt und coole Items hat, wird von Freunden bewundert“, sagt der Medienwissenschaftler. „Da erfahren manche mit jedem Klick Selbstbestätigung, die vielleicht im Alltag sonst ausbleibt.“

Sind Games ohne In-App-Käufe unspielbar?

„Ich habe wirklich sehr viele Games getestet, und alle lassen sich auch ohne In-App-Käufe spielen“, so der Experte. „Irgendwann kommt man allerdings ohne die Käufe nur noch langsam voran oder man wird von anderen Spielen besiegt. Das ist eine Ego-Sache. Ist mir das egal, weil es ja nur ein Spiel ist? Oder möchte ich zurückschlagen und es den anderen zeigen?“, so Weinert.

Und weiter: „Die Höhe der Summen muss man sich dabei vor Augen führen, sehr schnell ist man dann bei 1.000 Euro und mehr, um langfristig mithalten zu können.“ Diese Dimensionen haben die meisten bei den ersten In-App-Käufen für ein paar Euro nicht im Blick. Eltern sollten sie ihren Kindern aber von vorne herein klarmachen.