Berlin/Münster/Hamminkeln/Hamm. Routine ist in diesen Tagen ein Fremdwort. Jeder Mitarbeiter spürt die Folgen der Coronakrise am Arbeitsplatz. Vom Veredler und Weber über Ausrüster und Produzenten von technischen Textilien bis zu Bekleidungsunternehmen – Kollegen fehlen wegen Krankheit, Aufträge werden storniert, Ausgangslager füllen sich.

„Der Schaden ist immens. Viele unserer Unternehmen sind in einem Ausnahmezustand“, so Ingeborg Neumann, Präsidentin des Gesamtverbands Textil+Mode in Berlin. Das Virus hat die Branche fest im Griff!

Deshalb gehen viele Betriebe neue Wege. Sie orientieren sich um, suchen Partner, um sich zu vernetzen. Das Ziel: Die Herausforderung der nächsten Wochen meistern, Produktion und Arbeitsplätze sichern.

Das funktioniert etwa über ein Netzwerk, das Mitte März via Facebook der Verband der Nordwestdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie in Münster gegründet hat. „Wir haben gemerkt, dass viele unserer Mitgliedsunternehmen aktiv werden wollten, ihnen aber die Kontakte fehlten“, heißt es aus dem Verband. Binnen Tagen traten über 130 Unternehmen der Facebook-Gruppe „Textile Schutzausrüstungen“ bei. Tendenz stark steigend.

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Dazu gehört auch das Textilunternehmen benevit aus Hamminkeln, ein Spezialist für Bettschutzauflagen und sterilisierbare Bezüge, der zur Van-Clewe-Gruppe gehört. Bei den Geschäftsführerinnen Xenia van Clewe und Dorothée van Clewe, die die Warenkoordination und Konfektion koordiniert, steht das Telefon nicht still.

Die Nachfrage nach diesen Produkten ist stark gestiegen. Genauso wie die Nachfrage nach Masken: „Wir fertigen zurzeit mehr als 200.000 Stück davon pro Woche. Die Aufträge reichen bis Ende April.“ Mit den eigenen Ressourcen wäre das nicht möglich. „Dafür haben wir in der Facebook-Gruppe Partner aus der Bekleidungsbranche gefunden.“

Freie Kapazitäten bei Herrenausstattern nutzen

So nähen jetzt Mitarbeiterinnen des Bekleiders Maibom, der normalerweise Baumwollstoffe bearbeitet, auch Masken - aus dem Stoff, der von benevit geliefert wird. Mit zu dem Netzwerk gehört Wilvorst im niedersächsischen Northeim – ein Spezialist für festliche Herrenmode. Dort lief Ende März die Herstellung der Masken an.

Die mehrfach verwendbaren Masken aus Mikrofaser sind zwar nicht für den medizinischen Bereich geeignet. „Wir hören aber von Großkunden, dass dieser Schutz stark nachgefragt wird“, so van Clewe. Masken also für Ärzte in ihren Praxen, Polizisten und Mitarbeiter städtischer Betriebe, die weiterhin Dienst tun. 

„Für solche Anwendungen, bieten auch wir in der Facebook-Gruppe Produktionskapazitäten an“, sagt Andreas Franz, Geschäftsführer des Herrenausstatters Benvenuto in Hamm. Und zwar im polnischen Produktionswerk, in dem Anzüge genäht werden und das sonst nach den Osterferien Urlaub machen würde. Dass in den Medien solche Masken in der Kritik stehen, sieht Franz differenzierter: „Wir können mit ihnen den Unternehmen Luft verschaffen, die für den Medizinbereich produzieren.“

Gleichzeitig kämpft er an einer anderen Front: dem Modehandel. Seit den Ladenschließungen bemüht er sich um individuelle Lösungen für Kunden, die nichts mehr verkaufen. Das können zusätzlicher Skonto als Anreiz oder die Verschiebung von Zahlungszielen sein.

Franz: „In jedem Gespräch versuchen wir, unseren Kunden Zuversicht zu vermitteln und klarzumachen: Wir schaffen das gemeinsam.“

Textil und Mode: Mittelständler weltweit erfolgreich

  • 1.400 Unternehmen gibt es deutschlandweit.
  • 32 Milliarden Euro Umsatz machte die Branche 2018.
  • 40 Prozent des Umsatzes entfallen auf den Export.

Quelle: Gesamtverband t+m